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Do, 15. Juli 2010, 16:00

Die Misere von Mozilla

Unzuverlässige Updates, mangelhafter Support und eine fehlgeleitete Markenpolitik - im Mozilla-Projekt läuft so einiges falsch.

In den letzten Wochen gab es zwei neue Updates für Firefox 3.6, die aktuelle Version des freien Webbrowsers. Sie hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können: Version 3.6.4 brachte den Benutzern ein wesentliches neues Feature, Sicherheits- sowie andere Korrekturen. Version 3.6.6 enthielt nur ein einzelne Änderung, um eine Regression zu beseitigen, die mit Version 3.6.4 eingeschleppt worden war.

Das neue Feature von 3.6.4, die Prozesstrennung, wird auch als unterbrechungsloses Browsen bezeichnet. Die Trennung der Prozesse, in denen Plugins laufen, vom Browserprozess hat den Effekt, dass abstürzende Plugins nicht mehr den Browser als Ganzes beeinträchtigen. Mit Ausnahme des betroffenen Tabs, das neu geladen werden kann, läuft der Browser weiter. In Version 3.6.4 erstreckte sich der Schutz allerdings nur auf Adobe Flash, Apple Quicktime und Microsoft Silverlight und nur unter Linux und Windows. Die Neuerung wurde also nicht vollständig implementiert.

Warum war das wohl der Fall? Die Liste sämtlicher Änderungen verrät es: Es gab auch wichtige Sicherheitskorrekturen, die wohl nicht länger warten konnten. Die Konsequenzen der verfrühten Veröffentlichung waren dreierlei Art:

  1. Die neue Funktionalität ist, wie bereits geschrieben, unvollständig. Ein späteres Update soll zur Ergänzung folgen. Wenn aber Updates zur Unterstützung weiterer Plugins nötig sind, dann sieht das Ganze für mich nach Stückwerk aus. Es wurde weder vollständig durchdacht noch in allgemeiner Weise implementiert.
  2. Es wurde ein Fehler mit eingebaut, der es für einige Benutzer unmöglich machte, überhaupt noch Videos zu sehen - eine böse Regression, die die schnell nachgeschobene Version 3.6.6 (3.6.5 wurde aus internen Gründen übersprungen) nötig machte.
  3. Wer nur an Stabilität und Sicherheit interessiert ist, muss zwangsweise die Prozesstrennung mit benutzen. Auch wenn sie nicht aktiv genutzt wird, könnte sie durch unerwartete Seiteneffekte weitere Probleme nach sich ziehen - was in dieser Firefox-Version mit der bekannten Regression bereits bewiesen wurde.

Die in Firefox 3.6.4 eingeführte Änderung war alles andere als trivial. Erstmals in der Geschichte von Firefox erforderte sie einen öffentlichen Betatest eines Updates. Dass dann trotz des Tests Fehler blieben, ist eigentlich normal. Man kann Mozilla dafür keinen Vorwurf machen. Regressionen kamen auch bei früheren Updates vor, bei denen eigentlich nur Fehler korrigiert werden sollten. Die Updates können prinzipiell von jedem vorab getestet werden, wir alle hätten also dazu beitragen können, dass es besser funktioniert.

Was ich Mozilla allerdings ankreide, ist, dass die Vorgehensweise schon im Ansatz völlig falsch war. Die Entscheidung vom Januar, das Entwicklungsmodell zu ändern und Updates von Firefox 3.6 nicht nur wichtige Korrekturen, sondern auch neue Funktionen zu liefern, war ein großer Fehler. Man sollte meinen, dass Mozilla, Entwickler eines der populärsten freien Programme und eine der finanzkräftigsten Organisationen in der freien Softwarewelt, in der Lage wäre, ein vernünftiges Entwicklungsmodell anzunehmen. Doch das ist nicht einmal mehr ansatzweise zu erkennen.

Dabei sah es mit Firefox 3.0, der Version, die den endgültigen Durchbruch brachte, noch sehr gut aus. Das war im Juni 2008. Erstmals benannte Mozilla die Firefox-Updates, die lediglich Fehler korrigierten, wie es sich gehört, nämlich 3.0.1, 3.0.2 usw. - die »kleine« Versionsnummer wurde hochgezählt, die Kompatibilität innerhalb der Serie 3.0.x blieb gewahrt. Parallel wurde an Firefox 3.1 gearbeitet, der wieder neue Funktionen bringen sollte. Ursprünglich sollte es gar kein Firefox 3.1 geben, die nächste Version sollte 4.0 sein, doch kurz vor der Fertigstellung von Version 3.0 stellte sich heraus, dass es ein paar Features nicht in diese Version schaffen würden, Version 4.0 aber noch zu weit in der Zukunft lag. So weit noch kein Problem.

Dass die Version 3.1 dann kurzfristig in 3.5 umbenannt wurde, zeigt mir, dass Mozilla zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem falschen Weg war. Wäre man bei der Nummer 3.1 geblieben, hätte man die Nachfolgeversion nicht in unlogischer Weise als 3.6 bezeichnen müssen, sondern hätte einfach und geradlinig mit 3.2 fortfahren können. Dieses Muster - grundlegende Änderungen werden durch Hochzählen der Hauptversionsnummer signalisiert, neue Funktionen bei weitgehender Kompatibilität durch Hochzählen der mittleren Versionsnummer und Korrekturen durch die kleine Versionsnummer - hätte Mozilla beibehalten sollen.

Am 30.6.2009 erschien dann Firefox 3.5, schon ein halbes Jahr später, am 22.1.2010, Firefox 3.6. Für kurze Zeit pflegte Mozilla drei Firefox-Versionen parallel, inzwischen sind es nur noch zwei, da Firefox 3.0 nach kaum zwei Jahren aus dem Support herausgefallen ist - schlechte Nachrichten für alle Linux-Distributionen mit längerem Support, die nun zwangsläufig Firefox 3.0 oder die Variante IceWeasel 3.0 aus den Distributionen entfernen.

Und das ist eine Maßnahme, die nun wirklich nicht akzeptabel ist, aber von Mozilla erzwungen wurde. Denn wenn das Ursprungsprojekt keine Updates mehr bereitstellt, müsste jeder Anwender oder jede Distribution eine eigene Version pflegen. Das aber verbieten die Markenrichtlinien von Mozilla, außer man erzeugt einen regelrechten Fork wie Debian mit IceWeasel oder GNU mit Gnuzilla. Doch selbst bei einem Fork wären die Betreuer auf sich allein gestellt.

Jedes freie Projekt sollte alle Versionen seiner Software unterstützen, die bei den Benutzern noch im Einsatz sind, wobei natürlich Erwägungen eine Rolle spielen, wieviele Ressourcen man besitzt und wie zumutbar ein Update für die Benutzer ist. Bei Mozilla ist die Sache klar: Dass das Unternehmen versucht, die minimalen Ressourcen für die Pflege der älteren Firefox-Versionen einzusparen, ist nicht akzeptabel. Firefox 2 und 3 sind in vielen Distributionen mit längerfristigem Support enthalten, und ein Update wird von vielen Benutzern nicht gewünscht. Ein häufiges Argument ist dabei, dass die eingesetzte Version alle Ansprüche erfüllt und man Besseres zu tun hat, als unmotiviert ein Programm zu aktualisieren. Bisweilen sind die Benutzer aber auch durch andere Abhängigkeiten wie Bibliotheken oder Erweiterungen an eine bestimmte Version gebunden.

Die Markenpolitik von Mozilla habe ich bereits erwähnt. Sie war bereits mehrfach Auslöser von Problemen, so im September 2008 bei Ubuntu 8.10, und führte zum Fork von IceWeasel durch Debian. Für ein Open-Source-Projekt sind die Mozilla-Markenrichtlinien in zweierlei Sicht ein Unding. Für Mozilla selbst gilt, dass es als freies Projekt solche Restriktionen erst gar nicht haben sollte. Vielleicht sind gewisse Richtlinien zum Schutz der Marke wirklich nötig, aber dann könnte es doch eine Ausnahme für freie Projekte geben, vielleicht sogar als Pauschalregelung. Aus der Sicht anderer freier Projekte sind die Mozilla-Markenrichtlinien einfach nicht akzeptabel.

Als Fazit halte ich fest, dass bei Mozilla derzeit einiges im Argen liegt. Drei Maßnahmen wären unbedingt geboten, und zwar möglichst schnell:

  1. Keine Vermengung von Korrekturen und neuen Funktionen. Neue Funktionalität könnte in Firefox 3.7, 3.8 usw. erscheinen, bis 4.0 fertig ist oder gar noch länger, wenn zugleich alle älteren Versionen mit Korrekturen versorgt werden.
  2. Längerer Support für die älteren Versionen. Im Prinzip so lange, bis es keine signifikante Zahl von Benutzern mehr gibt, selbst wenn es zehn Jahre sein sollten.
  3. Die Markenansprüche sollten komplett aufgegeben werden. Zumindest so weit, dass alle anderen freien Projekte keinen Beeinträchtigungen mehr ausgesetzt sind.

  • Dieses Werk wurde unter der GNU Free Documentation License veröffentlicht. Das Kopieren, Verbreiten und/oder Modifizieren ist erlaubt unter den Bedingungen der GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation.

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