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Di, 5. Februar 2013, 16:00

Die Fragmentierung der Gnome-Gemeinschaft

In Ihrem Bestreben, einen einheitlichen und einfachen Desktop zu erstellen, sind die Entwickler der freien Gnome-Umgebung über ihr Ziel hinausgeschossen. Die Folge sind Forks, Abwandlungen und Parallelentwicklungen und eine damit einhergehende Fragmentierung der ohnehin nicht gerade an Manpower gesegneten Gemeinschaft. Ein Kommentar.

Gnome 3.0

Mirko Lindner

Gnome 3.0

»Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen«. Selten hat eine dümmliche Aussage so passend zum Kontext einer Freigabe einer Software gepasst wie dieser Standardsatz aller Bedenkenträger. Visionär sollte sie werden, die Freigabe von Gnome 3. Auch mit den bestehenden Paradigmen wollten die Entwickler brechen. Revolutionäre Ansätze wollte auch Pro-Linux selbst gefunden haben und sinnierte etwas über die benötigte Zeit, die Gnome 3 noch brauchen wird.

Nun ist die Zeit vergangen. Zwei Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen und rückblickend betrachtet hinterließ die Entwicklung der Umgebung eine Schneise der Verwüstung, unerfüllte Wünsche und eine Armee unzufriedener Anwender. Selten war eine Gemeinschaft fragmentierter als die von Gnome in der heutigen Zeit. Denn trotz visionären Ansätzen und brachialen Umbauten haben die Entwickler eines der wichtigsten Kriterien sträflich vernachlässigt: Die Anwender.

Mit einer an Sadismus grenzenden Kompromisslosigkeit wurden, gottgleich, die Vorschläge von Designentwicklern implementiert, die zwar theoretisch einfach, doch oftmals unerwünscht waren. Der allgegenwärtige Kontext der Simplifizierung von Anwendungen wurde zu einem Mantra und einem Running-Gag, der getrost in einer Nerd-Gruppe direkt neben die Freigabe von Hurd in den Raum geschmettert werden kann. Doch originell ist er nicht mehr. Zu abgedroschen sind die stetigen Wiederholungen und Ankündigungen. Denn wer will noch uralte Witze hören?

Ein Witz ist Gnome 3 sicherlich nicht, aber gewiss von zahlreichen Fehlern geplagt. Nicht, weil es neue Ansätze verfolgt und mutig war, etwas Neues auszuprobieren, sondern weil es zugelassen hat, dass sich eine schon sowieso durch Entwicklermangel beherrschte Gemeinschaft so massiv spaltet. Kein anderes großes Projekt hat es binnen so kurzer Zeit geschafft, so viele Abspaltungen zu produzieren. Auch zahlreiche Distributoren haben der Umgebung den Rücken gekehrt. Ubuntu setzt mittlerweile auf Unity. Mint liebt nun Mate oder Cinnamon und SolusOS hat sich Consort verschrieben. Tendenz steigend.

Mit der Entfernung des Gnome-Panels in der kommenden Version von Gnome ist davon auszugehen, dass sich die Gemeinschaft weiter spalten wird. Zwar versprach das Team, mit »Gnome Classic« das alte Verhalten der Umgebung bestmöglich auch in Gnome 3 einbinden zu wollen, doch Probleme sind schon jetzt vorprogrammiert. So kündigte beispielsweise gestern der Betreuer von Edubuntu an, nicht auf die neue Lösung aufzusetzen, sondern eine Alternative suchen zu wollen. Im Gespräch war ein Wechsel auf einen Fork von Gnome oder eine gänzlich anderen Umgebung. Mittlerweile scheint die Lösung darin zu bestehen, dass er das eigentlich zum Tode verdammte »Gnome Panel« reanimieren und weiterpflegen will. Nicht als Fork, sondern in Zusammenarbeit mit den Gnome-Entwicklern, wie er beteuert. Ein Bestandteil von Gnome wird es allerdings nicht mehr sein – der konsistenten Vision des Gnome-Desktops wegen. Optimal sieht anders aus. Immerhin behält die Anwendung aber den alten Namen.

Es ist bezeichnend, dass zwei Jahre nach der Freigabe die Kritik an Gnome 3 nicht verstummen mag. Vergleicht man als Referenz die Desaster-Veröffentlichung des KDE-Projektes, so fällt bei Gnome auf, mit welcher Hartnäckigkeit das Team immer noch die einstigen Lösungen verteidigt. Oftmals sind es Kleinigkeiten, deren Feinjustierung lediglich eine Frage des Designs und nicht der Implementierung ist. Vielleicht müssten sich aber auch erst die führenden Köpfe dessen bewusst werden, warum zwei der drei beliebtesten Erweiterungen für Gnome 3 eine Änderung der Standardeinstellungen von Gnome nach sich ziehen, bevor sie reagieren?

Wikipedia beschreibt Visionen als ein »subjektives bildhaftes Erleben von etwas sinnlich nicht Wahrnehmbarem [..], das aber dem Erlebenden (dem Visionär) als real erscheint«. Mitunter erhält der Visionär allerdings auch Eindrücke, die von anderen Sinnesorganen zu stammen scheinen. Eine Infragestellung sollte deshalb keine Schande sein.

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