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So, 15. Oktober 2006, 00:00

The Wealth of Networks: Interview mit Yochai Benkler

Von FSPA

Yochai Benkler ist Jura-Professor an der Yale University und war einer der Keynote-Speaker auf dem Wizards of OS 4-Kongress. Benkler ist im Moment einer der angesagtesten Analysten der Peer-Produktion: Sein Buch »The Wealth of Networks« wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht und hat bislang einiges an Aufsehen erregt. Im folgenden Interview, das Markus Beckedahl auf der Wizards of OS 4 mit ihm führte, nimmt er unter anderem die Peer-Produktion in einer vernetzten Ökonomie und Gesellschaft zum Gegenstand. Außerdem wird darin freie Software als erstes erfolgreiches Beispiel für neue kollaborative Produktionsprozesse erklärt, wie und ob dies auf die Produktion von kulturellen Güter übertragen werden kann.

Was bedeutet genau »Der Reichtum der Netzwerke« (»The Wealth of Networks«)?

Wir erfahren durch die digitalen Netzwerke eine Dezentralisierung der grundlegenden Fähigkeiten des Produzierens und Austauschens von Informationen, Wissen und Kultur. Als Resultat haben wir Innovation und ökonomische Produktion der am weitesten fortgeschrittenen Art. Darunter fällt zum Beispiel die Entwicklung einer ausgearbeitetsten Software, die in völlig neuen Modellen gebaut wird: dezentralisiert und ziemlich abhängig von sozialer Motivation und sozialen Strukturen, anstatt von Märkten, Firmen oder Regierungen abhängig zu sein. Zu diesen wirtschaftlichen Auswirkungen sehen wir, die wir in komplexen modernen Ökonomien leben, dass wir uns alle verschiedentlich innerhalb eines Kontextes der Massenmedien weiter entwickelt haben. Zum ersten Mal sehen wir nun was mit der Demokratie passiert, wenn Leute und Gruppen in verschiedenen Größenordnungen selbst entscheiden, was für sie wichtige Nachrichten sind und was sie abdecken oder berichten und kommunizieren. Auf einem größeren Level können Leute aktiv partizipieren und Kultur produzieren und ihre Geschichten als Text, Video oder Radiosendung vermitteln - im Gegensatz zu einer relativ kleinen Anzahl von Kulturschaffenden, die industriell hochwertig produzieren.

Und wie behandelt das Ihr Buch?

Mit dem »Reichtum der Netzwerke« meine ich, dass ein Set von technologischen Konditionen Individuen und Gruppen zu einer größeren praktischen Kapazität und Autorität verholfen hat. Und das alles in einer Informationsumgebung, die wir als ökonomische Aktoren und noch wichtiger, als politische und soziale Wesen einnehmen. Ich habe mein Buch unter der Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, um mit dem Grad, bis zu dem sich die akademische Presse von der traditionellen Presse zu einer genuinen Plattform für Konversation und Ausbildung wandeln kann, zu experimentieren. Es ist nicht nur als einfacher Download erhältlich, sondern in einem Wiki, damit Leser Anmerkungen machen können, Kommentare abgeben oder die Untersuchungen auf den neusten Stand bringen.

Wie beurteilen Sie die freie Software innerhalb der digitalen Revolution?

Freie Software hat auf einer größeren Ebene das erste beobachtbare wie effektive Beispiel für das Phänomen der Peer-Produktion geliefert. Wenn jemand im Jahr 2001 gefragt hätte: »Was würde passieren, wenn man im Internet tausend kleine Artikel-Teile hochlädt und jedem zur Verfügung stellt, ohne dass er sich einloggen müsste oder angeben, wieso er das tut?« Fünf Jahre später haben wir mit Wikipedia eine Enzyklopädie, die vielleicht nicht die beste ist, aber eine plausible Konkurrenz zur Encyclopaedia Britannica darstellt. Die kommerziellen Anbieter hätten dich damals für verrückt gehalten.

Durch ihre Traditionen bei der Software-Entwicklung von vor den 80ern und wegen ihrer messbaren Produktivität hat die freie Software ein überaus starke Existenzberechtigung bewiesen. Außerdem hat sie gleich ein Idiom oder eine Metapher geliefert, damit die Leute das ganze Phänomen verstehen können, das sich so sehr von der industriellen, kapitalistischen Produktionsweise unterscheidet. Gleichzeitig unterscheidet es sich aber auch ganz und gar vom Kommunismus. Denn dieser ist, ebenso wie der industrielle Kapitalismus, ein Produkt der industriellen Ökonomie. In der Informationsökonomie der Netzwerke sind die Produktionsmittel jedoch nicht eine große Firma, die der Partei gehört, sondern der Computer, das Videotelefon oder eine Kamera, die jedem gehört. Dann spricht man nicht von einer Form des Kollektivismus, sondern von einer Form der individuellen Freiheit. Es gibt nämlich eine neue Form der Ausdifferenzierung, auf verschiedene Arten Information zu schaffen und auszutauschen. Das charakterisiert die Informationsökonomie der Netzwerke. Für diese neue Umgebung ist sie die zentrale Nutzerschnittstelle zwischen Markt und Nicht-Markt, zwischen Individuum und Kollaborative.

Kann man die Entwicklung freier Software mit der Schaffung von Kulturgütern vergleichen?

Verschiedene kulturelle Formen haben verschiedene Charakteristiken. Mehr oder weniger werden sie bestimmten Strukturen unterworfen, um sie für Leute in ihrer Freizeit fassbar zu machen. Und das ohne Bezahlung. Bei Musik zum Beispiel macht es die Kohärenz eines Stückes ziemlich schwierig, dass es von einer großen Gruppe produziert werden kann, wo jeder einen kleinen Beitrag zuliefert. Deshalb ist es so wichtig zu verstehen, wie Künstler von ihrer Kunst leben können. Ich denke auch, dass wir weniger das Auftauchen einer neuen Starkultur erleben werden. Bei Filmen sieht es anders aus: Man sollte Film nicht als Hollywood-Blockbuster, sondern als visuelle, stimulierende kulturelle Narrative verstehen. Dann sehen wir das schon bei den Massive Multiplayer Online Games, die eine Plattform werden, indem sie genau das tun. Bei YouTube ist am Ende das Output nicht eine kohärente, hochqualitative Hollywood-Narrative, sondern ein Pastiche. Die kulturellen Formen werden sich ändern müssen. Aber haben wir die Bücher für das Fernsehen aufgegeben, oder Zeitungen für das Radio?

Dieses Interview erschien bei der Freie Software Presseagentur (FSPA).

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