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Do, 29. September 2016, 15:00

Einführung in Gregorio 4.1.4

Die Software Gregorio bietet im Zusammenspiel mit LaTeX hochwertigen Notensatz in der alten Quadratnotation, der Notenschrift, die für Gregorianische Choräle verwendet wird. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Freie Software auch Nischen exzellent besetzen kann. Auch über die FLOSS-Gemeinde hinaus kann Gregorio wohl als das führende Programm für diese Aufgabe gelten. Zahlreiche Initiativen im Umfeld machen die Software auch für weniger Technikaffine gut nutzbar. Der Artikel will einen kurzen Überblick zur Verwendung der Software und angeschlossenen Projekten bieten.

Übersicht

Notationssoftware ist dem Musiker das, was Textverarbeitungsprogramme im Office-Bereich leisten. Digitaler Notensatz ist heute mit einer Vielzahl an Programmen möglich, proprietären wie freien, es gibt grafische WYSISWYG-Software und Auszeichnungssprachen. Die beiden Flagschiffe der FLOSS-Gemeinde heißen MuseScore, ein WYSIWYG-Editor, und Lilypond, eine LaTeX-ähnliche Auszeichnungssprache. Letztere wurde in einem früheren Artikel vorgestellt. Der Fokus dieser Programme liegt auf dem modernen, europäischen Notensatz. Es gibt aber noch andere Notationssysteme.

Am gebräuchlichsten ist vielleicht die Quadratnotation, und zwar für die Notation und Praxis des Gregorianischen Chorals. Damit bezeichnet man den traditionellen einstimmigen, lateinischen Gesang der katholischen Liturgie. Entstanden ist er wohl um das 7./8. Jahrhundert und war seitdem durchgängig v.a. in den Klöstern in Gebrauch. Ursprünglich wurde er rein mündlich tradiert, was eine enorme Gedächtnisleistung von den Sängern forderte. Die Sorge um den Fortbestand führte irgendwann zur Verschriftlichung. Dies erfolgte mithilfe der sogenannten Neumen, die grobe Anhaltspunkte zum melodischen Verlauf und zur Interpretation boten. Dabei gab es regional unterschiedliche Zeichensysteme.

Die Quadratnotation ist aus den nordfranzösischen und aquitanischen Neumen hervorgegangen. Die wichtigste Neuerung lag im Gebrauch von Notenlinien und Notenschlüsseln, die erstmals die Tonintervalle genau definierten. Die Quadratnotation kennt vier Linien und zwei Schlüssel, den c- und den f-Schlüssel, die jedoch auf jeder beliebigen Linie liegen können. Die Notenköpfe haben mehr oder minder quadratische Form. Längenangaben fehlten den Noten ursprünglich; dazu wurden einige Zeichen im Zuge der Standardisierung des Systems in der Neuzeit hinzugefügt. Die Quadratnotation wurde spätestens in dieser Zeit zum Standard für den Gregorianischen Choral und als solcher ist sie noch heute in Gebrauch – bei Kirchenmusikern und Musikwissenschaftlern gleichermaßen. In kritischen Ausgaben wird sie inzwischen ergänzt durch die älteren Neumen.

Ein Programm für den digitalen Notensatz dieser alten Notenschrift zu finden, ist jedoch nicht so einfach. Lilypond bietet Möglichkeiten dazu, allerdings scheint dieses Feature nicht weiterentwickelt zu werden. Wer im Internet sucht, kann mehrere Projekte finden, die schon etwas in die Jahre gekommen sind und deren Aktivität eher bezweifelt werden darf. Für den Notensatz sind natürlich entsprechende Fonts nötig. Diese lassen sich selbstverständlich auch in einer normalen Textverarbeitung oder einer Desktop-Publishing-Anwendung wie Scribus verwenden. Das ist aber wenig komfortabel, insbesondere die Anpassung des Textes an die Noten bereitet mitunter Schwierigkeiten. Hier tut sich also eine echte Lücke auf.

Gregorio ist eine Software, die ausschließlich für die Quadratnotation entwickelt wurde. Von Beginn an wollte Gregorio nicht nur eine vollständige Funktionalität, also insbesondere einen vollständigen Zeichensatz, bieten, sondern auch durch große Anpassungsfähigkeit und einen guten Zeichensatz hochwertige Ergebnisse ermöglichen. Zudem verpflichteten sich die Entwickler um Élie Roux und Olivier Berten von Beginn an auf die Ideale freier Software.

Gregorio ist für GNU/Linux, Windows oder Mac erhältlich. Es verwendet eine eigene MarkUp-Sprache, um im Verbund mit LuaLaTeX hochwertigen Notensatz zu ermöglichen. Den weniger Technikaffinen (solche soll es ja unter Musikern geben) sei gesagt, dass eine u.U. mühsame lokale Installation nicht notwendig ist, da auch Browser-Tools zur Verfügung stehen. Auch um LaTeX-Code muss man sich dann nicht kümmern. Darüber hinaus steht eine umfangreiche Datenbank zur Verfügung, in der ein sehr großer Teil des traditionellen Repertoires bereits greifbar ist. Bevor diese Arbeitserleichterungen vorgestellt werden, soll zunächst eine Einführung in die Software selbst geboten werden.

Funktionsweise

Die ursprüngliche Idee des Projektes war es, den Satz eines bestehenden Fonts per LaTeX zu ermöglichen. Das ist auch bis heute im Wesentlichen das, was technisch passiert – obwohl der ursprüngliche Font aus Lizenzgründen durch eine freie Eigenentwicklung ersetzt werden musste. Die Notation funktioniert aber nicht über die Einbindung eines LaTeX-Paketes und dessen Makros. Es wurde eine eigene Syntax zur musikalischen Notation entwickelt, die GABC-Syntax. Inspiriert ist sie von der Auszeichnungssprache ABC für konventionellen Notensatz. Das Kommandozeilentool »gregorio« wandelt dann die so notierte Musik in eine GregorioTeX-Datei um. Diese sorgt für den gewünschten Notensatz. Da die GregorioTeX-Datei nur schwer lesbar ist, empfiehlt es sich, nur im äußersten Notfall oder bei sehr hohen Qualitätsansprüchen Veränderungen daran vorzunehmen.

Gregorio nutzt Funktionen von LuaTeX und kann deshalb nicht mit den älteren TeX-Compilern wie pdfTeX benutzt werden. Das Kompilieren des GABC-Codes kann dann aber von LuaTeX automatisch aufgerufen werden, sodass nur ein Befehl zur Erstellung der fertigen PDF nötig ist.

Installation

Gregorio ist 2016 zum ersten Mal in TeX Live enthalten. Wer also immer eine aktuelle Version dieser TeX-Distribution installiert hat, sollte Gregorio sofort nutzen können. Wenn in Zukunft die großen GNU/Linux-Distributionen diese oder jüngere Versionen von TeX Live in den Paketquellen enthalten, sollte das die Installation stark vereinfachen. Bis dahin folgt man einfach den Instruktionen zur Installation auf den Seiten des Projekts. Für GNU/Linux-Systeme müssen zunächst die Quelldateien heruntergeladen werden. Das korrekte Archiv heißt immer gregorio-x.y.z.tar.bz2, wobei x.y.z für die Versionsnummer steht, zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels also 4.1.4. Nachdem dieses entpackt wurde, öffnet man darin ein Terminal und installiert Gregorio mit zwei Befehlen:

$ ./build.sh
# ./install.sh

Da Gregorio LuaTeX nutzt, wird eine volle TeX Live-Installation empfohlen. Wenigstens die folgenden Pakete müssen installiert sein: xcolor, kvoptions, ifluatex, graphicx, luatexbase, luaotfload, luamplib, und xstring.

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