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Mi, 15. Oktober 2008, 00:00

Der Wert von Open Source

Keynote von James Bottomley auf dem Linux-Kongress 2008

James Bottomley bei der Keynote

Hans-Joachim Baader (hjb)

James Bottomley bei der Keynote

Die Vorträge des Linux-Kongresses 2008 in Hamburg begannen am Donnerstag, dem 7. Oktober 2008 um 9.30 Uhr mit einer Keynote von James Bottomley über den Wert von Open Source. Bottomley ist Teilhaber des Unternehmens Hansen Partnership, seit Jahren der Hauptverantwortliche für das SCSI-Subsystem von Linux und für die Linux Foundation als Direktor und Vorsitzender des Technical Advisory Boards tätig. Der gesprächige Brite, der schon lange in den USA lebt, stellte die Frage nach dem Wert von Open Source in den Raum. Hat freie Software denn einen Wert, besonders im Vergleich zu proprietärer?

Der Wert von kommerzieller Software wurde früh erkannt, mit der Folge, dass Software nicht mehr frei weitergegeben wurde und Lizenzmodelle entwickelt wurden. Doch den rein wirtschaftlichen Wert von Software zu betrachten, ist laut Bottomley ein falsches Konzept, denn Software hat darüber hinaus noch andere Werte. Die Anwendung dieses falschen Konzepts führt dazu, dass Code nur den Wert hat, den die Benutzer bezahlen, und der Wert, den der Autor dem Code beimisst, irrelevant wird. Das Programmieren orientiert sich am Gehaltsscheck, die Kosten der Erstellung werden minimiert und die Kreativität beschränkt.

Richard Stallman, selbst von den Problemen dieser Entwicklung betroffen, begann 1986 eine Änderung mit der GPL anzustreben. Das von ihm initiierte GNU-Projekt wurde binnen weniger Jahre ein vollständiges System, dem nur ein funktionsfähiger Kernel fehlte.

Die BSD-Systeme begannen als freie Software, bis AT&T BSD kommerzialisierte. Der daraus resultierende Rechtsstreit dauerte Jahre. Das BSD-Konzept der Freiheit ist ein anderes als bei Linux, da alles mit dem Code erlaubt ist.

Bislang dominiert jedoch Closed Source. Microsoft, Apple und das sogenannte Commodity Computing, Rechner aus billigen Standardkomponenten, konnten den Markt übernehmen. Viele Benutzer sehen das als billige Lösung, und das Betriebssystem wurde weithin als Closed Source akzeptiert.

Allerdings vervollständigte Linux seit 1991 das GNU-System und X. Heute läuft es nahezu überall und ist in einigen Bereichen dominierend. Nur die US-Universitäten setzen offenbar eher BSD ein, weil sie traditionell günstige Lizenzbedingungen für BSD hatten. Dennoch ist Linux bei weitem das aktivste System, trotz der von Teilen der Industrie ungeliebten GPL. Zwar nennt sich FreeBSD populärster Open-Source-Desktop, gemeint ist damit aber im Wesentlichen Mac OS X, das aber eher als unfrei zu sehen ist und viel mehr proprietäre Teile als Linux enthält.

An dieser Stelle gab Bottomley eine Gefängnis-Analogie der Betriebssysteme wieder. Bei Microsoft-Systemen sind die Benutzer in einem Gefängnis eingesperrt, und diese Tatsache ist für alle Insassen offensichtlich. Bei Apples Mac OS X sind die Benutzer ebenso weggesperrt, das Gefängnis ist aber so luxuriös, dass man nicht merkt, dass man gefangen ist. Bei freien Systemen hingegen gibt es keine Gefängnisse, und das System lässt sich in jeder Hinsicht anpassen und ändern.

Wie Bottomley bereits erwähnte, würden viele Firmen wegen der GPL lieber auf Linux verzichten, denn sie müssen Änderungen, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnten, ebenfalls unter der GPL freigeben. Doch außer Apple, das genau aus diesem Grund FreeBSD anstellen von Linux als Basis von Mac OS X nahm, entscheiden sich doch die meisten für Linux. Warum?

Laut Bottomley liegt das am Wertsystem von Linux. Lizenztechnisch muss zwar jeder Code, der in den Kernel gelangt, unter der GPL stehen, darüber hinaus lässt sich Linux aber von keiner Philosophie oder Ideologie vereinnahmen. Der technische Verdienst und die Qualität des Codes wird über alles andere gestellt. Diese Werte und die Leidenschaft der Autoren sollen ein Ansporn sein, guten Code zu schreiben.

Da unabhängig davon, wie der Einzelne Freiheit definiert, nur guter Code zählt, ist die Gemeinschaft von Linux sehr groß und heterogen. Technische Exzellenz und das Zurückgeben an die Gemeinschaft (quid pro quo) sind die einzigen Standards der Linux-Codebasis, die von den gemeinsamen Interessen der Entwickler vorangetrieben wird.

Es ist also ein starkes kommerzielles Interesse, das die Unternehmen zu Linux bringt. Das führt dazu, dass Entwickler auf Firmenressourcen zurückgreifen können und die Benutzer hochwertigen Code erhalten, da sich die Entwicklern stark darum kümmern, was sie tun.

Dabei ist Open Source an sich kein Motivator für die Entwickler in den Unternehmen. Dennoch wird Code unter freien Lizenzen freigegeben. Damit können die Unternehmen ihren Overhead reduzieren. Selbst wenn sie nur alten Code freigeben, ist das laut Bottomley nützlich, denn sie können sich dann auf das Generieren von Werten in aktuellen Produkten konzentrieren. Doch oft genug wird auch aktueller Code freigegeben oder gleich kooperativ unter freien Lizenzen entwickelt. So werden die Innovation und Zusammenarbeit in der Industrie selbst unter Wettbewerbern gefördert.

Im Linux-Kernel steckt offenbar eine Freiheit, die nicht allein von der Lizenz stammt. Um dies zu verdeutlichen, griff Bottomley zu einer weiteren Analogie. Die US-Verfassung hat nach seiner groben Zählung 872 Zeilen, die der EU 14337 (nebenbei kann man sich fragen, welcher Text weniger Fehler aufweist). Dabei kommt das Wort Freiheit nur drei Mal in der US-Verfassung vor, trotzdem legt sie den Grundstein für eine freie Gesellschaft: Freiheit ist ein emergenter Wert (wie die Masse in der Physik). So kommt Code-Freiheit von der Linux-Gemeinschaft, sie kommt natürlich und muss nicht explizit in Lizenzen erzwungen werden. Die Freiheit setzt sich bei den Teilnehmern im Ökosystem fort. Sie wäre auch mit anderen Lizenzen als der GPL entstanden, natürlich nur dann, wenn diese eine Copyleft-ähnliche Regelung enthalten hätten. In der Anfangszeit von Linux war aber die GPL die einzig verfügbare Lizenz dieser Art.

James Bottomleys Vortrag lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Der Linux-Kernel gründet sich einzig auf Code-Qualität und den Copyleft- Gedanken, ist jedoch frei von Ideologien.
  • Die Mitwirkung am Kernel bewirkt einen Nutzen für die Allgemeinheit. Doch auch für die Beitragenden entsteht ein Nutzen. Dieser ist meist größer als die vermeintlichen Nachteile, die dadurch entstehen, den Code unter die GPL stellen zu müssen. Durch diesen Effekt wurde Linux der am aktivsten entwickelte Betriebssystemkern überhaupt.

Eine Video-Aufzeichnung der Keynote steht mittlerweile beim Linux-Magazin zur Verfügung.

  • Dieses Werk wurde unter der GNU Free Documentation License veröffentlicht. Das Kopieren, Verbreiten und/oder Modifizieren ist erlaubt unter den Bedingungen der GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation.

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