Login


 
Newsletter
Werbung
Mi, 9. Februar 2005, 00:00

Interview mit Clifford Stoll

Von jwm

Vorwort

Clifford Stoll

jwm

Clifford Stoll

Während der IT-Defense hatte ich die Möglichkeit, Clifford Stoll zu interviewen. Clifford war der Erste, der einen Computerhacker entdeckte, verfolgte, aufspürte und schließlich dingfest machte. Das Ganze kann man sehr unterhaltsam in seinem Buch »Kuckucksei« (1) nachlesen.

In seinen Folgebüchern ([2] & [3]) setzte sich Clifford sehr kritisch mit dem Computer und dem Internet, deren gesellschaftliche Auswirkungen etc. auseinander.

Ich habe sein erstes Buch Ende der 80er mit Begeisterung verschlungen, darum war ich äußerst froh über die Möglichkeit, ihn persönlich kennenzulernen. Herausgekommen ist ein fast 1,5-stündiges Gespräch über Gott und die Welt und vieles andere.

Clifford ist ein sehr angenehmer und sympathischer Mensch, etwas hibbelig, aber voll bei der Sache. So sehr bei der Sache, dass wir beide komplett die Zeit vergaßen und das Mittagessen im Hilton ausfallen ließen und Clifford fast verpasst hätte, sich bei seiner Göttergattin zu melden.

Hier ist nun ein gekürzter Auszug des Gespräches.

Das Interview

jwm: Hallo Clifford, schön, dass du Zeit für ein Gespräch hast. Das letzte deiner drei Bücher ist ja vor geraumer Zeit erschienen - können wir irgendwann mit einem neuen Buch rechnen?

CS: Im Moment arbeite ich gerade an einem Buch über die »Computer-Frühzeit«. Darin geht es um Algorithmen, mathematische Theorien - all dieses langweilige Zeug.

Es geht um die kleinsten Anfänge der Computergeschichte. Da fällt mir ein, es gibt kein Museum für Algorithmen - oder Subroutinen, Rechenformeln etc. Es muss nicht zwingend in einem Gebäude sein - aber es wäre schön, wenn es so etwas gäbe.

Im Moment schreibe ich zum Beispiel über den deutschen Mathematiker Felix Klein, der sehr bedeutend in der Geschichte der Mathematik in den USA ist - aber keiner dort kennt ihn.

Es wird also kein großes, umfangreiches Buch - im Moment bin ich eh lieber Vater und zu Hause und verbringe meine Zeit mit meinen Kindern.

jwm: In einem deiner Nachfolgebücher erwähnst du das Ende der Beziehung mit Martha, mit der du während der »Hacker-Jagd« zusammen warst. Du hast dich also neu verliebt?

CS: Ja, ich traf jemanden, wir heirateten, bekamen Kinder (an dieser Stelle kramte Cliff die Fotos seiner beiden 10 & 9 Jahre alten Kinder heraus).

jwm: In deinen anderen Büchern vertrittst du ja einen fast schon computerfeindlich zu nennenden Standpunkt (dargelegt am Beispiel von Büchereien) - hat sich an deiner Ansicht etwas geändert?

CS: Google kündigte vor einigen Monaten an, viele Bücher zu digitalisieren - kostenlos. Erschreckenderweise stimmten viele Bibliotheken dem Vorhaben begeistert zu und sagten: "Wunderbar, dann werden wir endlich unsere Bücher los".

Das ist doch total verrückt. Aus vielen Gründen kann man Bücher am Computer eben nicht so gut lesen wie die gedruckte Version. Allein das Lesen langer Passagen auf dem Monitor zum Beispiel oder das Lesen in der U-Bahn, im Bett und so weiter.

Was aber meiner Meinung nach noch mehr dagegen spricht ,ist dass Computer bzw. Suchmaschinen wie Google unsere Art der Wahrnehmung und die Verarbeitung von Informationen ändern. Wir nehmen dadurch nur noch einzelne Wörter oder Satzteile war - aber nicht mehr den Zusammenhang, in dem diese stehen.

Man gibt Suchbegriffe ein und zack - Google liefert kurze, schnelle Erklärungen.

jwm: Ja, heute muss alles schnell gehen.

CS: Nimm nur die inzwischen überall verbreiteten Multiple Choice-Tests: Antwort A, B, C oder D - da braucht man keine Zusammenhänge mehr zu kennen - alles kommt in Häppchen - ideal, um beispielsweise per Google gelöst zu werden. Aber die entscheidenden Fähigkeiten fürs Lesen, das Verstehen, den Umgang mit Menschen - all das hat nichts mit Multiple Choice zu tun.

jwm: Was fehlt ist Komplexität, das gründliche Überlegen.

CS: Ja, zum Beispiel die Vorträge heute morgen: Der beste Weg, Computer sicher zu machen - Möglichkeit A, B, C, D. Aber so funktioniert das nicht, es gibt nicht DEN besten Weg. Das hängt auch immer vom Kontext ab, zum Beispiel, ob der Rechner an einer Uni steht, in einer Bank usw. Für all diese Fälle gibt es unterschiedliche Lösungen - aber keine einfachen Antworten. Das gleiche gilt bei der Suche nach Informationen. Wenn du wissen willst, aus welcher Stadt Goethe kommt, liefert dir Google blitzschnell viele Treffer. Auch wenn du fragst, was Goethe geschrieben hat - zack, da hast du die Literaturliste. Aber wenn du fragst: »Wovon handelt Faust« - dann fallen die Antworten von Google wesentlich spärlicher aus. Und wenn du wissen willst, in welchem Zusammenhang die Geschichte von Faust zu unserer modernen Technologie steht - dann kann dir Google wahrscheinlich keine Antwort liefern.

Das ist eine sehr gute Frage, aber die Beantwortung verlangt Denken, Wissen, viel Zeit, Lesen, Verständnis und so weiter. Und es wird keine eindeutige Antwort geben - deine Antwort wird wahrscheinlich anders ausfallen als meine. Die Digitalisierung der Welt verschafft uns natürlich viel mehr Informationen - aber gerade Informationen haben wir ja schon mehr als genug.

jwm: Entscheidend ist die Strukturierung der Informationen, die Aufbereitung. Und diese Aufbereitung durch andere (wie z.B. durch Google) funktioniert in einer Vielzahl von Fällen, aber nicht in allen.

CS: Ja, nimm nur PowerPoint. Es sagt, die Struktur von Informationen muss Top-Down sein - das ist aber völlig verschieden von der Strukturierung im Internet, wo du Links in Texten hast, hierhin springst, dorthin springst...

Und beide genannten haben nichts mit meiner eigenen Strukturierung zu tun, die in meinem Gehirn stattfindet oder wie Informationen in Büchern strukturiert sind, wie Lehrer sie präsentieren etc.

Kommentare (Insgesamt: 0 || Kommentieren )
Pro-Linux
Frohe Ostern
Neue Nachrichten
Werbung