Barrierefreies Webdesign
Nun geht es ein Stück weit weg von der Theorie. Denn in Kapitel 5 stellt das Buch eine Webpräsenz vor, an der zahlreiche Probleme demonstriert werden. Der Rest des Buchs bewegt sich stets um dieses praxisnahe Beispiel. Die Webpräsenz bad-seendorf.de existiert tatsächlich. Sie wurde von den Autoren eigens für dieses Buch angelegt. Sie hätten zwar auch auf real existierende Webseiten verweisen können, haben das aber aus mehreren Gründen bleiben lassen: Erstens ändern sich reale Webseiten häufig, zweitens lassen sich an der künstlichen Webpräsenz die üblichen Fehler in konzentrierter Form zeigen und drittens wollten es sich die Autoren nicht mit den Schuldigen der realen Vorbilder verscherzen. ;-) Zudem eröffnet die eigene Seite die Möglichkeit, eine überarbeitete, weitgehend barrierefreie Version zum direkten Vergleich parallel dazu ins Netz zu stellen. Zum Verständnis der Darstellungen des Buchs ist aber ein Internetzugang nicht zwingend erforderlich, da sich alles Wesentliche in Abbildungen wiederfindet.
In diesem Kapitel werden auch einige Tools vorgestellt, die helfen, Zugänglichkeitsprobleme einer Webseite zu finden. Die Palette der Helfer reicht von analysierenden Webseiten über Accessibility-Toolbars (für Internet Explorer oder Firefox) bis zu Screenreadern und Sprachausgabe. Besonders ein Screenreader (oder mehrere unterschiedliche) sollten zum Rüstzeug der Implementatoren gehören.
Es ist bestürzend, zu sehen, wieviele Probleme sich hinter einer auf den ersten Blick recht ansprechenden Seite verbergen. Schon ein schneller Check mit den verfügbaren Tools offenbart einiges - noch mehr aber kommt zum Vorschein, wenn man weiterdenkt. Die Tools können bei weitem nicht alles finden, was Menschen mit irgendeiner Behinderung Probleme bereitet. Für diese (Gehör in diesem Fall mal ausgenommen) ist die Beispielseite unbenutzbar. Und viele Seiten im realen Web, selbst solche, die sich mit dem Attribut »barrierefrei« schmücken, sind nicht viel besser. Ich brauche nicht einmal ein Tool einzusetzen, um sagen zu können, dass auch Pro-Linux bei der Zugänglichkeit komplett versagt. Da gibt es einiges zu tun für die nächste Version.
Im nächsten Kapitel werden rund ein Dutzend Maßnahmen vorgestellt, die »schnell mal von einem Praktikanten« durchgeführt werden können, um die Zugänglichkeit zu verbessern. Es handelt sich um einfache Änderungen, die nicht wesentlich in die Seitenstruktur eingreifen. Weitere Maßnahmen, die den Autoren geboten scheinen, sind jedoch so aufwendig, dass eine vollständig neue Implementation (Relaunch) der Seiten sinnvoll ist, die von Anfang an auf Zugänglichkeit ausgelegt ist.
Gesagt, getan. In Kapitel 7 wird auf wenigen Seiten das Konzept für diese Neuimplementation vorgestellt. Daran schließt sich die ausführliche Erörterung des Grundgerüsts der neuen Webpräsenz an. Da alle Seiten eine einheitliche Struktur haben, bauen sie alle auf diesem Grundgerüst auf. Dabei orientiert sich das Buch an gängigen Konzepten, die eine Webseite mit drei Spalten und horizontaler und vertikaler Navigation anlegen. Je weniger man von diesem Konzept abweicht, desto weniger Schwierigkeiten werden Besucher haben, sich auf den Seiten auf Anhieb zurechtzufinden.
Über die Hälfte des Buchs ist bereits absolviert. Nun folgt das lange Kapitel 9, das sich mit dem optimalen Aufbereiten von Inhalten befasst. Es referiert über alt-Tags und den Informationsgehalt von Bildern, Datentabellen, Formulare, Tags für spezielle Sprachelemente, Hilfeseiten für die Benutzer und sonstige Hilfsmittel wie beispielsweise die Suchfunktion.
Im Kapitel 10 wird auf die Sonderfälle PDF, Videos und Flash eingegangen. Diese werden nicht grundsätzlich verdammt, sondern vielfach als gute Ergänzung zu einem Angebot angesehen. PDF enthält beispielsweise viele Zugänglichkeits-Features, doch werden sie von den PDF-Generatoren leider kaum genutzt. Daher sollte in der Regel eine Alternative zu PDF zur Verfügung gestellt werden. Videos und Flash sind hingegen kaum zugänglich, können aber bisweilen auch für Besucher mit Behinderungen nützlich sein, wenn z.B. Ausführungen in der Deutschen Gebärdensprache bereitgestellt werden. Generell muss man hier von der Forderung abrücken, alle Inhalte in äquivalenter Form auch Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen.
Barrierefreiheit lässt sich durchaus nicht nur mit handgestricktem Code erreichen. Der Einsatz eines Content Management Systems (CMS) ist möglich und bei größeren Seiten auch unumgänglich. Exemplarisch werden die beiden freien CMSe Joomla! und Typo3 beleuchtet. Joomla! weist noch große interne Mängel auf und muss heftig gepatcht werden, um Zugänglichkeit zu erreichen. Zukünftige Versionen sollen das unnötig machen. Typo3 bietet von Haus aus schon wesentlich mehr, ist aber ein deutlich komplexeres System.
Ein kurzer Anhang mit BITV-Checklisten, einer Linksammlung zur Gesetzgebung in den deutschen Bundesländern, weiteren Links und einem kurzen Stichwortverzeichnis beschließen das Buch.
Fazit
Jeder Webdesigner sollte ein Buch wie »Barrierefreies Webdesign« durchgearbeitet haben und sich an den darin enthaltenen Vorschlägen orientieren. Eine Anzahl von in diesem Bereich Tätigen wird alleine schon durch gesetzliche Vorgaben dazu gezwungen sein, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die anderen sollten es allein schon deshalb tun, weil sie sonst eine Reihe potentieller Besucher ihrer Webseiten vergraulen. Im Endeffekt kommt ein barrierefreies Webdesign auch den normalen Benutzer zugute, weil die Seite besser durchdacht, besser navigierbar und übersichtlicher wird. Dieses Buch öffnet Augen und ist aufgrund des nicht allzu großen Umfangs auch schnell durchgearbeitet.
Kritikpunkte gibt es eigentlich keine. Einen Vergleich zu ähnlichen Büchern kann ich nicht ziehen, da ich noch kein anderes gelesen habe. An einigen Stellen, die ich nicht mehr genau nennen kann, hätte ich mir eine ausführlichere Erläuterung der Beispiele gewünscht. An zwei oder drei Stellen kommt man kurz ins Stocken, weil offenbar ein Wort ausgelassen wurde. Ansonsten ist der Text sprachlich einwandfrei. Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Buch meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen hat.
Fakten
Jahr: 2006
Autor: Angie Radtke, Dr. Michael Charlier
Preis: 39,95 EUR (D), 41,10 EUR (A), 21,95 EUR (eBook)
Umfang: 252 Seiten
Verlag: Addison-Wesley
ISBN: 3-8273-2379-7

