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Mi, 7. Juli 2004, 00:00

Interview mit Georg Greve

Pro-Linux entlockte dem Präsidenten der Free Software Foundation Europe, Georg Greve, per E-Mail einige aufschlussreiche Antworten. Wir geben das Interview hier ungekürzt wieder.

Georg Greve

Mirko Lindner (demon)

Georg Greve

Pro-Linux (PL): Herr Greve, sah man Ihren Vortrag auf dem LinuxTag, so könnte sich einem unbedarften Beobachter der Verdacht aufdrängen, dass Softwarepatente eine akute Bedrohung für Freie Software darstellen und alle »Nebenschauplätze« im Moment wenig Beachtung finden. Ist die Freiheit nun in Gefahr oder wie steht es zur Zeit darum?

Georg Greve: Softwarepatente sind in der Tat eine Bedrohung für Freie Software. Es ist aber wichtig, zu verstehen, daß sie zum einen nicht ausschließlich Freie Software bedrohen - proprietäre Software und Unternehmen jeder Größe werden allgemein von ihnen in Mitleidenschaft gezogen.

Und andererseits ist es wichtig, zu verstehen, daß sie nicht die einzige substantielle Bedrohung Freier Software und unserer Freiheit im Informationszeitalter sind. So gibt es die »European Copyright Directive« (EUCD), deren Umsetzung ins deutsche Recht noch in Gang ist, es gibt die kürzlich verabschiedete »Intellectual Property Rights Enforcement Directive« (IPRED) und auf »World Intellectual Property Organization« (WIPO) Ebene wird momentan an einer Broadcasting Direktive gearbeitet.

Dazu addieren sich noch die allgemeinen politischen Vorkommnisse von regionaler Ebene bis hin zum World Summit on the Information Society (WSIS), bei dem es proprietären Lobbyisten in der US-Delegation fast gelungen wäre, Freie Software und die Teilhabe an Wissen zu Undingen zu deklarieren.

PL: Warum erst jetzt? Noch vor einem Jahr konnte man auf Seiten der FSFE sowohl in Artikeln wie auch Nachrichten kaum etwas bis nichts über die drohende Gefahr lesen. Hat die FSFE die Situation unterschätzt?

Georg Greve: Unsere Zurückhaltung in Sachen Softwarepatente betraf ausschließlich die Öffentlichkeitsarbeit - wir selber waren seit unserer Gründung im Jahr 2001 gegen Softwarepatente aktiv, ich selber engagiere mich seit dem Jahr 2000 dagegen.

Allerdings gab es um das Jahr 2000/2001 herum eine ganz klare Absprache zwischen den Aktiven - unter anderem Hartmut Pilch, Bernhard Reiter und mir - die Themen Freie Software und Softwarepatente nicht zu vermischen, denn das hätte höchstwahrscheinlich unserer Arbeit in beiden Gebieten geschadet.

Freie Software war im Jahr 2000 noch nicht annähernd so akzeptiert wie heute. Engagement gegen - zu diesem Zeitpunkt weithin akzeptierte - Softwarepatente wäre also recht leicht gegen Freie Software auszulegen gewesen - und umgekehrt. Die Softwarepatent-Befürworter versuchen schon seit Anbeginn, so zu tun, als seien Softwarepatente nur ein Problem der Freien Software, die man ja eh vernachlässigen könne.

Daher die Entscheidung, den FFII nach vorne zu stellen, da sich hier auch proprietäre Unternehmen dem Widerstand leichter anschließen können. Die FSFE hat sich dabei ganz bewußt in den Hintergrund gestellt und dem FFII zugearbeitet, bzw. diesen unterstützt. Parallel dazu haben wir hinter den Kulissen politische Arbeit gegen Softwarepatente gemacht.

Dieses Jahr haben wir dann wiederum gemeinsam mit dem FFII unsere Strategie überprüft und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß sich die Voraussetzungen soweit geändert haben, daß wir nun auch selber öffentlich Stellung ergreifen können, was wir dann ja auch getan haben.

Uns war völlig klar, daß unsere Strategie nicht nur auf Gegenliebe stoßen würde, aber hielten wir es in der Sache für notwendig.

PL: Spätestens seit Ihrem Aufritt auf dem World Summit on the Information Society als alleiniger NGO-Vertreter (Vertreter einer Nichtregierungsorganisation) wird klar, worin Ihre Arbeit besteht - dem Lobbyismus in Sachen Freie Software. Könnte Ihre Präsenz etwas an der Haltung der Regierungschefs ändern?

Georg Greve: Politischen Wandel und politische Meinungsbildung zugunsten Freier Software zu beeinflussen ist sicherlich ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit - wenn auch nicht der einzige.

Was die Ergebnisse unserer Arbeit zum Weltgipfel der Vereinten Nationen angeht, so konnten wir hier tatsächlich einige Veränderungen bewirken. Als wir voll in den Prozess einstiegen, war Freie Software kurz vor dem Rauswurf aus den Dokumenten. Die schließlich im Dezember verabschiedete Form billigt Freier Software hingegen zu, mehr als ein rein technisches Entwicklungsmodell zu sein.

Der Effekt dieser Arbeit wird sich vermutlich erst in 10 bis 20 Jahren voll zeigen, aber ich bin überzeugt, daß wir hier einen wichtigen Erfolg errungen haben, speziell wenn man sich auch die aktuelle Arbeit der Vereinten Nationen zum Thema Freie Software ansieht, wo im Papier vom April diesen Jahres klar davon gesprochen wird, daß es um mehr geht als einfach nur ein weiteres Produkt.

Wer mehr über die Arbeit in diesem Umfeld wissen möchte, findet übrigens auf unserer Webseite etliche Dokumente dazu: http://www.germany.fsfeurope.org/projects/wsis/

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