Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität
Lessig fordert auch, daß geistiges Eigentum nicht wie gewöhnliches Eigentum behandelt werden darf. Historisch war das nie der Fall und entsprechende Forderungen der Rechteinhaber seien falsch. Heutzutage geht es beim Copyright nicht nur um das Kopieren, sondern das Erstellen von abgeleiteten Werken. Offensichtlich ist das etwas, das mit gegenständlichem Eigentum kaum möglich ist. Die heutige Gesetzgebung erschwert solche Dinge jedoch enorm oder macht sie unmöglich - Kreativität wird im Keim erstickt.
Lessig war die zentrale Figur in einer Verfassungsklage gegen den Sonny-Bono-Act. In Kapitel 13 beschreibt er, wie es kam, daß die Klage scheiterte. Dabei gibt er eigene Fehler als Hauptgrund an.
Im Nachwort beschreibt Lessig, was getan werden sollte, um die freie Kultur wieder zu stärken. Hier beschreibt er kurz seine Idee der Creative Commons. Jeder kann bereits jetzt daran teilnehmen und dazu beitragen. Längerfristig hält er jedoch Gesetzesänderungen für nötig. Seine Forderungen sind in Kurzfassung: Urheberrechte sollen registriert werden ähnlich wie heutzutage Internet-Domains - also von privaten Stellen, komfortabel und billig. Das würde dazu führen, daß viele Werke von vornherein gemeinfrei wären, weil der Urheber kein ausreichend großes Interesse an der Vermarktung hat. Geschützte Werke sollten dementsprechend als solche gekennzeichnet werden. Die Schutzfrist soll außerdem deutlich gesenkt werden. Wenn ein Schutz noch besteht, wenn er dem Autor längst nichts mehr nützt, dann ist die Frist offenbar zu lang. Abgeleitete Rechte sollen eingeschränkt werden und einige Nutzungen in abgeleiteten Werken generell frei sein. Tauschbörsen dürfen nicht durch restriktive Gesetze reglementiert werden. Das Problem der Tauschbörsen wird sich seiner Meinung nach bald erledigen, nämlich dann, wenn es bequemer ist, sich Werke aus dem Internet herunterzuladen, als sie auf eigenen Rechnern vielfach zu speichern. In der Zwischenzeit sollte man den Nutzen, der durch legale Nutzung der Tauschbörsen entsteht, nicht vernachlässigen. Und schließlich sollte man die vielen Juristen rauswerfen.
Lessig ist sich bewußt, daß einige ihn für diese Forderungen als Radikalen abstempeln wollen, aber das sei OK, schließlich bezeichne er diese Leute auch als Extremisten.
Das Buch wurde von Annegret Claushues und Hartmut Pilch übersetzt. Hartmut Pilch? Genau, der ehemalige Vorsitzende des Fördervereins für eine Freie Informationelle Infrastruktur, der eine wichtige Rolle im letztlich erfolgreichen Kampf gegen die EU-Patentdirektive spielte. Sowohl die Übersetzer als auch das Lektorat haben hervorragende Arbeit geleistet. Während in anderen Büchern mitunter keine Seite ohne Fehler zu finden ist, konnte ich in »Freie Kultur« gar keinen Fehler entdecken. Zudem wurden der deutschen Ausgabe einige Fußnoten hinzugefügt, um dort, wo Lessig sich spezifisch auf US-Recht bezieht, ein paar klärende Hinweise auf die deutschen bzw. europäischen Verhältnisse zu geben.
Fazit
So angenehm und leicht das Buch auch zu lesen war, so schwierig ist es, die vielen Thesen zusammenzufassen und den Inhalt zu beschreiben. Ich hoffe, daß es mir halbwegs gelungen ist, allerdings mußte ich vieles auslassen. Am besten liest man es selbst.
Mit »Freie Kultur« ist Lessig ein brillantes Werk gelungen, das ebenso brillant ins Deutsche übertragen wurde. Die Grundaussage des Buches kommt von Kapitel zu Kapitel klarer zum Vorschein: Die Urheber von Werken haben zuviele Rechte, das Gleichgewicht zwischen Copyright und Gemeineigentum ist aus den Fugen geraten. Das behindert die Kreativität massiv und sollte Anlaß sein, uns ernsthaft Sorgen zu machen. Die Aussagen und Forderungen Lessigs mögen kontrovers sein und durchaus auch auf Kritik stoßen. Es steht aber zu hoffen, daß die Botschaft nicht ungehört verhallt. Das Potential, einigen bisher Blinden die Augen zu öffnen, ist jedenfalls vorhanden.
Auf der Seite des Verlags findet man Informationen über das Buch sowie eine Leseprobe.
Fakten
Jahr: 2006
Autor: Lawrence Lessig
Preis: 24,90 EUR
Umfang: 304 Seiten
Verlag: Open Source Press
ISBN: 3-937514-15-5

