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Do, 9. Februar 2006, 00:00

Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität

Vorwort

Cover von Freie Kultur

Hans-Joachim Baader (hjb)

Cover von Freie Kultur

Wir leben in einer schwierigen Zeit, zumindest wenn man es aus dem Blickwinkel des Urheberrechts betrachtet. Auf der einen Seite steht eine Gesetzgebung, die Copyrights in den letzten hundert Jahren stetig ausgeweitet hat, auf der anderen Seite der technische Fortschritt, der mal von den Gesetzen behindert wurde, mal Ergänzungen der Gesetze erforderte. Heute sind wir bei P2P-Tauschbörsen und digitalen Kopien angelangt. Noch nie war es so leicht, Werke zu kopieren und zu tauschen, gleichgültig ob diese unter Urheberschutz stehen oder nicht. Hier gibt es jede Menge Konfliktstoff, und davon handelt »Freie Kultur«.

Über den Autor muß man, glaube ich, nicht mehr groß schreiben. Lawrence Lessig ist Rechtsprofessor an der Stanford Law School und Gründer des »Centers for Internet and Society« ebendort. Seine Spezialgebiete sind Verfassungrecht und Urheberrecht (hauptsächlich das der USA), er ist Gründer der Creative Commons und Empfänger des FSF-Awards 2002. Seinem neuen Buch »Freie Kultur. Wesen und Zukunft der Kreativität« eilt der Ruf voraus, nicht nur sehr interessant, sondern auch gut lesbar zu sein.

Das Buch

Einen Punkt möchte ich schon einmal vorweg nehmen: Das Buch ist in der Tat sehr gut zu lesen. Die Darstellung der eigentlich komplexen Sachverhalte fesselt, was sicher nicht an den Abbildungen liegt, die hie und da den Text auflockern. Insgesamt gibt es recht wenige davon. Es sind eher die zahlreichen Anekdoten, die es ermöglichen, die historischen Zusammenhänge und Entwicklungen besser zu verstehen. Die Sprache ist klar und eher nüchtern. Wenn man mit dem Lesen begonnen hat, möchte man gar nicht mehr aufhören. Es ist auch durchaus machbar, das Buch ohne größere Unterbrechungen zu lesen - bei einem Umfang von dreihundert Seiten kann man das in fünf Stunden schaffen.

Lessig beginnt mit zwei historischen Fällen, von denen einer nichts mit Copyright, aber durchaus mit Eigentum zu tun hat. Dieser Fall zeigt jedoch in bemerkenswerter Klarheit einige Dinge. Zum einen, daß die sich weiterentwickelnde Technik neue Streitfälle schaffen kann, die durch die vorhandenen Gesetze nicht abgedeckt sind. Es entstehen bisweilen rechtsfreie Räume, die entweder durch sinngemäße Anwendung eines bestehenden Gesetzes oder durch ein neues Gesetz geregelt werden. Im konkreten Fall, der sich 1946 ereignete, ging es um die Frage, ob sich Grundstückseigentum »bis in den Himmel« erstreckt. Interessant ist nun, mit welcher Begründung der zuständige Richter diesen Anspruch verneinte: »Der gesunde Menschenverstand revoltiert«. Er revoltiert bei dem Gedanken, daß ein Eigentümer der Regierung oder einer Fluggesellschaft den Überflug seines Grundstücks verbieten könnte oder für dieses Recht Geld verlangen könnte. Der Himmel über einem Grundstück war und blieb also Gemeineigentum.

Gesunder Menschenverstand konnte im zweiten Fall, den Lessig schildert, nichts ausrichten. Edwin Howard Armstrong erfand 1933 die Frequenzmodulation (FM), die wir heute als UKW-Radio kennen. Sein Arbeitgeber RCA hatte jedoch eine dominante Position im amplitudenmodulierten Radio und wollte keine Konkurrenz dazu dulden. Die Einführung von FM wurde viele Jahre verzögert, danach nutzte RCA Armstrongs Patente illegal, trieb ihn in den finanziellen Ruin und schließlich in den Selbstmord.

Zahlreiche weitere Fälle dienen zur Verdeutlichung der Hintergründe durch das ganze Buch hindurch. Lessig enthält sich über weite Strecken jeglicher Kommentare und läßt die Fakten für sich sprechen. Für alle Aussagen gibt er in Fußnoten die Quellen an, so daß jeder Interessierte selbst recherchieren kann.

Doch jetzt müssen wir darauf zu sprechen kommen, worum es in dem Text eigentlich geht. Es geht nicht um die Abschaffung von Copyright. Lessig bekennt sich immer wieder zum Copyright. Es geht auch nicht um Creative Commons, auch wenn die Initiative im Nachwort des Buches erwähnt wird. Thematisch gibt es aber durchaus Gemeinsamkeiten mit Creative Commons, denn letztlich geht es um die Balance zwischen Gemeingut und Copyright.

Lessig hat sein Buch in vierzehn Kapitel, eine Schlußbetrachtung und ein Nachwort eingeteilt und diese wiederum zu den übergeordneten Themen »Piraterie«, »Eigentum«, »Rätsel« und »Gleichgewichte« angeordnet. Die ersten beiden Stichworte beschreiben zwei laut Lessig zentrale Ideen.

Quer durch die Kapitel hindurch zeigt Lessig auf, wie sich das Urheberrecht im Lauf der Jahrhunderte geändert hat. Ursprünglich verbot es lediglich das Nachdrucken von Werken, es war sowohl in seiner Reichweite als auch in der Dauer sehr eingeschränkt. Bis vor hundert Jahren änderte sich praktisch nichts daran. Dann begannen technische Neuerungen mehr und mehr Einzug zu halten, und es war nötig, das Gesetz zu erweitern. Die Notwendigkeit dieser Erweiterungen wird nicht in Frage gestellt. Jedoch wurde in den letzten hundert Jahren, und ganz besonders seit den 1970ern, die Geltungsdauer des Copyrights immer weiter verlängert. Heute, nach dem Sonny-Bono-Act, gilt es bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors für neue Werke und 95 Jahre für ältere. Aus diesem Grund ist noch kein Werk von Disney gemeinfrei geworden, obwohl dessen älteste Werke an die 70 Jahre alt sind. Da seit den 1920er Jahren effektiv kein Werk mehr Public Domain wurde, wurde dem Gemeineigentum schwerer Schaden zugefügt, so Lessig.

Wie konnte das passieren? Die mit dem Besitz von Urheberrechten einhergehende Macht und Machtkonzentration führte dazu, daß die Konzerne das Urheberrecht zu ihren Gunsten beeinflussen konnten. Lessig spricht von einem weiteren Beispiel der Korruption der Gesetzgebungsprozesse.

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