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So, 10. Juni 2007, 00:00

Linux bald nur noch mit eingebauter Microsoft-Lizenz?

Nach Novell hat nun auch Xandros großspurig und stolz angekündigt, ein breit aufgestelltes Kooperationsabkommen mit Microsoft abgeschlossen zu haben. Worum geht es dabei? Folgt man der Xandros-Pressemitteilung, findet man die folgenden Aussagen: Microsoft und Xandros wollen hinsichtlich der Verwaltbarkeit ihrer jeweiligen Produkte zusammenarbeiten, Xandros kündigt an, die Interoperabilität zu Microsoft Office verbessern zu wollen, und Microsoft empfiehlt Kunden mit Interesse an Linux zukünftig die Produkte aus dem Hause Xandros.

Das alles klingt für jemanden, der den Markt schon seit Jahren verfolgt, ziemlich skurril: Ein kleinerer Linux-Distributor will die Interoperabilität zu Microsoft-Produkten verbessern und wird zum Dank von Microsoft empfohlen? Haben nicht Projekte wie Samba, WINE oder auch OpenOffice.org mit sehr viel mehr Manpower seit langem an bestmöglicher Interoperabilität zu Microsoft gearbeitet und sind dafür von Microsoft entweder ignoriert oder als Wettbewerb bekämpft worden? Woher dieser Sinneswandel?

Die Erklärung ist in den übrigen Aussagen der zitierten Pressemitteilung enthalten: Dort steht auch, dass Xandros verschiedene Microsoft-Protokolle lizenzieren wird. Gleichzeitig ist von einem Patentabkommen die Rede, welches Xandros-Kunden garantiert, dass der Einsatz von Xandros-Produkten im Einklang mit Microsofts geistigem Eigentum steht. Die Pressemitteilung ist geschickt formuliert: Xandros lizenziert und Xandros Kunden dürfen sich sicher fühlen, Patente werden zwar erwähnt, aber eine Aussage darüber, dass Microsoft-Patente direkt lizenziert werden, fehlt.

Bei dem Abkommen zwischen Novell und Microsoft vor ungefähr einem halben Jahr war man da weniger zimperlich: Hier hieß es in der seinerzeit bei Microsoft veröffentlichten FAQ: »Under the patent agreement ... Novell will ... make running royality payments based on a percentage of its revenues from open source products«, also: Das Patentabkommen zwischen Microsoft und Novell legt fest, dass Novell einen Anteil der Einnahmen aus Open-Source-Produkten für die Nutzung von Patenten an Microsoft zahlt. Anderswo nennt man das Lizenzierung.

In beiden Fällen, bei Xandros und bei Novell, scheint es also so zu sein, dass im Produktpreis eine Lizenzgebühr an Microsoft enthalten ist und das diese Lizenzgebühr direkt oder indirekt mit Microsoft-Patenten in Verbindung gebracht wird, die Linux und andere Open-Source-Produkte angeblich oder vielleicht oder vielleicht auch nicht verletzen, so sie denn als in Europa nicht zulässige Softwarepatente überhaupt Gültigkeit besitzen.

Denn zu der Frage, welche Patente nun durch welche Programmteile in Linux oder anderen Produkten tatsächlich verletzt werden, bekam auch Linus Torvalds von Microsoft bisher keine Antwort. Lediglich die Zahl 42 als Anzahl der verletzten Patente wurde in einer der jüngsten Pressemitteilungen genannt, wobei man sich schon sehr an Douglas Adams' »Per Anhalter durch die Galaxis« erinnert fühlen muss: Die Antwort ist eindeutig, aber die Frage nicht. Jedenfalls haben weder Anwender noch Programmierer eine Chance, die behaupteten und vermeintlichen Patentverletzungen zu vermeiden, weil sie diese nicht kennen können.

Microsoft kann man hier nun unterstellen, dass das Unternehmen nicht etwa strittige Patentfragen klären will, sondern einfach nur ein Druckmittel sucht, um über Lizenzabkommen an Linux mitzuverdienen. Wenn das stimmt, hätte Microsoft durch die Politik des Verdeckens und Drohens gleichzeitig den Vorteil, dass man sich überhaupt nicht mit Fragen herumschlagen muss wie der, ob Softwarepatente in Deutschland oder Europa überhaupt zulässig sind. Die Patente sind ja nicht bekannt und vielleicht sind es ja gar keine Softwarepatente?

Nun mag man sagen: alles halb so schlimm, Microsoft und Linux-Distributoren einigen sich, Microsoft darf bei Linux ein bisschen mitverdienen und die Anwender bekommen das Beste aus beiden Welten. Dabei übersieht man aber folgendes: Wenn dieses Verfahren erst einmal etabliert ist und alle Welt tatsächlich glaubt, man müsse auch bei einer Linux-Distribution Microsoft-Lizenzgebühren zahlen, weil man sonst verklagt werden können, dann kann Microsoft an der Preisschraube für seine »Patentlizenzen« drehen, so dass es am Ende wieder wirtschaftlicher wird, gleich Microsoftprodukte einzusetzen oder Microsoft eben genauso viel verdient, wenn die Kunden weiter Linux verwenden (immerhin hat man es dann nicht mehr mit so lästigen Dingen wie Support, Beratung, Partnerbetreuung, Erstellung von Dokumentation usw. zu tun, sondern braucht nur noch für vermeintliche Lizenzen die Hand aufzuhalten). Es kommt als darauf an, immer wieder darzustellen, dass es überhaupt keine nachgewiesene Verpflichtung zur Zahlung von Lizenzgebühren an Microsoft gibt, wenn man eine Linux-Distribution einsetzt.

Für Linux und die freie Entwicklung freier Software stellt diese Entwicklung eine ernsthafte Gefahr dar und ich halte es wirklich für schlimm, dass diese Gefahr zu einem großen Teil von mehr oder weniger wichtigen Linux-Firmen selbst ausgeht. Zum Glück gibt es mit Debian GNU/Linux eine von kurzfristigen, wirtschaftlichen Interessen unabhängige Distribution, bei der man nicht befürchten braucht, dass sie ebenfalls den Pakt mit Microsoft eingehen wird. Aber auch der wichtigste kommerzielle Distributor Red Hat macht keine sichtbaren Anstalten, ein ähnliches Abkommen mit Microsoft zu schließen.

Microsoft ist aufgefordert, die behaupteten Patentverletzungen schnellstmöglich zu belegen, dann wird man sich entweder vor Gericht über die Richtigkeit der Behauptungen streiten oder die betroffenen Programmbestandteile durch andere ersetzen können. So lange Microsoft dies nicht tut, macht sich das Unternehmen der Verbreitung irreführender Aussagen über seiner Wettbewerber schuldig, das ist ungefähr so, als würde ein Bäcker von seinem Wettbewerber behaupten, dieser verkaufe nur gestohlene Brötchen, ohne dafür einen Beweis vorzulegen. Damit haben schon andere bei der Bekämpfung von Linux eine Bruchlandung hingelegt, auch wenn ihnen anfangs der eine oder andere auf den Leim gegangen ist.

Peter Ganten ist Gründer und Geschäftsführer der Univention GmbH und Mitglied im Vorstand des Linux-Verbandes.

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