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Mo, 1. Januar 2001, 00:00

18. Chaos Communication Congress

Weil es sich in der Vergangenheit bewährt hat, werde ich diesen Bericht in Form eines Tagebuches verfassen. Es geht hier um den vom Chaos Computer Club e.V. in Berlin veranstalteten dreitägigen Chaos Communication Congress, der diesmal unter dem Motto "Hacking is not a crime" stand.

Donnerstag, 27. Dezember 2001

Um 5:45 Uhr, also nach weniger als drei Stunden Schlaf, muss ich bereits aufstehen. Um 6:30 Uhr fahren wir los. Das Wetter ist mies und wir kommen um 13 Uhr an. Genau jetzt würde ein Vortrag auf dem Kongress beginnen, der mich interessiert hätte, nämlich die Vorstellung von SmallScript, was eine SmallTalk-ähnliche "next-generation" Skriptsprache sein soll. Allerdings genießen die Vorträge bei mir keine hohe Priorität. Ich bin hauptsächlich hier, um mich mit anderen Hurd-Benutzern (und Entwicklern) zu treffen. Statt direkt zum Kongress geht es daher zuerst mal in die Ferienwohnung.

Wir sind etwas verwirrt, als wir die Fassade des Hauses sehen, denn sie sieht sehr verfallen aus. Allerdings sollen wir in den zweiten Hinterhof kommen. Der erste liegt voller Müll, sieht aber schon etwas vertrauenerweckender aus. Der zweite macht einen recht passablen Eindruck, aber wir sind dennoch ganz froh, als wir erfahren, dass wir hier nur die Schlüssel bekommen und unsere Ferienwohnung nicht hier ist. Die Wohnung ist durchaus akzeptabel, wenn es auch etwas ungewohnt ist, über zwei Fernseher mit Kabelanschluss zu verfügen, jedoch über keinen einzigen Flaschenöffner.

Da es für Berliner Verhältnisse nicht weit von der Wohnung bis zum Kongress ist, gehen wir zu Fuß, was nur etwa vierzig Minuten in Anspruch nimmt. Am ersten Tag verzichte ich darauf, meinen Laptop mit auf den Kongress zu nehmen. Zunächst verschaffe ich mir einen Überblick über die Räumlichkeiten und erwerbe - das ist ja praktisch Pflicht - das Kongress-T-Shirt. Irgendwann begegnen mir in einem Gang zwei Hurd-Entwickler, die gerade auf dem Weg ins Chaos-Archiv sind. Sie erklären mir, wo im Hackcenter die Hurd-"Abteilung" ist und ich begebe mich dorthin. Dort falle ich in ein Zeitloch und verpasse daher den Vortrag über die "diet libc" um 18 Uhr.

Aber im Ernst: Es sind zwei L4-Entwickler anwesend und es wird darüber diskutiert, inwiefern die Hurd-Leute und die L4-Leute kooperieren können, denn Hurd kann eine höhere Geschwindigkeit durchaus gebrauchen, weshalb gerade L4, der derzeit vermutlich schnellste Microkernel, gut dazu passen würde. Es wird beschlossen, morgen um 19 Uhr ein Treffen in einem separaten Raum durchzuführen, wo Näheres besprochen werden soll. Außerdem scheint das allgemeine Interesse an Hurd groß zu sein, denn immer wieder kommen Besucher, die Näheres darüber wissen möchten.

Der Hackcenter besteht aus zwei Teilen. Für den oberen musste man vorab Platz reservieren, was viele Projekte getan haben, z.B. einige der Entwickler der Rock Linux Distribution sowie der diversen BSD-Systeme. Es gibt ab und zu zu wenig Tische und Stühle, weshalb man sich welche bei anderen Gruppen klauen muss, wenn diese gerade nicht hinschauen. Im unteren Stockwerk des Hackcenters kann jeder mit seinem Rechner Platz nehmen und auch dieser Bereich ist bis auf den letzten Platz belegt. Eigentlich soll es sich bei dem Hackcenter nicht um eine Netzwerkparty handeln, doch scheint das nicht jeder so genau zu nehmen.

Obwohl es im Kongress die Möglichkeit gibt, etwas Essbares zu erwerben, gehen ich und zwei andere Hurd-Leute in eine nahegelegene Pizzeria (momentan: Schneefall und heftiger Wind), die aber - möglicherweise in Folge des Kongresses - ein wenig überlastet ist; weniger im Bezug auf die Tische, sondern eher auf die Zubereitungszeit von Pizzen, die fast schon unzumutbar lange ist. Dass außerdem im Menü definitiv eine "Pizza Vegetale" aufgelistet ist, mir aber mitgeteilt wird, es gäbe nur eine "Pizza Vegetaria" (die im Menü nicht existiert), ist auch nicht unbedingt ein Zeichen für Kompetenz. Immerhin ist die Pizza geschmacklich gut genug, um die negativen ersten Eindrücke vergessen zu lassen.

So endet der erste Tag, ohne dass ich auch nur einen einzigen Vortrag gesehen hätte, aber gelernt habe ich dennoch eine ganze Menge. Und ich habe ein cooles T-Shirt. Und coole Leute getroffen.

Freitag, 28. Dezember 2001

Auf dem Weg zum Kongress schneit es zur Abwechselung einmal nicht. Stattdessen regnet es. Die Verleihung der Big Brother Awards hätte mich durchaus interessiert, aber da diese extrem früh stattfindet (um 10 Uhr), entgeht sie mir. Der Vortrag von Neal Walfield über Hurd um 14 Uhr ist aber natürlich Pflicht für mich und er ist erfreulicherweise gut besucht. Neal bringt in einem fast zweistündigen Vortrag die Konzepte verständlich und kompetent rüber und lockert seine Ausführungen immer wieder mit Humor auf. Den gleichen Vortrag hatte er bereits einmal auf Französisch gehalten, weshalb er in der Nacht zuvor noch zwanzig Seiten seiner MagicPoint-Präsentation ins Englische übersetzt hat.

Danach mache ich im Hackcenter ausnahmsweise einmal das, wofür er gedacht ist, und ein freundlicher Mensch vom Nachbartisch hilft mir bei der Performance-Optimierung meines C-Quellcodes. Auch kommen immer wieder Leute zu uns, die sich für Hurd interessieren. Um 18 Uhr begebe ich mich in den Vortrag über eXtreme Programming (XP), der auch sehr lohnenswert (und unterhaltsam) ist, auch wenn die Methoden des XP sich überwiegend auf die Entwicklung kommerzieller Applikationen beziehen. XP erkennt, dass man nicht hohe Qualität, großen Funktionsumfang, wenig Aufwand und schnelle Fertigstellung zugleich haben kann, sondern immer auf eines der vier verzichten muss. XP verzichtet dabei auf den Funktionsumfang, d.h. es wird nur genau das implementiert, was notwendig ist. Das wird dadurch sichergestellt, dass man zuerst die Tests und dann den passenden Code schreibt und weiß, dass man genau dann fertig ist, wenn alle Tests laufen. Interessant ist auch das Konzept des Pair Programming, bei dem immer zwei Programmierer gemeinsam Code erstellen. Dabei wird etwas länger gebraucht, um den Code fertigzustellen, doch üblicherweise sei die Qualität des Codes viel höher. XP umfasst noch weit mehr, doch aus Zeitgründen wurden in diesem Vortrag viele Einzelheiten übersprungen.

Der Kongress scheint gut organisiert und durchdacht zu sein. Beispielsweise wird Hardware gekennzeichnet, damit nur derjenige sie vom Kongressgelände entfernen kann, der sie auch dort hingebracht hat. Auch ertönt - wenn ich das richtig interpretiert habe - kurz bevor neue Vorträge beginnen ein lauter Gong, damit man keinen Vortrag versehentlich verpassen kann - zumindest theoretisch. :-)

Hauptsächlich beschäftigt man sich auf dem Kongress natürlich mit Computern, aber nebenbei findet im oberen Stockwerk auch ein Wettbewerb im Schlossöffnen statt. Ich kann mir vorstellen, dass es interessant ist, sich damit zu beschäftigen, aber dabei zuzusehen ist nicht wirklich aufregend, weshalb ich in dem "Lockpicking"-Raum nicht lange verweile.

Bald darauf machen sich acht Hurd-Leute auf den Weg in eine Pizzeria, wobei wir nicht die nächstgelegene wählen, sondern bis zum Alexanderplatz laufen, wo wir die Blinkenlights, die auf dem Kongress stets auf eine Wand projiziert werden, im Original sehen können. Es regnet kaum noch, daher hängt mein Regenschirm noch in der Garderobe des Kongresses.

Um 10:40 Uhr begebe ich mich von der Pizzeria direkt in die Ferienwohnung, gehe also nicht mehr zurück zum Kongress. Fälschlicherweise nehme ich an, dass es kein Problem ist, seinen Regenschirm über Nacht in der Garderobe hängen zu lassen. Mein Laptop steht auch noch im Hackcenter. Es regnet nicht mehr, aber der Wind ist stark, einmal sogar stärker als ich. Ohne Laptop kann man nicht mehr viel machen, weshalb ich nur noch kurz mit einem Kugelschreiber und einem Stück Papier hacke und dann in den Standby-Modus gehe, um am nächsten Tag früh zum Kongress zu können, da ich dort nur bis 15 Uhr bleiben kann.

Samstag, 29. Dezember 2001

Um 9:30 Uhr stehe ich auf und begebe mich recht bald auf den Kongress. Die Zeit, die mir noch zur Verfügung steht, nutze ich hauptsächlich, um mich beraten zu lassen, wie man am besten vorgeht, um das Erstellen von Hurd-Übersetzern in der Programmiersprache Ruby zu ermöglichen. Vielleicht komme ich ja 2002 dazu, das umzusetzen.

Neben Vorträgen, die sich ausschließlich mit Technologie befassen, gibt es auch sehr viele, die zusätzlich noch gesellschaftliche Aspekte aufgreifen, etwa Überwachung und Datenschutz. Das verwundert in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen kaum. Diese Themen hätten mich zwar interessiert, aber ich bin ziemlich sicher, dass die Notwendigkeit, solche Dinge anzusprechen, nächstes Jahr keineswegs niedriger sein wird.

Als ich um Punkt 15 Uhr den Kongress verlassen will und noch kurz den Regenschirm abholen möchte, wird mir in der Garderobe mitgeteilt, dass Dinge, die am Vortag nicht abgeholt wurden, in den Security-Raum gebracht würden, der oben sei. Es scheint keinen solchen Raum zu geben und auch ein Chaos-Engel, den ich frage, weiß auch nichts darüber. Ich werde darauf hingewiesen, dass mein Regenschirm vermutlich bei den Fundsachen liegt, was ja wenigstens halbwegs logisch klingt. Das tut er nicht und man rät mir dort, mal an der Information zu fragen, die zum Glück gleich daneben liegt. Dort weiß man auch nichts darüber und "RTFM" ist in diesem Fall nicht unbedingt sehr hilfreich, da es kein "FM" dafür gibt. Ja, den Regenschirm habe ich Dank eines engagierten Chaos-Engels bekommen (Vielen Dank dafür), aber dass keiner wusste, was los ist, war eher enttäuschend, insbesondere da ich bisher den Eindruck hatte, der Kongress sei extrem gut organisiert.

Dafür regnet und schneit es gerade nicht, es ist nur noch saukalt. Wärend der Rückfahrt fällt dann erneut Schnee und wir kommen auch aufgrund des (Sie haben es erraten) schlechten Wetters erst sehr spät zuhause an. Fazit: Wenig Vorträge gesehen, trotzdem viel gelernt; schlechtes Wetter gehabt, dafür gut gegessen.

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