Zehn Jahre Pro-Linux
» Kein Durchbruch von Linux am Desktop«
Michael Kofler wurde 1967 in Innsbruck (Österreich) geboren. Im Oktober 1998 hat er an der technischen Universität in Graz seine Dissertation zum Thema »R-trees for Visualizing and Organizing Large 3D GIS Databases« abgeschlossen. Michael Kofler ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Graz. Er ist der Autor zahlreicher Bücher, unter anderem über Mathematica, Excel, MySQL, Visual Basic und Ubuntu. Sein geradezu klassisches Werk »Linux - Installation, Konfiguration, Anwendung« hat mittlerweile acht Auflagen erlebt und zeichnet sich durch eine distributionsunabhängige und sehr umfassende Darstellung von Linux aus.
Nach über 15 Jahren mit Linux ist es schwierig, ein bemerkenswertes Ereignis herauszugreifen: Das erste Mal Netscape ausführen (irgendwann in den 90er Jahren)? Das erste Mal KDE verwenden? Das erste Mal Knoppix von einer CD starten? Das erste Mal ein wobbelndes 3D-Fenster über den Desktop ziehen? Oder doch Daten von einer defekten Festplatte zu retten, die Windows als nicht mehr ansprechbar bezeichnet?Viel lieber befasse ich mich mit der Gegenwart als mit der Vergangenheit: Vor ein paar Monaten hat unser Familien-Notebook mit Windows XP das Zeitliche gesegnet. (Mein vierjähriger Sohn hat ein wenig nachgeholfen: Der Rechner fiel dummerweise genau auf den Netzstecker, weswegen im Notebook-Inneren die Netzbuchse abbrach.)
Der Kauf eines Windows-freien Notebooks stellte sich als mühelos heraus. Ebenso problemlos verlief die Installation von Ubuntu. Und damit ist - zumindest bei uns - die letzte Windows-Bastion gebrochen. Meine technisch wenig interessierte Frau habe ich vor vollendete Tatsachen gestellt. Und nach einer kurzen Einführung (»Das Start-Menü ist jetzt oben...«) war der Linux-Umstieg auch schon vollzogen.
Die erwarteten Proteste sind nie gekommen. Das wichtigste Programm - also Firefox - funktioniert ohnedies vollkommen gleich wie unter Windows. F-Spot erweist sich bei der Verwaltung der Foto-Flut als intuitiver als die bisher eingesetzten Programme, die WLAN-Verbindung ist stabiler, und das Spiele-Angebot ist reichhaltiger. Der restlichen Details (das Update-System, die 3D-Effekte, die optische Gestaltung des Panels, Dateisysteminterna etc.), mit denen sich Linux-Freaks endlos beschäftigen können, sind für Computer-Laien offensichtlich vollkommen nebensächlich.
Trotz dieses privaten Erfolgserlebnisses bei der Weiterverbreitung von Linux habe ich kaum noch Hoffnung auf den Durchbruch von Linux am Desktop. Wenn überhaupt, wird es wohl eher Apple gelingen, Microsoft in diesem Segment größere Marktanteile abzuluchsen. Aber eines ist sicher: Wer noch immer behauptet, Linux sei zu kompliziert oder zu technisch orientiert, hat den Umstieg nie versucht.
Ich wünsche pro-linux.de alles Gute zum 10-jährigen Geburtstag! Persönlich bin ich mindestens einmal täglich auf pro-linux.de zu Besuch und betrachte die Seite als die bei weitem beste deutschsprachige Linux-News-Seite. Weiterhin viel Erfolg!
»Auf die Familie abgefärbt«
Hubert Mantel ist Diplom-Mathematiker und Software Engineer Linux Platform bei Novell. Er hat 1992 gemeinsam mit Roland Dyroff, Burchard Steinbild und Thomas Fehr die »Gesellschaft für Software und Systementwicklung mbH«, kurz SuSE, gegründet. Nachdem SuSE von Novell übernommen wurde, verließ er im November 2005 das Unternehmen, kam aber nach einjähriger Pause wieder zurück. Er selbst programmiert seit 1978.
Ich beschäftige mich seit knapp 17 Jahren mit Linux, und das hat natürlich auch auf meine Familie abgefärbt. Meine Tochter, die in der 6. Klasse ist, kam letztes Jahr aus der Schule und erzählte, dass sie da jetzt auch »Computer« lernen. Wie zu erwarten mit Windows. Auf meine Frage, wie sie denn damit zurecht käme, meinte sie nur: »Ach, das ist fast genauso wie Linux. Nur eine Konsole gibt es nicht. Wenn mal etwas nicht funktioniert, kann es die Lehrerin nicht reparieren, sondern muss den Rechner neu booten. Wir machen das mit unserem Linux-Rechner nie.« Besser kann man die Vorteile eigentlich nicht zusammenfassen.
»Ruby konnte nur überleben, weil es frei ist«
Yukihiro Matsumoto ist der Entwickler der Skriptsprache Ruby, die als Alternative zu Perl und Python gilt. Er ist auch heute noch der Hauptverantwortliche für Ruby und hat die Firma Network Applied Communications Laboratory (NaCl) gegründet.
Als Programmierer wurde ich mit freier Software geboren und bin damit aufgewachsen. Mein erster nichttrivialer Editor war Emacs. Mein erster C-compiler war GCC. Und mein erstes Rollenspiel war Moria. Ich lernte Techniken des Programmierens durch das Lesen von Quellcode freier Software. Ich studierte Emacs, AWK, viele Lisp-Dialekte und eine Menge anderer Software.
Nachdem meine Sprache Ruby eine gewisse Popularität erreichte, fragten mich viele, warum ich Ruby zu freier Software machte. Es gibt jetzt hunderttausende von Ruby-Programmierern weltweit. Die Leute denken, wenn ich Lizenzen der Sprache verkauft hätte, wäre ich jetzt reich. Aus deren Sicht hatte ich eine Gelegenheit vertan, geschäftlichen Erfolg zu haben.
Sie verstehen die Natur von Software, insbesondere freier Software, nicht. Wenn ich gierig genug gewesen wäre, meine Sprache zu verkaufen, wäre Ruby nun verschwunden. Es konnte nur überleben, weil es frei ist, nicht nur kostenlos (»frei wie Freibier«), sondern frei im Sinne von Freiheit. Ruby ist ein echtes Gemeinschaftswerk. Wäre es nicht frei, hätten wir nicht die Gemeinschaft bilden können, die wir heute haben. Die Gemeinschaft hat geholfen, die Sprache zu dem zu entwickeln, was sie heute ist. Sie hat Ruby auf verschiedene Plattformen portiert, die ich nicht habe, einschließlich Windows, Mac OS X (bis vor kurzem), Mobiltelefone und Supercomputer. Wenn ich Ruby nicht zu freier Software gemacht hätte, müsste ich programmieren, um Geld zu verdienen, und wäre vielleicht nicht so glücklich, wie ich jetzt bin. Ich bin mir auch sicher, dass ich jetzt reicher bin als ich ohne Ruby wäre.
Manche sehen nicht den Wert davon, Software offen und frei zu machen, aber ich kann versichern: Software frei zu machen, kann das Leben eines Menschen sehr positiv verändern, und es kann ihn frei und glücklich machen.



