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Sa, 1. Dezember 2001, 00:00

Editorial: Die völlig freie Welt

Ich bin am Ende! Meine Zukunft spielt sich ab sofort auf 8 Quadratmetern mit Blick auf eine Mauer ab. Ein Bett. Ein Stuhl und ein Regal gefüllt mit Büchern. Nein, nicht diese Bücher, wie ihr es meint. Nein! Bücher aus Papier, die wieder und wieder gelesen werden können. Lizenzfrei versteht sich. Bücher aus einer Zeit, als Lesen noch Spaß machte und nicht jede Zeile bezahlt werden musste.

Und es fing alles so harmlos an, wie eben Monopole entstehen. Wüßte man, dass ein Monopol entsteht, so würde man es bekämpfen. Ist es aber da, ist es in der Regel auch zu spät. Viel zu spät war es, als es meine Vorfahren gemerkt haben.

Im Grunde waren alle schon immer Gesetzesbrecher. Es fing schon im Kindesalter an. Wir zeichneten eine Maus. Eine bestimmte Maus. Keiner erzählte uns, dass wir Lizenzgebühren zahlen müssen. Fehler! Wir mussten Gedichte lernen und vervielfältigten diese so trotz Verbot. Wieder ein Fehler. Wir lasen Bücher im Kindergarten und gaben diese öffentlich in sogenannten »Kinder-Vorstellungen« wieder. Fatal! Erzählten Witze aus Kinderfilmen, ohne dass wir eine ausdrückliche Genehmigung des Urhebers hatten. Wir zeichneten rosa Wolken und unsere Eltern lachten. Sie lachten. Sie sagten, es sei niedlich. Wir zahlen nun den Preis.

Wie fing es eigentlich an? Wo war der Anfang? War es schon immer so? Etwas veränderte uns. Nur was? Es fing schon früh an. So früh, dass ich mich nicht daran erinnern kann.

Die Filmindustrie war schon immer ein Vorreiter der Lizenzkampfes. Lange Zeit vor CSS und Macrovision. In einer Zeit, als die Welt noch naiv zu sein scheinte. Man erzählte mir, dass damals, Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger, alles anfing. Es wurde herumexperimentiert mit magnetischen Medien, die Filme beinhalten konnten. Eine neue Technologie. Simpel und genial zugleich. Es wurde nur ein Film erworben. Nein, nicht ein Film, sondern eine Session. Nach jedem Abspielvorgang musste die Kassette wieder »aufgeladen« werden. Simpel und genial zugleich. Bei Disney zeigte man sich schockiert. Man war entsetzt als die Technologie 1974 der Führungsriege vorgestellt wurde, sagte man mir. »Wie kann man sicher stellen, dass nur eine Person diesen Film sieht? Was versetzt die Entwickler in den Glauben, dass nicht noch eine Person ins Zimmer kommt und diesen Film auch noch sehen wird«, sagten sie angeblich. Doch sie lernten. Sie waren nicht dumm und lernten viel dazu.

Später kamen auch andere. Sie waren auch nicht dumm. Sie machten aber andere Dinge. Software nannte man es. So unglaublich es sich anhört, so wahr war es damals, in der Zeit, als sie noch naiv waren. Die Programme waren auf der Platte des Benutzers. Kaum zu glauben, aber so war es, sagte man mir. Es wurde kopiert und geklaut. Viel zu viel kopiert. Für private Zwecke sagten die Leute. Und sie haben reagiert. Sie entwickelten ein Kopierschutz. Primitiv, doch sie waren nicht dumm und verbesserten die Technologie. Es half. Sie konnten sichtbare Erfolge erzielen. Doch es war nicht genug. Es kamen andere. Sie nannten sich OpenSource. Krebsgeschwür der Softwareindustrie oder die Mörder jeglicher Innovation, nannten sie sie. Sie mussten es unterbinden. Patente für Software mussten her. Erst zögerlich machten sie es. Waren sich nicht sicher. Stellten ihr Kommunikationsprotokoll als geistiges Gut dar und verfolgten jeden, der diesen verwenden wollte. Patentierten simple Routinen, die jede Amöbe mit Sonderschulabschluss ebenso gut entwickeln konnte. Sie sagten, dass es ein geistiges Eigentum ist und dass Freaks von jahrelanger Forschung, die sie betrieben, einfach nicht profitieren dürfen. Dazu war sie zu teuer, um sie einfach zu verschenken, sagte sie.

Doch sie wollten mehr. Es war zu wenig. Sie wollten die Kontrolle, die totale Kontrolle wollten sie. An dieser Stelle zitiere ich. Ich zitiere eine Passage von Lenin, als Zitate zwar ein geistiges Eigentum waren, ohne Lizenzkosten aber verwendet werden durften. In einer Zeit, als sie noch naiv waren, sagte Lenin: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«. Sie wollten die Kontrolle also schrieben sie Lizenzbestimmungen, dass mit ihrer Applikation nichts gegen sie geschrieben werden kann. Die Medien nannten es Lustig. Sie lachten alle, als ein Programm erschien, der ausdrücklich eine negative Ausdruckweise gegenüber dem Hersteller verbot. Alle konnten Denunziantenbriefe schreiben und Drohungen. Sie konnte Lügen und Betrug produzieren mit dem Produkt, aber ich durfte nichts gegen sie schreiben. Das war nicht erlaubt.

Es lag schon immer in der Natur des Menschen, dass gelesen wurde. In einer Zeit, als sie noch naiv waren, durfte man es. Wie sonst würden wir die stilistischen Tricks von Goethe kennen lernen dürfen, wenn wir ihn nie gelesen haben? In der Zeit, in der Bücher noch frei waren, war es so. Im Gegensatz zu Software waren sie frei. Ich durfte die Quellen ansehen und lesen. Software änderte es. Verschloss die Türen und verbot es. Wissen, aber nicht Anschauen. Anschauen, aber nicht kosten. Kosten, aber nicht genießen. Die Taktik ging auf. Andere waren auch nicht dumm und entwickelten. Sie nahmen sich die Bücher vor. Entwickelten anfänglich nur primitive Mechanismen. Es wurde nur für den Inhalt eines Buches bezahlt und nicht für ein Buch. Einmal Lesen, nicht mehr. Die Kontrolle sollte aufgehen und ging auf.

Doch hier muss ich leider aufhören. Mein Anwalt rät mir dazu, diese Passagen nicht mehr zu erwähnen. Alle Informationen sind geschützt und dürfen nur mit einem schriftlichen Erlaubnis des Verfassers weitergegeben werden. Schade, erst jetzt wird es spannend.

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