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Mi, 7. Januar 2009, 00:00

Freie Software öffentlich fördern

Wie ein sinnvolles Konjunkturpaket aussehen könnte

Derzeit wird vor dem Hintergrund einer erwarteten Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eine Diskussion geführt, wie man mit finanziellen Mitteln des Staates die Konjunktur »ankurbeln« könne. Offensichtlich geht es darum, staatliches Geld zusätzlich auszugeben, damit es unter die Menschen kommt und im Wirtschaftskreislauf zirkuliert. Möglichst soll dabei noch ein gesellschaftlicher Nutzen entstehen.

Nach althergebrachter Gewohnheit geht die Diskussion derzeit dabei stark in Richtung der Finanzierung von »Infrastrukturprojekten«, wohinter sich oft Aus- und Neubau von Straßen verbirgt. Ohne an dieser Stelle derartige Projekte generell in Frage zu stellen, sollte man doch überlegen, ob nicht andere Bereiche durch staatliche Förderung einen ähnlichen, evtl. besseren Effekt erreichen könnten.

Ein solcher förderungswürdiger Sektor wäre die Erstellung und die Pflege freier Software und freier Information.

Das könnte beispielsweise die direkte Förderung von Entwicklern oder Dokumentationsautoren sein, die Ausschreibung der Realisierung von freien Projekten, aber auch die Finanzierung von Anwender-Schulungen für Lehrer, Beamte oder andere Angestellte. Ebenso ist die Unterstützung der Vergrößerung, Verbesserung und Strukturierung des in deutscher Sprache frei zugänglichen Wissens denkbar.

Der Umgang mit Information und Informationstechnologie bestimmt für viele Menschen einen Großteil des Arbeitsalltags. Verbesserungsansätze an Software und Dokumentation oder auch spezieller Schulungsbedarf werden sicher nahezu jedem Anwender in den Sinn kommen.

Dass öffentliche Gelder dabei so investiert werden müssen, dass von den Ergebnissen die Gemeinschaft profitiert, ist selbstverständlich, und untermauert die Rolle, welche freie Lizenzen in einer öffentlichen IT-Förderung spielen müssen. Durch sie wird der allgemeine Zugang zu allgemeinem Wissen sichergestellt und durch die Freiheit ein innovatives Klima für stetige Anpassung und Verbesserung ermöglicht.

Auswirken würde sich eine verbesserte Versorgung Deutschlands mit freier Software und freiem Wissen sicher nicht zum Nachteil des allgemeinen Bildungsniveaus. Je nach Schwerpunktsetzung, z.B. über die geförderten Projekte, ließen sich gerade in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung erhebliche positive Impulse erzielen. An Schulen, Hochschulen und Forschungsinstituten ist freie Software aus Kostengründen, aber in vielen Fällen vor allem wegen der Möglichkeit, sie nachzuvollziehen und anzupassen, jetzt schon weit verbreitet. Dabei hat sie aber noch ein riesiges Potential, angefangen von Lernsoftware für Schüler aller Klassen über aufbereitetes Grundwissen verschiedener Studiengänge bis zu Spezialprogrammen und -bibliotheken für bestimmte Wissenschaftszweige, oder auch allgemein genutzten Werkzeugen.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Das freie Textsatzsystem LaTeX und seine Begleitwerkzeuge sind berechtigterweise etablierter Quasi-Standard für hochwertige wissenschaftliche Dokumente, wie Fachaufsätze und Doktor-, Diplom- und Masterarbeiten. Trotzdem kostet es bisweilen einige Zeit und Mühe, zu einem Ergebnis zu kommen, welches den hohen Ansprüchen an ein solches Dokument gerecht wird. Verbesserungen an Verhalten und Dokumentation würden angesichts der Verbreitung des Systems in der Summe unzählige nervenraubende Arbeitsstunden von motivierten, oft klugen und oft auch hoch bezahlten Menschen für die Aufgabe freisetzen, die ihre eigentliche ist: kreativ und produktiv Erkenntnisse zu mehren und diese zu dokumentieren.

Ein weiterer Schwerpunkt könnte das Thema Sicherheit sein. Da in diesem Anwendungsbereich freier Software bereits seit längerem staatliche Aktivität durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stattgefunden hat, böte er eine Möglichkeit für schnell anlaufende Aktionen.

Im Gegensatz zu Infrastrukturmaßnahmen, wo unvermeidbar ein großer Teil der aufgewendeten Mittel für Energie und Rohstoffe ausgegeben wird, würden Investitionen in freie Software und Information zum allergrößten Teil aus der Bezahlung von Arbeitskräften bestehen. Dies kommt dem Gedanken der »Ankurbelung der Wirtschaft« erheblich näher als die Finanzierung der Rendite großer Aktiengesellschaften aus dem Rohstoff- und Energiesektor. Außerdem steht es nicht im Gegensatz zum Ziel, nachhaltig zu wirtschaften und Klimawandel, Rohstoffknappheit und Flächenverbrauch entgegenzutreten. Im Gegenteil würde die Erreichung dieser Ziele durch bessere (effizientere) Software und durch ein höheres Bildungsniveau eher noch befördert.

Gerade mit dem Bezug zur Bildung, mit dem Aspekt von nachhaltigen Zukunftsinvestitionen und evtl. durchaus auch unter Nutzung der Popularität von freiem Wissen und freier Software, bzw. der Unbeliebtheit von aufdringlicher Werbung und knebelnden Lizenzverträgen ließe sich eine derartige Anpassung von »Konjunkturpaketen« sicher gut medial kommunizieren und politisch durchsetzen. Außerdem sollte die Wirkmächtigkeit der hier eingesetzten Mittel verdeutlicht werden, zum Beispiel durch den gesamtdeutschen Kosten-Nutzen-Vergleich des Jahreshaushaltes der Wikimedia-Stiftung mit den Kosten eines Bauabschnittes für eine Umgehungsstraße einer beliebigen Kleinstadt.

Dass Förderungsbedarf auf Seiten der Projektbetreiber, der Entwickler und Autoren besteht, dafür stehen verschiedene private Initiativen wie zum Beispiel der »Summer of Code« von Google oder die Ansätze der »Massenfinanzierung« (Crowdfunding) von cofundos. Sie stehen auch dafür, dass mit den geeigneten Förderinstrumenten Angebot und Nachfrage gut zusammengeführt werden können. Vielleicht gelänge es, durch eine zeitlich begrenzte staatliche Initiative gerade das Massenfinanzierungs-Modell besser zu etablieren und damit eine Entwicklung anzustoßen, die weltweit eine Vorreiterstellung einnimmt.

Ohne an dieser Stelle weiter in Details einzudringen, soll also die Frage aufgeworfen werden, ob die aktive öffentliche Förderung von freier Software und freier Information im Rahmen staatlicher Konjunkturmaßnamen nicht eine wirksame Ergänzung oder gar Alternative zu bisherigen Konzepten darstellt, die bisher zu wenig betrachtet wird. Wer dieser Meinung ist, sei dazu aufgerufen, dies im Wahljahr 2009 aktiv in den politischen Prozess einfließen zu lassen.

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