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So, 30. September 2007, 00:00

Linux kommt bei normalen Anwendern an

Unter dem Titel »Ubuntu-Tagebuch« hat Spiegel Online in der Netzwelt einen fünfteiligen Artikel veröffentlicht, der die Installation und ersten Schritte mit Linux aus Sicht eines Anwenders beleuchtet, der gewisse Kenntnisse von Windows besitzt, aber nach einem ersten gescheiterten Versuch jahrelang nichts mit Linux zu tun hatte. Dass der Autor Jürgen Vielmeier hier zu Ubuntu Linux greift, zeigt deutlich, wieviel Ubuntu bereits für Linux erreicht hat. Andere Linux-Distributionen haben es trotz guter Reviews nie geschafft, so stark als das benutzerfreundliche System schlechthin wahrgenommen zu werden. Linux scheint allgemein bei vielen Anwendern immer noch als zu kompliziert oder unverständlich zu gelten. Dieser Ruf ist meiner Meinung nach längst nicht mehr gerechtfertigt. Selbst ein reines Debian ist von einfachen Anwendern problemlos zu nutzen. Allerdings ist dafür eine gewisse Lernphase nötig. Es ist äußerst instruktiv, eine solche Lernphase zu beobachten. Es kann dabei zu Fehlersituationen kommen, die Entwickler und Distributoren sich nie hätten träumen lassen. Diese Probleme sind dann in der Tat nur noch von einem sehr erfahrenen Anwender lösbar. Doch wenn die Lernphase abgeschlossen ist, läuft es problemlos.

Aber zurück zum Hauptthema. An fünf aufeinanderfolgenden Tagen erschien jeweils eine Folge des Artikels »Ubuntu-Tagebuch« auf Spiegel Online. Nun gibt es solche Berichte von Anfängern bereits wie Sand am Meer. Wo ist der Sinn, einen weiteren zu schreiben? Normalerweise lese ich sie gar nicht erst, da sie meist lediglich von einem tiefgreifenden Unverständnis von Computern oder von mangelnden Fähigkeiten, die Hilfefunktion zu benutzen, zeugen. In diesem Fall machte ich eine Ausnahme, da Spiegel Online vermutlich von zahlreichen Leuten gelesen wird. Ich bemerkte auch ein recht starkes Interesse unter den Lesern von Pro-Linux.

Auch der Autor von Spiegel Online tut sich im Vergleich zu anderen Artikeln nicht besonders hervor, so dass, wie eigentlich zu erwarten, ein sehr oberflächlicher Artikel herausgekommen ist. Der Schreiber lässt sich zunächst darüber aus, dass er seinen altersschwachen Laptop wohl kaum mit Windows Vista betreiben kann, da das System zu viele Ressourcen frisst. Mit Windows XP jedoch, so lesen wir mit Staunen, häufen sich mittlerweile die Abstürze. Sollte der Autor vielleicht doch etwas mehr Realismus an den Tag legen als einige andere? Freimütig räumt er sogar ein Viren-Ereignis auf seinem Windows XP ein.

Der Autor ist kein Freund von Kommandozeilen, wie er sie bei MS-DOS, offenbar nicht mit den positivsten Erfahrungen verknüpft, noch erlebt hat. Leider verschweigt er, dass Windows heute noch über die gleiche Eingabezeile verfügt, die sich seit MS-DOS 3.3 nur marginal verbessert hat, während Linux über eine extrem leistungsfähige Kommando-Shell verfügt, die allen, die sie zu nutzen lernen, enorme Vorteile bietet. Ich kann es nur als Gehirnwäsche bezeichnen, wenn heute in den Köpfen vieler Benutzer eine extrem restriktive grafische Oberfläche als gut, eine für unendlich viele Aufgaben nutzbare und programmierbare Kommandozeile dagegen als »bäh« gilt. Vor allem, wenn man verschweigt, dass sie unter Windows genauso oft benötigt wird wie unter Linux, wenn man vergleichbare Aufgaben ausführt, und dass man oft einfach den »Befehl ausführen«-Dialog (egal ob unter GNOME, KDE oder Windows) stattdessen nutzen könnte.

Sofern Sie die Artikelserie noch nicht gelesen haben, warten Sie sicher schon gespannt auf das Fazit. Es lautet »Linux ist besser und schlechter als Windows«. Nicht ganz das, was ich gerne gehört hätte, aber möglicherweise besser, als man erwarten konnte. Dennoch lehne ich eine Hälfte dieses Fazits glatt ab. Dabei will ich die beobachteten Probleme keineswegs schönreden. So erzählt der Autor von einem Einfrieren des Systems beim Versuch, ein nicht näher bezeichnetes Programm eines Drittanbieters zu installieren. An einen Absturz des Kernels glaube ich in diesem Fall zwar nicht, aber für den Benutzer macht es letztlich keinen Unterschied. Leider ist es für die Entwickler ohne genaue Untersuchung kaum nachvollziehbar, zumal offenbar ein proprietäres Programm im Spiel war.

Natürlich kann man das Fehlen von bestimmten Treibern oder Software als Problem für die Anwender ansehen. Besonders trifft das Umsteiger, wenn es vorher unter Windows ging. Kurzfristig wird man das auch nicht ändern können, aber es gibt fast immer eine Lösung, nämlich die betreffende Hard- oder Software auszutauschen. Das ist selten bequem und kann manchmal auch ein absolutes Hindernis sein.

Wie gesagt, man sollte die Probleme nicht schönreden, sondern überlegen, wie man das System noch runder machen kann, um die Probleme erst gar nicht aufkommen zu lassen oder bessere Problembehebung anzubieten. So dürfte es nicht sein, dass wie beim Autor der Drucker erkannt, aber nichts gedruckt wird. Vermutlich ist hier nur eine Kleinigkeit schiefgelaufen, aber für einen normalen Benutzer ist leider nicht nachvollziehbar, wo sein Druckauftrag geblieben ist. Da benötigt man schon einen Experten, der die richtigen Logdateien findet, für Normalbenutzer sollte es aber einfacher gehen.

Insgesamt scheint mir der Artikel zu sehr zu suggerieren, dass es mit Linux so einige Probleme gäbe, die nur mit viel Geduld zu lösen sind (und wenn die Hersteller nicht mitspielen, gar nicht), während mit Windows alles funktioniert. Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein, hat doch der Autor zuvor bereits zugegeben, dass er massive Probleme mit Windows hat. Und dass dies kein Einzelfall ist, weiß jeder aus seinem Bekanntenkreis.

Bei aller Oberflächlichkeit kann man aus dem Artikel doch einige Hinweise herausziehen, wie man Linux für die normalen Benutzer noch besser machen kann. Und es wäre dumm, diese zu ignorieren. So bemerkte der Autor, dass die Live-CD nicht die gesamte Hardware erkannte. Zwar erkannte das installierte System alles, aber wer die Live-CD benutzen will, um zu testen, ob seine Hardware funktioniert, könnte hier bereits aufgeben. Auch wer die Live-CD für spezifische Funktionen nutzen will, könnte enttäuscht werden. Egal ob dieses Problem Ubuntu-spezifisch ist oder nicht, es sollte gelöst werden.

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