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Fr, 1. Februar 2002, 00:00

Editorial: Herr der Rechner

Wie ist die Welt bei Tolkien so einfach! Es gibt nur das absolut Böse - Morgoth und sein Diener Sauron, und dessen Diener usw. - und das absolut Gute - Elfen, Gandalf und andere Helden. Dazwischen gibt es nichts. Naja, es gibt noch noch beispielsweise Menschen und Zwerge, die normalerweise gut sind, aber durch ihren Ehrgeiz, ihre Gier und ihren Stolz leicht zum Bösen verführt werden können. Aber auch hier gilt für jeden einzelnen: gut oder böse.

Wie gut, daß es im Computerbereich ähnlich einfach ist. Wie sollte ich denn, bitte schön, mein Leben meistern, wenn mich Zweifel über die Gesinnung von Microsoft, Gravenreuth, der Medienindustrie, Richard Stallman oder Linus Torvalds plagen würden? Es wäre unerträglich. Deswegen bin ich Tolkien so dankbar, daß er es schafft, die Welt in Hell und Dunkel, in Schwarz und Weiß zu unterteilen. Eine Welt, in der es keine Halbschatten und keine Grautöne gibt, ist doch sehr viel weniger bedrohlich. Kenne deine Feinde und stelle dich auf sie ein. Bestimmt ist Tolkien deshalb zum Kultautor geworden. Er gibt einfach eine wertvolle Lebenshilfe, einen Leitfaden durch unsere immer kompliziertere Welt, die keiner mehr durchschaut (ohne Hilfe, meine ich).

Gewiß, es ist oft nicht leicht, auf der Seite des Lichts zu stehen. Doch wenn alle anderen zurückschrecken, muß es ja einen geben, der den Schritt nach vorne macht. Die Geschichte braucht Helden. Wo könnte man das besser sehen als bei Frodo? Stelle dich dem Bösen entgegen, und du wirst zum Helden, gar zum Idol. Aber oft bedeutet es auch, die »sichere« Masse der Mehrheit zu verlassen. Schnell begibt man sich in gefährliche Gegenden, wird man zum Einzelgänger wie Streicher. Und eine Arwen ist natürlich in der Realität auch nicht in Sicht.

Wichtig ist es, daß man eine sichere Zuflucht hat. Für den Fall, daß einem das Böse gefährlich nahe auf die Pelle rückt. Das Zuhause muß ein Ort sein, das frei von bösen Einflüssen ist und zu dem das Böse keinen Zutritt hat. Geschützt von Talismanen und Maskottchen. Pinguinen, Chamäleonen und Dämonen-Statuen (Plüsch genügt) wird eine hilfreiche Rolle beim Schutz des eigenen Heims zugesprochen. Auch Bannkreise können für den Feind eine unüberwindliche Hürde sein, wenn sie ordnungsgemäß angelegt sind. So werden auch die Rechner in meinen Hallen vor allem Übel bewahrt: Zumindest ein Schild »MS-freie Zone« ist obligatorisch. Den Eingang bewacht ein überlebensgroßer Pinguin, und auf dem Monitor hält ein grünes Reptil Ausguck. So präpariert, kann mir in meinem bescheidenen Refugium eigentlich nichts passieren. Das heißt, es könnte, wenn ich vergessen hätte, auf den Datenstrom des Internets Acht zu haben. Doch dieser passiert meine Eingänge nur durch ein engmaschiges Sieb. Somit kann ich mich in meiner Zuflucht wirklich sicher fühlen. So sicher wie bei Elrond in Bruchtal. Mindestens.

Doch ein Held wäre kein Held, wenn er sich nur in seinen vier Wänden verkriechen würde. Wer immer nur im heimischen Dunkel sitzt, kann noch so große Taten vollbringen, doch solange niemand davon erfährt, ist er für die Öfentlichkeit nicht existent. Es gibt keine anonymen Helden, außer vielleicht bei Slashdot. Und auch dort richten sie meist mehr Schaden an, als sie Nutzen bringen. Fast wie Merry und Pippin.

Der Held ist also erst in seinem Element, wenn er hinausgeht in die unzivilisierte Wildnis, wo er jederzeit auf den Feind treffen kann und große Gefahren bewältigen muß, seien es Orks, Ringgeister oder Windows-User. Bei letzteren ersetzen Worte das Schwert als Hauptwaffe. Sie lichten die Reihen der Feinde wie die Pfeile von Legolas und die Axt von Gimli. Hier gilt es sich zu bewähren und am Ende siegreich zu bleiben. Leider winkt dem Helden nur selten der verdiente Lohn, oft wird ihm nicht einmal der Ruhm für seine Taten anerkannt. Manchmal muß er schon zufrieden sein, heil aus den Gefahren herausgekommen zu sein.

Danke, J.R.R. Tolkien, daß du uns die Augen geöffnet hast! Zweimal habe ich den »Herrn der Ringe« gelesen, wie wohl jeder Computerfreak dieser Erde. Erst jetzt beginne ich zu verstehen.

Als nächstes nehme ich mir »Harry Potter« vor...

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