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Di, 1. Mai 2001, 00:00

Editorial: Frei ist nicht kostenlos

Entspannt schaue ich auf den blauen Balken, der mir den Fortschritt meines Downloads anzeigt. Noch 4 Sekunden... 3, 2, 1, geschafft! Das war das vierte und letzte ISO-Image der neuen Distribution. Bei einem Preis von 0,75 Pf pro angefangenem Megabyte und einem Umfang von 4 mal 650, also rund 2600 Megabyte, hat mich die neue Distribution rund 19,50 DM gekostet. Kein schlechtes Geschäft, denn die Versandhändler für ISO-Images wollen inzwischen 10 DM pro CD, und die Box im Laden kostet inzwischen mindestens 200 DM. Weitere Kosten entstehen mir dank Flatrate ja nicht.

Bequemerweise wird der fällige Betrag über meine Kreditkarte abgerechnet, so daß ich keinen weiteren Streß damit habe. Das find' ich gut!

Es erinnert zwar entfernt an längst vergangene Zeiten, als man sich Software per BTX herunterladen konnte und für diesen tollen Service mehrere Pfennig pro Kilobyte zahlte. Aber ein Preisverfall auf weniger als ein Tausendstel innerhalb von 7 Jahren, das ist doch nicht schlecht.

Nun gut, es ist nicht ganz so gut wie noch vor ein paar Monaten, als Downloads aus dem Internet meist kostenlos waren. Doch plötzlich hatte jeder eine Flatrate und begann, gnadenlos ganze ISO-Images aus dem Internet zu ziehen. Es kostete halt nichts, und wo etwas umsonst ist, greifen keine regulierenden Kräfte. Die Internet-Provider mußten mehr und mehr Bandbreite zuschalten, was aber kein Problem war, da sie das wegen der zu grassieren beginnenden Multimedia-Manie sowieso tun mußten.

Doch die Betreiber der Server, von denen man die freie Software herunterladen konnte, bekamen den Ansturm zu spüren. Ein paar Server mehr, um die Last zu bewältigen oder besser zu verteilen, das fiel ja kaum ins Gewicht. Aber die ständig steigenden Kosten, um immer schnellere Anbindungen ans Internet zu schaffen, brachten so manchen Distributor fast um. Durch die GPL verpflichtet, den Quellcode zugänglich zu machen, sahen viele ihr Geschäft dahinschwinden. Dazu kam noch, daß durch die Downloads die Verkäufe der Distributions-Boxen in den Läden stagnierten, trotz des Linux-Marktanteils von 80%.

Die Lösung des Problems war offensichtlich, denn die GPL verpflichtet ja nicht dazu, mit der Bereitstellung der Quellen Verluste zu machen. So taten denn alle Distributoren den Schritt, den sie bisher - wahrscheinlich nur wegen der Publicity - gescheut hatten, und schafften die kostenlosen Downloads ab. Seither gibt es freie Software fast nur noch gegen Moneten. Ist ja auch nicht schlimm, denn man hat ja nach wie vor die Wahl: Downloads gegen moderate Selbstkostenbeiträge, fertige CDs für etwas mehr Geld, oder bunte Boxen für noch mehr Geld. Manche Server bieten auch immer noch freie Downloads an, weil sie aus anderen Quellen finanziert werden. Auch der Abo-Service der meisten Distributoren spart Geld, aber man legt sich dann halt auf eine Distribution fest. Und wer die Möglichkeit hat, kann sich die Software ja von Freunden kopieren. Denn frei ist sie, dank GPL, immer noch. Und das ist ja wohl das Entscheidende.

Und ich finde auch nichts Schlechtes dabei, wenn die Entwickler und Förderer von freier Software sich durch die Download-Gebühren finanzieren. Richard Stallman selbst hat 10 Jahre lang hauptsächlich vom Verkauf von Bändern mit der freien GNU-Software gelebt. Somit ist diese Praxis quasi von oben abgesegnet.

So, jetzt browse ich schnell noch SourceShop.com, das frühere SourceForge.net, denn ich will noch einen Update meines Lieblings-Editors besorgen. SourceShop gehört zu den günstigeren Sites im Web mit nur 0,69 Pf pro angefangenem Megabyte. Das Archiv ist 1,1 MB groß, kostet mich also 1,38 Pf. Nicht der Rede wert! Doch was ist das? Als ich den Download starten will, kommt eine neuen Webseite, in der es heißt:

"Werter Kunde, aufgrund der gestiegenen Hosting-Kosten sehen wir uns gezwungen, die Tarife zu erhöhen. Der Preis pro angefangenem Megabyte beträgt nun 0,76 Pf. Klicken Sie OK, wenn Sie den Download beginnen wollen."

OK. Frei ist eben nicht gleichbedeutend mit kostenlos.

  • Dieses Werk wurde unter der GNU Free Documentation License veröffentlicht. Das Kopieren, Verbreiten und/oder Modifizieren ist erlaubt unter den Bedingungen der GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation.

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