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Di, 1. Januar 2002, 00:00

Editorial: Das Jahr der Freien Software

Für all diejenigen, die sich das letzte Jahr in ihrem Zimmer eingeschlossen haben, um ungestört ein besonders cooles Programm hacken zu können, möchte ich hier einen Überblick über die wichtigsten Ereignisse des letzten Jahres geben. Natürlich mag das auch interessant sein, wenn Sie das Jahr 2001 ganz normal verbracht haben, aber wer regelmäßig Pro-Linux verfolgt hat, wird das meiste bereits mitbekommen haben. Wenn ich dieses Jahr mit einem Satz zusammenzufassen sollte, würde ich sagen, dass sowohl viele Befürchtungen als auch viele Wünsche Wirklichkeit wurden, wenn auch leider mehr Befürchtungen als Wünsche.

Beginnen möchte ich diese "Rundreise" bei der Debian-Distribution. Es war ein Jahr, in dem keine neue Version der Distribution erschien, von den gelegentlichen potato-Korrekturen einmal abgesehen. Allerdings wurde der Freeze für Debian 3.0 bereits im Juli durchgeführt und es wurde ein neuer Projektleiter gewählt. Außerdem wurde das DeMuDi-Projekt gestartet, das Debian in den Multimedia-Bereich bringen soll, sowie ein Projekt, das für Pentium-Rechner compilierte Debian-Pakete bereitstellen will. Selbst bei Wahlen wurde Debian in diesem Jahr eingesetzt. Aber es gab nicht nur Positives zu vermelden: Zwei Debian-Entwickler verstarben.

Die auf Debian basierenden, kommerziellen Distributionen hatten wenig Glück: Stormix existiert nicht mehr und auch die nach einigen Betas und Release Candidates gerade erst erschienene Progeny Debian Distribution wurde bald wieder eingestellt, nachdem auch das "Network Of Workstations" Projekt gestoppt wurde, weil Progeny damit beschäftigt war, sich durch kurzfristig rentable Projekte über Wasser zu halten.

Anderen Unternehmen, die sich mit Freier Software befassen, erging es aber auch nicht besser. Eazel beispielsweise konnte zwar immerhin noch Nautillus 1.0 veröffentlichen, musste dann jedoch Mitarbeiter entlassen und bald darauf ganz schließen, obwohl kurz vorher noch ein neues Produkt angekündigt wurde. Immerhin hat die andere "GNOME-Firma", nämlich Ximian (die vorher HelixCode hieß) zunächst einmal neues Geld bekommen und im Laufe des Jahres einiges an Software veröffentlicht, z.B. Evolution 1.0, Ximian GNOME 1.4 und Mono 0.7, wobei ich auf letzteres später nochmal zu sprechen komme. Einige mag es überrascht haben, aber Ximian hat tatsächlich vor, Geld zu verdienen, wozu man Produkte veröffentlichte und sich einen neuen CEO zulegte. Es schien für Ximian aber eigentlich ganz gut zu laufen, von einem kleinen Zwischenfall einmal abgesehen, für den man sich ja gleich entschuldigte.

Es gab natürlich nicht nur Pleiten, sondern auch einige Neugründungen, wobei insbesondere Gonicus (das von ehemaligen Mitarbeitern des insolventen Dienstleisters ID-PRO gegründet wurde) und Tungsten Graphics (gegründet von Grafikspezialisten aus dem Umfeld Freier Software) von Interesse sind.

Extrem schlecht lief es aber auf jeden Fall für VA Software (ehemals VA Linux): Erst eine Gewinnwarnung, dann Entlassungen, schließlich Umsatzeinbußen, man verließ das Hardwaregeschäft, meldete Rekordverluste und entließ nochmal Leute. Letztlich wandte sich das Unternehmen sogar von Freier Software ab und führte in der Entwicklungsplattform SourceForge, die bereits eine Weile zuvor 1 Jahr alt geworden war, proprietäre Software ein, weshalb die FSF Europe an Entwickler Freier Software die Empfehlung aussprach, SourceForge zu meiden. Zwar wurde dies von SourceForge theoretisch beantwortet, doch wurde dabei auf viele der aufgeworfenen Fragen nicht eingegangen, weshalb die Empfehlung der FSF Europe noch steht.

Die FSF Europe hatte Anfang des Jahres ihre erste Mitgliederversammlung und bald darauf eine zweite. Sie engagierte sich außerdem im Bildungsbereich, präsentierte sich auf der Systems in München und startete die Kampagne "Wir sprechen von Freier Software", deren prominentester Unterstützer wohl Bruce Perens sein dürfte, seines Zeichens Mitbegründer der "Open Source" Bewegung. Jonas Öberg wurde neuer Vizepräsident der FSF Europe und der Präsident, Georg Greve, gab Pro-Linux ein informatives Interview. Er meldete sich auch zu Wort, als öffentlich über GNU/Linux im Bundestag debattiert wurde. Aber der Reihe nach:

Im Januar sah es für GNU/Linux in deutschen Behörden nicht besonders gut aus, nur selten bekam man mal einen Lichtblick zu Gesicht, der sich dann aber meist nur auf Server und eher selten auch auf einen Desktop-Einsatz bezog, wobei es auch das natürlich gelegentlich gab. Doch dann suchte der Bundestag einen Ersatz für Windows NT und ein Bundestag ohne Microsoft schien in Sicht. Es entstand eine Debatte, an der z.B. das Mitglied des Linux-Verband Vorstandes Daniel Riek (der sich für GNU/Linux stark machte) und eben auch Georg Greve (der für alle freien Systeme eintrat) zu Wort meldeten. Die Entscheidung soll im Februar gefällt werden.

Wärend es hier also bergauf zu gehen schien, kamen aus den USA eher schlechte Nachrichten. Nicht nur, dass dort DeCSS abwechselnd mal legal und mal illegal war, daran konnte man sich ja nach einiger Zeit noch gewöhnen. Viel schlimmer ist es, dass ein russischer Programmierer vom FBI verhaftet wurde für etwas, was er nicht in den USA getan hat und was in Russland nicht einmal strafbar ist, nämlich die eBook-Verschlüsselung zu knacken. Zwar wurde protestiert und die Electronic Frontier Foundation (EFF) und der eigentlich für die Verhaftung Verantwortliche (Adobe) baten darum, dass man Dmitry freilassen solle, doch er blieb noch eine Weile hinter Gittern, bis er dann auf Kaution freikam und letztlich unter einigen nicht besondern angenehmen Bedingungen nach Russland zurück durfte, woraufhin RMS darauf hinwies, dass damit noch nichts gewonnen sei und rief zu einem Boykott von (und einem Protest gegen) Adobe und anderen Firmen auf, die sich des DMCA bedienen. Über SSSCA ("Nachfolger des DMCA") und andere Grausamkeiten schweige ich mich lieber aus, sonst wird mir vollends übel. Wenn man so etwas liest, da tröstet es einem auch nicht mehr, dass die Niederlande sich gegen Softwarepatente entschieden haben und Japan das Patent von Amazon ablehnte.

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