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Mo, 1. Juli 2002, 00:00

Editorial: Was die anderen von Gentoo Linux lernen können

Kommerzielle Linux-Distributoren haben ein Problem: Sie können ihre Distribution nicht auf einen bestimmten Prozessor optimieren, da es zuviele Varianten der x86-Familie gibt, die im Einsatz sind. (Dies gilt natürlich auch für PowerPC, SPARC und andere Prozessorfamilien.) Daher optimiert man nur für den ältesten Prozessor, der unterstützt werden soll, und verschenkt mehr oder weniger viel Leistung auf den verschiedenen Prozessoren. Zum einen können nur Maschinenbefehle genutzt werden, die alle Prozessoren gemeinsam haben. Befehle, die schneller ausgeführt werden könnten, aber nicht auf allen Prozessoren zur Verfügung stehen, bleiben ungenutzt. Zum anderen spielt die Anordnung der Befehle im Speicher eine recht große Rolle bei der Ausführungsgeschwindigkeit. Leider unterscheiden sich gerade hier die Prozessoren einer Familie erheblich, und eine Distribution kann nur auf einen Prozessortyp optimiert sein.

Wie sehr sich der Leistungsverlust bemerkbar macht, hängt von vielen Faktoren ab, hauptsächlich vom Prozessortyp und der konkreten Anwendung. So wird beispielsweise ein Mailprogramm wie Evolution kaum beeinflußt werden, während es für einen MP3-Encoder oder MP3-Player einen drastischen Unterschied machen kann.

Kein Wunder, daß Linux-Benutzer, die die entsprechende Erfahrung besitzen, immer öfter eine Distribution wie Gentoo Linux, über die wir kürzlich erst berichtet haben, einsetzen. Denn eines der Features von Gentoo ist, daß die Distribution bereits bei der Installation aus den Quellen compiliert werden kann. Dabei kann die komplette Distribution auf den verwendeten Prozessor optimiert werden.

Natürlich ist dieser Ansatz mit einigen Nachteilen verbunden:

  • Die Installation dauert sehr lange.
  • Es gibt keine Verwaltungs-Tools. Immerhin unterstützt das überragende Tool Webmin alle Gentoo-Versionen, so daß sich dieser Nachteil etwas relativiert.
  • Will man das System auf einen anderen Rechner kopieren oder die CPU austauschen, und die neue CPU ist eine andere als die ursprüngliche, so verschenkt man wiederum Leistung oder, im ungünstigsten Fall, läuft das neue System erst gar nicht.

Das andere herausragende Feature von Gentoo ist das Portage-System, das an das Port-System von *BSD angelehnt ist. Es ermöglicht u.a., alle in Portage vorhandenen Software-Pakete mit einem einzigen Befehl aus den Quellen zu installieren. Das kann Debian natürlich auch, aber unter Gentoo und *BSD ist das gleiche mit der kompletten Distribution möglich.

Finanzielle Überlegungen sind wahrscheinlich der Hauptgrund, daß etwas Vergleichbares in den kommerziellen Distributionen nicht zu finden ist. Denn wenn die jeweils aktuellsten Versionen aller Applikationen problemlos heruntergeladen und compiliert werden könnten, würden weniger Pakete verkauft, und vom Paketverkauf und mehreren Updates pro Jahr leben die Distibutoren nun einmal. Der Trend geht aber dahin, den Umsatz vom Paketverkauf zum Service zu verlagern, so daß die Überlegung auch irgendwann einmal anders ausfallen könnte.

Doch zurück zur Optimierung. Gentoo optimiert die gesamte Distribution auf einen Prozessor, doch ist dies meiner Meinung nach nicht nötig, um eine nahezu optimale Gesamtperformance zu erhalten. Hier ist meine Idee, was die anderen von Gentoo übernehmen könnten. Die Installation der Distributionen sollte unverändert bleiben. Erst nach erfolgreicher Installation sollten die Distributionen die Möglichkeit anbieten, einzelne Komponenten mit Prozessor-spezifischer Optimierung neu zu compilieren. Dies würde einige Zeit dauern, aber es kann ja im Hintergrund ablaufen. Es würde außerdem sehr viel weniger Zeit in Anspruch nehmen als eine Compilierung der kompletten Distribution, hätte aber dennoch einen spürbaren Effekt.

Dem Benutzer müßte es natürlich möglich sein, die Optimierung zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt vorzunehmen, sie zu wiederholen usw. Dazu müßte ein einfach zu verwendendes Kommando zur Verfügung stehen. Im Idealfall könnte der Benutzer dann auch auswählen, ob er nur eine kleine Anzahl grundlegender Pakete optimiert, eine größere Anzahl oder gleich die ganze Distribution.

Ich bin gespannt, ob ein solches Feature einmal in andere Distributionen einfließen wird. Immerhin wäre es ein Verkaufsargument in dem recht umkämpften Markt. Wer nicht darauf warten will, verwendet gleich Gentoo...

  • Dieses Werk wurde unter der GNU Free Documentation License veröffentlicht. Das Kopieren, Verbreiten und/oder Modifizieren ist erlaubt unter den Bedingungen der GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation.

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