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Fr, 1. Juni 2001, 00:00

Editorial: Kreuzzug zum Desktop

Wenn man sich die News-Themen der letzten Zeit ansieht, die sich auf Linux beziehen, so stellt man fest, daß es fast nur noch um den Desktop geht. Völlig klar: In allen anderen Bereichen hat Linux bereits gewonnen. Der Server-Sektor ist einfach kein Thema mehr. Dort sind das Preis/Leistungs-Verhältnis und die Stabilität von Linux einfach unschlagbar (ich klammere hier mal, wie auch im folgenden, *BSD aus). Die Veröffentlichung des Itanium durch Intel wirft ein ganz neues Licht auf Linux, denn es ist derzeit das einzige verfügbare Betriebssystem für Itanium. Microsoft hat noch lange kein fertiges 64-bit Windows, und wer würde das nebenbei auch haben wollen?

Auch im großen Sektor der eingebetteten Systeme hat Linux bereits gewonnen, auch wenn sich einige proprietäre Systeme noch in Nischen halten werden, und andererseits *BSD hier Marktanteile gewinnt, weil deren Lizenz einigen Firmen lieber ist als die GPL. Doch zu groß sind hier die Kostenvorteile der freien gegenüber den proprietären Systemen. Bei Stückzahlen von 1000, 10000 oder mehr ist der Preis der Lizenzen ein Killerargument.

Aber zurück zum Desktop. Linux wird als die Alternative zu Windows gehandelt. Doch ich bin anderer Ansicht. Linux ist der Desktop. Die einzige Alternative, die noch übrigbleibt, ist Windows. Und das ist, mit Verlaub, eine äußerst beschissene Alternative. Microsoft weiß das auch, und hat daher die Schlacht gegen Linux mit neuer Härte wieder aufgenommen. Nun, mir kann es egal sein, was die Schießbudenfiguren von Microsoft mal wieder gegen Linux ablassen. Im Endeffekt sind es immer wieder dieselben Lügen. Die Linux-Gemeinschaft muß nur dafür sorgen, daß diese Behauptungen nicht unwidersprochen bleiben, denn viele Computerlaien können diese nicht als Lügen erkennen.

Warum habe ich oben Windows als "beschissen" bezeichnet? Nun, 11 Jahre sind seit Windows 3.0 ins Land gegangen, mehrere Windows-Generationen sind an uns vorbeigegangen, und die Probleme mit Windows sind immer noch die gleichen. Jeder kennt diese zur Genüge, so daß ich mir eine Aufzählung sparen kann. Das ist mir nämlich längst zu langweilig geworden.

Nur kommen jetzt noch solche Nettigkeiten wie die Verdongelung und die teilweise Unmöglichkeit hinzu, Windows neu zu installieren oder auf einen anderen Computer zu transferieren. Es gibt heutzutage keinen Grund mehr, sich solche Praktiken gefallen zu lassen. Mit Ausnahme von branchenspezifischer Software und wenig anderem gibt es nun alle Software, die man so braucht, unter Linux. Der Umstieg auf Linux ist also für die meisten Leute machbar. Das eine oder andere Legacy-Programm kann man ja mit Wine oder diversen Emulatoren unter Linux zum Laufen bekommen.

Viele der Probleme mit Windows laufen letztlich darauf hinaus, daß es nicht Open Source ist und die Probleme einfach nicht korrigiert werden, da nur Microsoft sie korrigieren könnte. Dieser Punkt wird immer wieder unterschätzt, denn was nützt dem Endanwender der Quellcode? Nun, direkt nützt er ihm vielleicht nichts, aber es gibt genug Entwickler, die Verbesserungen einbringen können, die dann wieder dem Endanwender nützen. Nehmen wir mal ein Beispiel aus der neuesten c't: Die nächste Generation des BIOS wird Daten enthalten, die von Windows gelesen werden und daraufhin ein Fenster auf dem Desktop öffnen. Und wird darin etwas Sinnvolles zu finden sein? Nope. Es wird vielleicht die Möglichkeit angeboten, eine Mitgliedschaft bei irgendeinem Internet-Provider zu bestellen, oder andere Werbung. Es ist klar, daß dies nur funktionieren kann, weil die BIOS-Hersteller ein Abkommen mit Microsoft geschlossen haben. Unter Linux wäre so etwas undenkbar. Dort wird man niemals von solchen Botschaften belästigt werden. Sollte ein Distributor ein entsprechendes Programm zu seiner Distribution hinzufügen, kann man ja eine andere Distribution nehmen, wenn es einem nicht paßt, oder die entsprechende Software entfernen. Unter Windows kann man es zwar auch entfernen, das erfordert aber mindestens das Löschen von etlichen undokumentierten Registry-Einträgen.

Zurück zum konkreten Desktop. Selbst wenn ich KDE und Gnome ausklammere, tut sich einiges. Selbst die c't bringt mehr und mehr Berichte über Linux-Desktop-Programme. Viele Hardware kommt von vornherein mit Linux-Treibern, oder die Treiber werden gleich in den Kernel integriert. Ich benutze hier auf dem Desktop seit Jahr und Tag einen bis ins kleinste Detail konfigurerten fvwm2 als Window-Manager und einen optimal konfigurierten Netscape 4.77 als Browser. Mit keinem anderen Window-Manager und keinem anderen Browser kann ich eine vergleichbare Produktivität erreichen. Und mit Windows wäre an ein vernünftiges Arbeiten schon gar nicht zu denken. Diese Dummy-Oberfläche, die, sobald man auch nur ein Programm im Hintergrund laufen hat, extrem lahmarschig ist, hindert einen an allen Ecken und Enden daran, effektiv (d.h. mit ein paar Tastendrücken) zu arbeiten. Von Aufgaben, die man automatisieren will, ganz zu schweigen. Deshalb gibt es für mich keine Alternative zu Linux.

Um wieder zum Anfang zurückzukommen: Im Moment wird ja viel geschrieben über die Schlacht um den Desktop. Leider haben die meisten Schreiberlinge verpennt, daß die Schlacht bereits vorüber ist. Und wir haben gewonnen. Und daher ist es jetzt an der Zeit, eine der übelsten "Erfindungen" von Bill Gates rückgängig zu machen: die Windows-Tastatur. Ich will endlich wieder die Möglichkeit haben, eine brauchbare Tastatur, also mit ausreichend langer Space-Taste, und mit ALT- und STRG-Tasten, die man auch treffen kann, beim Händler um die Ecke zu kaufen. Nicht nur im Spezial-Versandhandel für Prä-Windows- und Workstation-Fetischisten...

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