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Mo, 1. Oktober 2001, 00:00

Editorial: Frustration

Die Frage, ob Computer jemals intelligent sein können, ist eine philosophische Frage; derzeit sind sie es jedenfalls nicht wirklich, denn sie tun zumeist das, was man ihnen sagt und nicht immer das, was man von ihnen möchte. Da ist es eigentlich offensichtlich, dass sehr viele Menschen das Arbeiten an diesen Geräten als frustrierend empfinden. Über Mitmenschen, die alles exakt wörtlich nehmen, würde sich wohl jeder gleichermaßen aufregen.

Diejenigen von uns, die sich für Technik allerdings begeistern können und die es als Kompliment auffassen, wenn man sie "Freak" nennt, sind meist auch die, die das Arbeiten mit einem der MS-Windows Systeme am frustrierendsten finden. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich zu dieser Gruppe gehöre. Das genannte Problem können wir Freaks oft umgehen, indem wir Systeme verwenden, die wir nach unseren eigenen Ansprüchen gestalten können, wodurch sie etwas häufiger das tun, was wir wollen, da wir ihnen leichter die richtigen Anweisungen geben können. Kein Problem also? Von wegen!

Bob Young, Chief Executive Officer (CEO) von Red Hat bemerkte einmal: "Die ganze Welt hasst Technologie". Das ist erstens richtig und zweitens eine Sache, die für Technologie-Begeisterte (mit Ausnahme der Autisten unter uns) viel frustrierender ist als alle unflexiblen und umständlichen Programme der Welt gemeinsam. Es ist wohl auch ein wichtiger Grund, warum viele von uns Microsoft nicht mögen: Diese Firma ist in gewisser Weise dafür verantwortlich, dass unsere Begeisterung auf Unverständnis stößt. Niemand ist gerne Außenseiter; unter Gleichgesinnten fühlt man sich immer wohler. Nun will ich keinesfalls die ganze Welt missionieren, damit sich alle für die gleichen Sachen interessieren wie wir, denn dann würde die Menschheit sicherlich recht schnell aussterben. Ich würde mir nur wünschen, dass die Leute keine negative, sondern zumindest eine neutrale Meinung zu Technologie haben. Ich behaupte, dass dies nur möglich ist, wenn die Menschen das Gefühl haben, die Technologie würde ihnen dienen, womit ja nicht nur uns Freaks geholfen wäre. Hier kommt Freie Software ins Spiel.

Man mag sich nun fragen: Warum sollte ausgerechnet Freie Software hier etwas ändern? Bei freien Systemen ist nicht unbedingt immer alles einheitlich. Die Programme haben oft ihren eigenen Charakter, in dem sich die Ideen und Denkweise des jeweiligen Programmierers wiederspiegeln. Man sieht hier also, dass das System von Menschen erstellt wurde - genau das macht es andererseits so sympathisch. Dies erleichtert es natürlich, Fehler zu verzeihen. Möglicherweise ist darin auch der Grund für die angebliche Blindheit mancher GNU/Linux-Benutzer gegenüber Schwächen "ihres" Systems zu suchen. Die meisten Leute kennen hingegen nur MS-Windows-artige Systeme und können dafür (veständlicherweise) keinerlei Sympathie entwickeln. An dieser Stelle kommt eine essentielle Frage auf: Wäre die Welt in dieser Hinsicht ohne Microsoft - oder noch allgemeiner: generell ohne nicht-freie Software - denn wirklich besser?

Ich behaupte, dass dies der Fall wäre. Warum ich das so sehe, möchte ich unter Verwendung des Beispiels KDE näher darlegen. GNOME-Anhänger muss ich an dieser Stelle damit vertrösten, dass ich ganz sicher nichts gegen GNOME habe und sogar ein GNOME T-Shirt besitze. :-)

Das KDE-Projekt hat im Prinzip bei Null begonnen. Zunächst einmal musste also eine Basis geschaffen werden. Dabei wurden wohl zum großen Teil altbewährte Ideen verwendet, weil eben dadurch dieser Punkt schneller erreichbar war, d.h. es wurden vor allem Ideen kopiert. Nun ist dieser Punkt seit geraumer Zeit überschritten und die Entwicklung findet so statt, wie Entwicklung eigentlich stattfinden sollte: Benutzer (dazu zählen natürlich auch die Programmierer) bringen ihre Vorschläge ein, weshalb KDE nun in einem so rasanten Tempo besser wird - Also nicht einfach nur anders (oft im Sinne von Verschlimmbesserungen), wie das bei proprietären Systemen üblich ist, sondern wirklich besser. Vieles muss auch in KDE noch etwas aufgeräumt werden und dieses oder jenes fehlt noch, aber da sich Freie Software unmittelbar an den Wünschen von Benutzern orientiert, wird sie im Laufe der Zeit immer besser an deren Bedürfnisse angepasst. Damit entsteht das Gefühl, dass die Technologie wirklich den Menschen dient; dieser Eindruck würde in den Köpfen der Menschen durch die Rahmenbedingungen der Entwicklung sogar entstehen, wenn es nicht wirklich der Fall wäre. Das ist bei nicht-freier Software praktisch nicht möglich, von extrem wenigen Ausnahmen abgesehen. Aus diesem Grund denke ich, dass die Abneigung gegenüber Unternehmen, die proprietäre Software vertreiben, und Microsoft im speziellen, nicht nur nachvollziehbar, sondern durchaus auch berechtigt ist.

Auf meine These, dass nicht-freie Software grundsätzlich nicht gut ist, werden viele Leser zurecht antworten, dass Freie Software in einigen Bereichen kaum möglich ist. Dazu kann ich lediglich sagen, dass ich mir dessen durchaus bewußt bin und es langfristig ebenfalls als Problem sehe, jedoch für lösbar halte. Man könnte etwa die Entwicklung von Freier Software, die niemand aus Vergnügen oder Idealismus entwickeln will, über eine Software-Steuer finanzieren. Wenn die Software der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, warum sollte sie nicht auch von der Öffentlichkeit finanziert werden? Das ist bei anderen Dingen ja genauso, warum also nicht bei Software? Und vielleicht wären wir alle dann ja tatsächlich viel seltener frustriert...

  • Dieses Werk wurde unter der GNU Free Documentation License veröffentlicht. Das Kopieren, Verbreiten und/oder Modifizieren ist erlaubt unter den Bedingungen der GNU Free Documentation License, Version 1.2 oder einer späteren Version, veröffentlicht von der Free Software Foundation.

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