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Di, 19. August 2008, 10:38

Das Gobo-Paradox

Eine Änderung der Dateisystemstruktur in GoboLinux kommt sowohl für die Entwickler als auch die Anwender nicht in Frage - warum GoboLinux ein Pionier sein könnte.

Es begab sich zu einer Zeit, als Unix-Systeme noch überschaubar waren. Die Organisation der Dateien war einfach und die Struktur klar. Mit der zunehmenden Verbreitung von Linux, BSD und weiteren unixoiden Systemen stieg allerdings auch die Zahl der verfügbaren Applikationen und Systeme - und damit auch das Chaos. Jeder Distributor kochte seine eigene Suppe, die auf den Vorstellungen der eigenen Entwicklungsabteilung und den Entscheidungen des Chefdesigners beruhte. Programme eines anderen Distributors auf dem eigenen System zu installieren, war ein Ding der Unmöglichkeit.

Mit der Freigabe des Filesystem Hierarchy Standards (FHS) steuerte die Gemeinschaft zwar der zunehmenden Fragmentierung des Umfeldes entgegen, doch wurden die grundlegenden Probleme nicht bereinigt, sondern nur verschleiert. Dass die Vorgaben von kaum einem Distributor vollständig erfüllt und von der Mehrzahl der Unix-Anbieter komplett ablehnt wird, macht die Sache auch nicht einfacher. Hinzu kommen noch diverse strukturelle Schwächen, die zum Beispiel die parallele Installation mehrerer Versionen ein und derselben Applikation ungleich schwerer machen.

Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma glaubt Gobo Linux gefunden zu haben. Das bereits seit etlichen Jahren entwickelte Produkt bricht komplett mit den Unix-Paradigmen und strickt eine vollständig neue Dateisystemstruktur zusammen, die sowohl für die Entwickler als auch für die Anwender massive Vorteile verspricht. Der Unterschied bei Gobo Linux liegt nicht im Detail, sondern ist das Ganze.

Gobo Linux ist eine modulare Linux-Distribution, die Programme im System auf eine neue und nach Angaben der Entwickler auch logische Art und Weise strukturiert. Anstatt Programmteile unter /usr/bin, andere Teile unter /etc, und weitere Teile unter /var oder /usr/share zu verstreuen, bekommt jedes Programm einen eigenen Verzeichnisbaum. Ähnlich wie unter Mac OS X werden auch unter Gobo Linux Anwendungen nur an einer Stelle installiert. So residieren alle Applikation - ohne Ausnahme - unter /Programs. Jeder Programmeintrag enthält alle benötigten Dateien in einem Versions-Unterverzeichnis, was die Installation von mehreren Versionen problemlos möglich macht.

Doch auch Gobo Linux kann nicht die eingetretenen Pfade durch eine Landstraße ersetzen. Um dem System die Gelegenheit zu geben, Programme oder Bibliotheken zu finden, ohne dass es hunderte von Programmeinträgen durchforsten muss, bilden die Entwickler die Struktur des Unix-Systems in symbolischen Links nach. So beinhaltet beispielsweise der Pfad /System/Links/Executables symbolische Links auf ausführbare Dateien im System. Dadurch ist es den Anwendern unter anderem möglich, herauszufinden, zu welcher Applikation eine binäre Datei gehört, ohne dass er einen Paktetmanager bemühen muss.

Als neulich ein Anwender fragte, ob es nicht sinnvoller wäre, auf den FHS zu setzen, war die Meinung der beteiligten Diskussionsteilnehmer einhellig. Das momentan von den meisten Distributionen genutzte System sei eine Ansammlung für den Anwender nicht durchschaubarer Hacks. »Es ist eine Hässlichkeits-Schicht über einer hässlichen Schicht«, so ein Diskussionsteilnehmer. Das größte Problem des FHS ist sein Raum für Interpretationen. Ein anderer verglich es mit dem Bau eines Tunnels. »Eines Tages wird dir klar, dass der Bau die falsche Richtung genommen hat und der Tunnel anfängt, sich mit Wasser zu füllen. Doch die Richtung zu wechseln, würde zuviel Aufwand bedeuten, und so gräbst du schneller und nutzt günstigere Materialien, während es immer weiter geht«. So »graben« auch die Distributoren immer schneller und schneller, ohne dass die gefundenen Fehler korrigiert werden.

Ob die Distributoren auf ein grundlegend falsches Pferd setzen, darf bezweifelt werden. Die Struktur des FHS hat sicherlich ihre Schwächen. Fraglich ist nur, ob diese durch eine Änderung der Struktur behoben werden können, oder ob ein Paradigmenwechsel stattfinden muss. Die Zukunft wird es zeigen, welcher Tunnelbauer als erster auf eine Wasserader stößt, deren Flutwelle die Arbeiter aus dem Tunnel drückt.

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