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Fr, 9. Juli 2010, 11:05

Gesellschaft::Wirtschaft

ISO/IEC zieht Konsequenzen aus OOXML-Standardisierung

Der 2. April 2008 geriet zum Debakel für die das internationale Standardisierungsgremium ISO: Trotz massiver Unregelmäßigkeiten im Abstimmungsprozess wurde Microsoft Open Office XML (OOXML) zum internationalen Industriestandard. Mit einer nun in Kraft getretenen Änderung des Prozesses soll einer Wiederholung des Skandals entgegengewirkt werden.

Der Kampf zwischen OpenDocument und Microsoft Office Open XML ging 2008 in die vorläufig letzte Runde: Obwohl OpenDocument bereits 2006 als ISO-Standard ISO/IEC 26300 verabschiedet worden war, versuchte Microsoft mit aller Macht, das eigene Dokumentenformat Office Open XML ebenfalls als ISO-Standard verabschieden zu lassen. Die Liste der Ereignisse und Unregelmäßigkeiten füllt ganze Wikipedia-Artikel und brachte die ISO als Organisation in Bedrängnis: Trotz massiven weltweiten Widerstandes war Microsoft erfolgreich, OOXML wurde unter der Nummer ISO 29500 zum Standard.

Da OOXML in gedruckter Form etwa 6000 Seiten Text umfasst und der Standard durch die ISO verändert wurde, entschied man sich für eine Aufteilung in zwei Versionen: »Legacy«, eine vorübergehend gültige Fassung, und »Strict«, eine Version, die alle Änderungen umfasst, die man Microsoft aufgetragen hatte. Die Legacy-Version sollte Microsoft Zeit geben, die Änderungen zu implementieren, jedoch hält sich die hauseigene Office-Suite einer Analyse von ISO-Mitarbeiter Alex Brown zufolge bis heute nicht an den eigenen Standard, und es seien auch keine Anstrengungen erkennbar, diese Probleme zu beseitigen.

Für den Anwender hat sich insgesamt nur wenig verbessert: Zwar unterstützt Microsoft Office seit der Version 2007 SP2 auch OpenDocument, jedoch ist die Implementierung nicht vollständig - genau wie die OOXML-Unterstützung in der weit verbreiteten Office-Suite OpenOffice. Derzeit existiert keine Anwendung, die beide Formate gleichwertig unterstützt und gleichzeitig auch Standard-konforme Dokumente erzeugt.

Um eine Wiederholung der Probleme bei zukünftigen Abstimmungen zu verhindern, führt das ISO/IEC Joint Technical Committee (JTC1, zuständig für alle Standardisierungsfragen rund um Informationstechnologie) nun einige Änderungen am Prozess ein. OOXML wurde in einem »Fast Track« genannten, beschleunigten Verfahren durchgewunken: Dabei dürfen in einer 30 Tage dauernden, meist »contradiction period« genannten Zeitspanne Widersprüche gegen das beschleunigte Verfahren selbst eingereicht werden, etwa wenn Verstöße gegen bereits existierende ISO-Standards erkennbar sind. Da die Form eines Widerspruchs aber nie definiert wurde, reichten zwar insgesamt 20 nationale Organisationen Beschwerden ein, diese waren aber unlösbar, und die 30 Tage vergingen. Die »contradiction period« wird daher ersatzlos gestrichen, für die Überprüfung sind nun Mitglieder des ISO-Gremiums selbst zuständig.

Eine zweite Änderung betrifft die fünfmonatige Abstimmungsphase: Microsoft hatte stimmberechtigte Mitglieder stets dazu gedrängt, bei Einsprüchen gegen den Standard nicht mit einem klaren »Nein« zu stimmen, sondern sich für »Ja, mit Kommentar« zu entscheiden - mit dem Versprechen, diese Kommentare während des abschließenden »Ballot Resolution Meeting« (BRM) zu klären. Gegen OOXML gingen aber (nach Filterung aller Duplikate) weit über 1.000 Beschwerden ein, die in dem lediglich einwöchigen Meeting unmöglich geklärt werden konnten - aber auch nicht zwingend geklärt werden mussten, da Microsoft in dieser Stufe des Prozesses bereits das Recht hatte, sämtliche Änderungswünsche mit einem einfachen »Nein« abzuschmettern. Die neue Regelung schreibt klar vor, dass bei Einsprüchen nur noch mit »Nein, mit Kommentaren« gestimmt werden darf.

Die wohl wichtigste Änderung liegt aber in einer Änderung der Abstimmungsregeln selbst: Erreicht ein zur Standardisierung eingereichtes Dokument nicht mindestens zwei Drittel der Stimmen des Kommittees oder lehnen mehr als 25% den Vorschlag ab, endet das komplette Verfahren sofort. Wären diese Regeln bereits 2007 in Kraft gewesen, hätte OOXML den Sprung zum Standard nicht geschafft. Zudem wird ein absurd anmutendes Problem behoben: Nationale Standardisierungsgremien mussten bisher über einen Text abstimmen, der ihnen nicht zur Einsicht vorlag. Im Falle von OOXML stellte man erst nach der Veröffentlichung des Standards fest, dass Einsprüche entgegen den Versprechungen von Microsoft nicht behandelt worden waren.

Als kleines Detail am Rande entfernte die JTC1 nun auch die gesonderte positive Nennung von Jan van den Beld für seine Anstrengungen um die Verbesserungen des Standardisierungsprozesses aus dem Dokument - van den Beld war von 1992 bis 2007 der Generalsektretär der ECMA, der Organisation, die OOXML bereits im Dezember 2006 als ECMA-376 standardisiert hatte und weitere Microsoft-Technologien (z.B. .NET) standardisiert.

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Kommentare (Insgesamt: 19 || Alle anzeigen || Kommentieren )
Re: Ich vermute, OOXML wurde nicht "durchgewu (dragon-fire, Mo, 12. Juli 2010)
heise zitiert euch! (thoand, Sa, 10. Juli 2010)
Re[2]: wolfgang fröhlich (unreal, Fr, 9. Juli 2010)
Re: Ich vermute, OOXML wurde nicht "durchgewu (Anonymous, Fr, 9. Juli 2010)
Re[2]: wolfgang fröhlich (Sturmflut, Fr, 9. Juli 2010)
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