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Do, 16. September 2010, 13:32

Gesellschaft::Politik/Recht

Solothurn: Einmal Pinguin und zurück

Knapp neun Jahre nach dem ursprünglichen Beschluss, die Desktop-Systeme der Verwaltung in Solothurn von Windows auf Linux umzustellen, ist von dem einstigen Vorhaben kaum noch etwas übrig geblieben. Zeitungsberichten zufolge soll bereits nächstes Jahr wieder Windows flächendeckend eingesetzt werden.

Es gibt Vorhaben, die stehen bereits bei ihrer Geburt unter einem ungünstigen Stern. Seit einem Parlamentsbeschluss vom Dezember 2001 steht fest, dass der schweizerische Kanton Solothurn das Windows durch Linux ersetzen will. Das sollte eigentlich 2007 abgeschlossen sein. Doch bereits kurze Zeit später geriet das Vorhaben in die Schusslinie.

Die Schwierigkeiten lagen offenbar, wie meist bei derartigen Projekten, in den bestehenden Anwendungen, die exklusiv für Windows geschrieben wurden und alle einzeln ersetzt werden müssen. So wurde bereits 2009 bekannt, zwei Jahre nach der ursprünglich geplanten Umstellung, dass das Amt für Umwelt (AfU) rund 30 dieser Fachverfahren einsetze, die weder für Linux verfügbar noch portiert sind. Anderen Bereichen ging es da nicht besser. In Gerichten beklagen sich Mitarbeiter über nicht mehr richtig funktionierende Software, weil auf Updates von Windows NT verzichtet werde. Hier solle die Justizsoftware Juris durch das auf Linux lauffähige Konsul ersetzt werden, welches jedoch noch nicht fertig war.

Mitte Juni dieses Jahres verschärfte sich die Situation. Die mittlerweile um Jahre verfehlte Migration sollte nun von der Windows-basierten Datenbank Konsul, die eigentlich durch das Linux-basierte Ambassador ersetzt werden sollte, abhängen. Auch Anwender kritisierten das Projekt, weil einige Funktionen nun anders waren oder vorerst noch fehlen. Die Kantonsregierung beschloss daher, erst einmal eine Expertise abzuwarten, um den weiteren Verlauf der Migration zu regeln. Vorsorglich trennte man sich auch von dem Leiter des mit der Migration beauftragten Amtes für Informatik und Organisation (AIO).

Am Open-Source-Kurs des Kanton sollte sich allerdings nichts ändern. Das war vor drei Monaten. Mittlerweile scheint der Kanton die Strategie wieder komplett geändert zu haben. Wie die »Solothurner Zeitung« berichtet, wird die Migration nicht nur abgebrochen, sondern die Linux-Arbeitsplätze nächstes Jahr flächendeckend auf Microsoft Windows 7 umgestellt. Mit der Umstellung wird auch der in der Vergangenheit in die Kritik geratene Scalix-Web-Client durch Microsoft Outlook ersetzt werden. Dran glauben muss auch die freie OpenOffice.org-Suite, die ebenfalls durch Microsoft-Produkte ersetzt werden soll. Lediglich für »Innenbeziehungen in der Verwaltung« soll noch das freie Paket genutzt werden, berichtet die Nachrichtenseite inside-it.ch.

Damit endet neun Jahre nach der ursprünglichen Planung das Rendezvous der Solothurner Verwaltung mit Linux. Abgesehen von nur wenigen Gewinnern, zu denen sicherlich Microsoft gehört, scheint es nur Verlierer zu geben. Verloren hat vor allem das AIO, das nicht nur umgebaut, sondern auch entmachtet werden soll. Verloren haben die Bürger selbst, die nun auch eine weitere Migration auf Windows tragen müssen, aber auch die mit der Migration betrauten Unternehmen. Und verloren hat auch Linux, das von den Anwendern für fast alles verantwortlich gemacht wurde. »Sogar wenn der Bäcker keine Gipfeli mehr habe, werde das System mit dem Markenzeichen Pinguin beinahe dafür verantwortlich gemacht«, scherzte mal der ehemalige AIO-Leiter. Ob er mit seiner Prognose falsch lag? Wahrscheinlich nicht, denn für einen Anwender ist es Linux, das nicht funktionierte, und nicht eine Spezialanwendung.

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