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Do, 15. Dezember 2011, 15:06

Gemeinschaft

Open Source 2011: Jahr der Enttäuschungen?

Bruce Byfield hat das Jahr 2011 aus Open-Source-Sicht als Enttäuschung bezeichnet. Er zeichnet aber letztlich bei weitem kein so schlechtes Bild, wie der Titel suggeriert.

Zwar gab es 2011 keine regelrechten Katastrophen, aber eine Menge Enttäuschungen, meint Byfield, ein renommierter Journalist im Linux-Umfeld. Nur durch einige glückliche Entwicklungen konnten einige dieser Rückschläge abgefedert werden. Die Bedrohung durch Patente, die schon lange besteht, scheint 2011 größer den je geworden zu sein. Eine lange als nötig erachtete Gesetzesreform in den USA wurde durchgeführt und ließ die meisten Patentmißstände unangetastet. Microsoft konnte zahlreiche Hersteller, besonders die von Android-Geräten, bedrohen und abkassieren. Das halb-geheime ACTA-Gesetz, das möglicherweise verschiedene Aspekte freier Software kriminalisieren könnte, trat in Kraft. Weitere Gesetze, die sich ohne Rücksicht auf Kollateralschäden gegen Raubkopierer richten, sind in Vorbereitung.

Vielleicht wegen dieser Gesetze war es bei Open-Source-Unternehmen laut Byfield dieses Jahr sehr ruhig. Lediglich die Gründung von Xamarin war ein Lichtblick, der Rest eher negativ: Attachmate übernahm Novell, Nokia verließ MeeGo, und dessen unter Mitwirkung von Samsung vorgestellter Nachfolger Tizen wird von einigen Kommentatoren offen als Totgeburt bezeichnet. HP stoppte WebOS und machte es zwar jüngst zu einem freien Projekt, aber seine Zukunft bleibt ungewiss.

Die Kompromittierung der Server von Kernel.org und der Linux Foundation war nicht nur für den Ruf von Linux ungünstig, sondern beeinträchtigte auch die Zusammenarbeit eine Weile. Bitcoin, eine Zeitlang von der EFF empfohlen, erlebte einen steilen Abstieg.

Einige Gemeinschaftsprojekte erlebten laut Byfield ebenfalls einen Abstieg. Google Chrome konnte im Laufe des Jahres fast den gleichen Marktanteil wie Firefox erringen. Mozilla erhöhte daraufhin die Veröffentlichungsfrequenz, ein Schritt, der nicht von allen begrüßt wurde und nach Auffassung mancher Benutzer zu Lasten der Qualität geht. Den radikalsten Abstieg erlebte wohl OpenOffice.org, das der Apache Foundation übergeben wurde und nun als Inkubator-Projekt einige Arbeit zu leisten hat, um offizielles Apache-Projekt zu werden. Gerüchten zufolge wird es den Inkubator möglicherweise nie verlassen, sondern nach einem Code-Audit noch eine letzte Veröffentlichung machen, deren nützliche Teile von LibreOffice übernommen werden können. Immerhin stellt der Aufstieg von LibreOffice einen der positiven Höhepunkte 2011 dar.

Auch mit der Ada-Initative, einer Initiative, die die Beteiligung von Frauen in freier Software erhöhen will, ist Byfield nicht zufrieden. Ihr einziger Erfolg sei gewesen, dass verschiedene Konferenzen sich verpflichteten, gegen Belästigungen von Frauen vorzugehen. Dafür seien über 100.000 Dollar Spendengelder verbraucht und nicht mehr erreicht worden, als eine Freiwilligen-Initiative wie das Gnome Outreach Program for Women auch erreicht hätte. Vielleicht wird es besser, wenn die Initiative endlich als gemeinnützige Organisation eingetragen ist.

Zwischen all den vermeintlich negativen Entwicklungen hebt Byfield die positive Entwicklung von Debian heraus. Debian habe quasi das ganze Jahr damit verbracht, sich neu zu erfinden, unter anderem mit der Zusammenarbeit mit den auf Debian beruhenden Distributionen und der neuen Mitgliedschaft.

Die technologische Entwicklung wird von Byfield ebenfalls zwiespältig beurteilt. Da gab es die inzwischen weitgehend beruhigte Sorge um das »sichere Booten« in UEFI, vor allem aber die Kontroverse um Gnome und Unity. Beide Projekte schufen neue Oberflächen, die sie auch für Mobilgeräte mit kleinen Bildschirmen geeignet machen sollen. Auf dem Desktop dagegen wurden diese Neuerungen teils heftig abgelehnt. Laut Byfield zeigte dies einen Mangel an Kommunikation der Entwickler mit den Benutzern. Unity stellt zudem einen Alleingang von Ubuntu dar und wirft die Frage auf, warum Canonical unfähig war, mit Gnome zusammenzuarbeiten.

Die Notwendigkeit von 3D-Hardwarebeschleunigung für Gnome und Unity warf weitere Fragen auf, denn in manchen Umgebungen existieren noch keine freien Treiber. Da Gnome aber voraussichtlich in Version 3.4 und Unity bereits seit Ubuntu 11.10 keine 3D-Hardwarebeschleunigung mehr benötigt, dürfte diese Frage hinfällig werden. Auf der Habenseite steht, dass die Gemeinschaft sich mit Erweiterungen zur Gnome-Shell und Unity selbst half, und dass Alternativen wie Xfce und LXDE neue Beachtung fanden.

Insgesamt kann das Jahr also doch nicht so schlecht für Open Source gewesen sein. Die Entwicklung ging in großem Umfang weiter, es gab regelmäßige Veröffentlichungen und neue Projekte. Das Jahr 2011 zeigte laut Byfield, wie robust freie und Open-Source-Software gegen Rückschläge ist. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Jahr 2012 - je nach Auffassung - besser oder noch besser wird.

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