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Mo, 4. März 2013, 16:36

Software::Spiele

Kommentar: Der unterschätzte Markt

Mit der Freigabe der aktuellen Betriebssystemzahlen von Steam kristallisiert sich ein Trend heraus, den wohl bis auf wenige Ausnahmen viele Hersteller nicht erkannt haben. Denn Linux scheint nicht nur als Server-, sondern zunehmend auch als Spieleplattform an Bedeutung zu gewinnen. Ein Kommentar.

Steam unter Linux

Mirko Lindner

Steam unter Linux

Linux als Spieleplattform funktioniert! Wer noch vor ein paar Monaten diese Aussage machte, konnte sich sicher sein, dass er entweder ein unverbesserlicher Optimist oder schlicht nicht zurechnungsfähig war. Denn, wenn uns die Vergangenheit etwas lehrte, war es, dass Linux und Spiele zwei untereinander inkompatible Welten zu sein scheinen. Auf der einen Seite langhaarige, fanatische Geeks, die ihre tägliche Energie auf die Kompilierung des Kernels vergeuden und alles am liebsten kostenlos haben wollen; auf der Anderen eine Industrie, die potenziell ihre Kunden zu willenlosen Sklaven umerziehen will und es am liebsten sähe, sie nicht nur nächtens, sondern gänzlich vor dem Rechner zu knechten. Doch wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte. Eine Mitte, die bis dato von der Mehrzahl der Unternehmen nicht nur vernachlässigt, sondern schlicht ignoriert wurde.

Es ist nicht so, dass es keiner versucht hätte. Wer erinnert sich noch an Loki Software? Oder Linux Game Publishing? Oder native Varianten von Eve Online? Doom? Quake? Umso ernüchternder waren die Meldungen über das Scheitern oder eine Abkehr, sie vermittelten stets das gleiche Mantra: Mit Spielen lässt sich unter Linux kein Blumentopf gewinnen. Geschweige denn Geld.

Mit dem Eintritt von Valve in das Linux-Segment scheint sich die Meinung allmählich zu ändern. Es ist kurios, denn betrachtet an der Mitarbeiterzahl ist das Unternehmen weder ein Schwergewicht noch für die Spiele-Entwicklungslandschaft von herausragender Relevanz. Gerade mal 350 Personen arbeiten für Valve. Verglichen mit Herstellern wie Electronic Arts (9.000 Mitarbeiter), Ubisoft (7.000 Mitarbeiter) oder Activision Blizzard (5.000 Mitarbeiter) sogar ein Winzling. Die Stärke des Unternehmens ist eine andere - der Vertrieb. Mit geschätzt 50 Millionen aktiven Accounts gehört Steam, so der Name der eigenen Plattform, zu den marktbeherrschenden Vertriebsinstrumenten im Internet.

So gesehen kann die Freigabe von »Steam für Linux« lediglich als ein Signal gewertet werden. Ein Schubs. Die Auswirkungen sind allerdings enorm, denn sie können das seit Jahren das freie Betriebssystem plagende »Henne-Ei-Problem« lösen. Gebündelt unter dem Dach von Valve manifestiert sich, was viele bereits vermutet haben: Die Zusammenführung zwischen den Herstellern und Anwendern kann auch unter Linux zu einem Markt führen. Valve zeigt auf eine beeindruckende Art und Weise, dass Linux nicht nur das Potenzial hat, eine ernst zu nehmende Spieleplattform zu werden, sondern, dass die Voraussetzungen bereits heute erfüllt sind.

Steam-Titel:

Valve Corporation

Steam-Titel:

Wie weit die Unternehmen den Linux-Markt verkannt haben, zeigen die aktuellen Zahlen von Steam. Das als unattraktiv geltende freie Betriebssystem eroberte nicht einmal einen Monat nach der offiziellen Freigabe von Steam einen Marktanteil von über zwei Prozent und liegt damit, je nach Zähl- und Sichtweise, entweder nur geringfügig unter, oder gleichauf mit der vermeintlich für Spieler interessanteren Mac OS X-Plattform. Zieht man in die Betrachtung nicht nur die absoluten Zahlen ein, sondern setzt sie in Relation zu der Anzahl der verfügbaren Titel, wird der Unterschied noch klarer. So verfügt Linux mit gerade mal 8 Titeln jenseits der 85%-Metascore-Marke nur über einen Bruchteil dessen, was Steam für Mac- (37 Titel) oder gar Windows-Anwender (142 Titel) anbietet. Genere-Größen wie »Half-Life 2«, »Borderlands 2«, »Left 4 Dead 2«, »The Witcher«, »Assassins Creed«-, »Civilization«- oder die »GTA«-Reihe nicht mit eingerechnet.

Die Zahlen überraschen und stellen auch manch einen Entwickler vor eine neue Situation. So berichtet beispielsweise Lars Doucet, Hersteller des Spiels »Defender's Quest« über eine Beobachtung, die er laut eigener Aussage nicht vorhersah: Kurz nach der Freigabe des Linux-Clients und der darauf gestarteten Rabattaktion war nicht wie erwartet Mac OS X die zweithäufigst verkaufte Plattform, sondern Linux. Von einer statistischen Verfälschung konnte dabei gar keine Rede mehr sein, denn Linux spülte fast dreimal so viel Geld ein wie die Mac-Plattform.

Ein Zufall? Möglich. Repräsentativ? Sicherlich nicht. Noch ist es zu früh, über den Erfolg von Linux auf dem Spiele- oder gar Desktopmarkt zu sinnieren. Doch zeigt die Entwicklung der letzten Wochen eindrucksvoll, wie der Linux-Markt von Spieleentwicklern verkannt wurde und wie ein vermeintlich für Spieler unattraktives Betriebssystem nur durch die Schaffung von technischen Voraussetzungen massiv an Fahrt gewinnt. Der Beweis ist erbracht und die Anwender bereit – auch zu einer Abkehr von Windows hin zu Linux.

Die kommenden Monate werden deshalb über die Eignung von Linux als Spieleplattform entscheiden. Eine der wichtigsten Rollen werden dabei große Hersteller spielen. Denn eine Sache sollte klar sein: Sind sie nicht gewillt, ihre teils mehrere Millionen teure Projekte auch für Linux herauszugeben, wird Linux eine Neupositionierung verwehrt bleiben. Wie wichtig prominente Titel für eine Plattform sind, sieht man am besten bei Spielkonsolenherstellern. Mag noch eine Plattform so gut und für Spiele prädisponiert sein, ohne prominente Titel wird sie auf Dauer in der Nische bleiben. Die Chancen für ein Umdenken in Sachen Linux standen allerdings noch nie so gut wie heute. Denn, Linux als Spieleplattform funktioniert!

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