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Mi, 9. Juni 2004, 00:54

Verteidigung und Widerlegung der AdTI-Studie

Ken Brown, Autor eines bald erscheinenden Buches, das die Herkunft von Linux in Frage stellt, hat sich gegen die bislang vorgebrachten Vorwürfe und Widerlegungen verteidigt.

Die Vorab-Vorstellung ausgewählter Ausschnitte des Buches sollte offenbar Staub aufwirbeln, gab Ken Brown jedoch der Lächerlichkeit preis, jedenfalls für informierte Leser. Linus Torvalds, Eric Raymond, Andrew Tanenbaum und andere erklärten die Behauptungen in Browns Buch für falsch oder verdreht. Stellvertretend für mehrere hatte vor allem Andrew Tanenbaum seine Sicht der Dinge dargelegt. Darin beschrieb er unter anderem auch, wie Brown ihn besucht hatte, offenbar nur mit dem Ziel, eine Bestätigung für seine vorgefaßte Meinung zu finden, daß Linus Torvalds die erste Version des Linux-Kernels nur durch illegales Kopieren von anderen Quellen bewerkstelligen konnte. Tanenbaums Aussagen lassen Brown wie einen Idioten dastehen, der keinerlei Ahnung von der Linux- und UNIX-Geschichte und vom Recherchieren von Fakten hat.

Brown hat nun eine Verteidigung gegen seine Kritiker veröffentlicht. Sie bedient sich im Wesentlichen der gleichen Technik der Tatsachenverdrehung wie die bisher vorgestellten Teile seines Buches. Professor Andrew Tanenbaum hat sich die Mühe gemacht, die wichtigsten Einlassungen von Brown abermals zu widerlegen. Im Vergleich zu Browns Spekulationen wirken seine kühlen, sachlichen Aussagen sehr angenehm. An einigen Stellen konnte er sich den Sarkasmus allerdings nicht verkneifen.

Browns Verteidigung ist im Kern ein Angriff auf die GPL. Er sei ganz für Open-Source-Software (OSS), schreibt er, und will eine Unterscheidung zwischen »wahrer« OSS und »hybrider« OSS einführen. Wahre OSS sei ohne jede Einschränkungen, beispielsweise Software unter der BSD-Lizenz. Die andere OSS sei in Wahrheit kommerziell, etwa die GPL. Immerhin schlägt die Studie vor, daß die US-Regierung rund 5 Milliarden USD in »wahre« OSS investieren soll.

Linux sei inhärent unstabil, womit Brown nicht die Stabilität der Software meint, sondern den angeblich zerstörerischen Effekt auf die IT-Industrie der USA. Linux sei eine Lepra. Ob Ken Brown der Ballmer-Ausspruch, daß Linux ein Krebsgeschwür sei, zu abgedroschen schien oder ob er auch auf medizinischem Gebiet inkompetent ist, sei dahingestellt. Tanenbaum meint dazu, daß dieser Satz grammatikalisch, politisch und faktisch nicht korrekt sei. Wenn damit gemeint sei, daß Linux ansteckend ist, mag das korrekt sein, hätte aber besser ausgedrückt werden können.

Den »zerstörerischen Effekt auf die IT-Industrie der USA« hält Tanenbaum für lächerlich und verweist auf Firmen wie IBM, die Linux massiv pushen, und die zahllosen Anwender von Apache.

Brown verweist darauf, daß die Kernel-Entwickler beigesteuerten Code ungeprüft übernehmen. Dies sei wahr, schreibt Tanenbaum, es treffe aber auf jede Software und jedes Produkt zu. Dann gibt Tanenbaum eine kurze Übersicht über die Geschichte von Windows NT, 2000 und XP. Microsoft zahlte 60 Mio. USD an DEC wegen angeblicher Copyright-Verletzungen in Windows NT. Denn der Chefentwickkler von VMS, Dave Cutler, war von DEC zu Microsoft gewechselt und er oder jemand aus seinem Team hatte sich wohl aus dem VMS-Code bedient, der DEC gehörte. Diese Beispiel soll zeigen, daß es unmöglich ist, die Herkunft von Quellcode zu prüfen, und es sei nicht bewiesen, daß in OSS das Problem größer sei als in unfreier Software.

Brown hält weiter an der Behauptung fest, daß Linux 0.0.1 auf Code von Minix aufbaue. Dies war bereits zuvor wiederlegt worden. Unter anderem durch eine von Brown selbst in Auftrag gegebene Studie des russischen Programmierers Alexey Toptygin, die feststellt, daß der Quellcode von Linux und Minix keine Gemeinsamkeiten enthält.

Brown kommt auch auf das Interview zu sprechen, das er mit Tanenbaum führte. Tanenbaum stellt abermals die Fakten richtig. Angeblich hatte Brown Linus Torvalds um ein Interview gebeten, das dieser ablehnte. Tanenbaum hält dem eine Email von Torvalds entgegen, in der dieser angibt, nie von Brown kontaktiert worden zu sein.

Nach Tanenbaums Auffassung ist das Buch nichts weiter als Browns persönliche Meinung, ein 21-jähriger könnte keinen Betriebssystemkernel in einem Jahr schreiben. Ob Brown wohl auch die Tatsache leugnen würde, daß Mozart im Alter von neun Jahren drei Symphonien komponiert und Konzerte in England gegeben hat, weil das für 9-jährige ungewöhnlich ist?

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