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Do, 30. Juni 2016, 15:00

Linux-Distributionen im Vergleich – eine etwas andere Auswahl

Gentoo – If it moves, compile it!

Gentoo ist in vieler Hinsicht anders als andere Distributionen. Das liegt daran, dass Gentoo eine sog. »Meta-Distribution« ist, die selbst keine Pakete bereitstellt (bis auf wenige Ausnahmen, die wegen ihrer Größe auch binär zur Verfügung gestellt werden, weil das Kompilieren dieser Pakete üblicherweise sehr lange dauert), sondern nur Installationsskripte, um Software direkt aus ihrem Quellcode zu erstellen. Dadurch bietet Gentoo von seiner Konzeption aus die größte Sammlung an Software, denn buchstäblich alles kann in Gentoo installiert werden, solange es nur als Quellcode vorliegt. Das im Titel verwendete Zitat stammt aus einem Bild aus der Artwork-Sammlung von Gentoo. Es spricht das Kernkonzept von Gentoo an: Einfach alles kann kompiliert werden!

Gentoo eignet sich kaum für Einsteiger, wobei immer wieder erfahrene Gentoo-Benutzer dafür plädieren, dass die Lernkurve zwar steiler ist, aber man nachher mit mehr Kenntnis auch mehr Nutzen aus seinem System ziehen kann. Gentoo eignet sich jedenfalls sehr gut, um ein Linux-System mal genauer kennenzulernen und mehr über den Aufbau eines solchen Systems zu erfahren.

Die Installation von Gentoo ist nur über eine Textoberfläche möglich, einen graphischen Installationsvorgang gibt es nicht. Etwas komfortabler kann man die Installation angehen, indem man die meisten Schritte aus einem Live-Betriebssystem heraus (wie z.B. Puppy oder Knoppix, aber auch Ubuntu eignet sich dafür) durchführt, wie die Festplatten-Partitionierung, und erst am Ende der Installation in die neue Gentoo-Installation wechselt.

Da die Installation im Gentoo-Handbuch auf der Website umfänglich dokumentiert ist, werden hier nur Besonderheiten benannt. Wer sich Gentoo installiert, muss sich ohnehin darauf einstellen, viel nachzulesen. Damit fängt man am besten schon beim Installieren an. Ansonsten sind die IRC-Räume auf Freenode (#gentoo und #gentoo.de) gute Anlaufstellen. Dort erhält man zügige und geduldige Unterstützung.

Gentoo ist eine Distribution, die darauf ausgelegt ist, dass der Benutzer sich intensive Gedanken darüber macht, wie er das System haben will. Schon deshalb gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, ein System aufzusetzen. Wohl keine zwei Gentoo-Systeme sind gleich. Das macht die Installation kompliziert, weil der Benutzer vor und während der Installation ständig darüber nachdenken muss, welche Entscheidung er treffen will und welche Konsequenzen sie möglicherweise mit sich bringt.

  • Kann man vollständig auf GNOME-Abhängigkeiten verzichten?
  • Braucht man diese oder jede Kernel-Option oder genügt auch ein Standard-Kernel, der viele Optionen aktiviert, die man zwar niemals braucht, aber dafür muss man keine weiteren Gedanken darauf verwenden?
  • Welches Init-System möchte der Benutzer verwenden?

Diese beispielhaften Gedanken zeigen ein wenig, in welcher Situation sich ein Benutzer befindet, wenn er Gentoo installiert. Gentoo zwingt den Benutzer zum Nachdenken und zum Nachlesen. Dadurch erfährt der Benutzer zwar auch eine ganze Menge über seinen Computer und über Linux-Systeme insgesamt, aber der Preis ist die investierte Zeit. Für eine Gentoo-Installation bis zu einer grafischen Oberfläche (sofern eine gewünscht ist) kann gut ein ganzer Tag benötigt werden, weil entsprechende Einstellungen zu setzen, Konfigurationsoptionen nachzulesen und Pakete kompiliert werden müssen.

Die Benutzung von Gentoo hängt extrem davon ab, welche Oberfläche man installiert (falls überhaupt). Deswegen ist das System auch darauf ausgelegt, vollständig von der Kommandozeile aus gewartet zu werden. Ein wichtiger Aspekt von Gentoo und einer, der diese Distribution in den Augen seiner Nutzer so vielseitig und hilfreich macht, sind die sogenannten USE-Flags: Dabei handelt es sich um Optionen, die vor dem Kompilieren gesetzt werden, und die zusätzliche Funktionalitäten aktivieren oder deaktivieren können. Diese USE-Flags können global für das ganze System, für einzelne Paketgruppen oder für einzelne Pakete gesetzt werden; ferner kann automatisiert werden, ob bestimmte USE-Flags nur beim gerade stattfindenden Kompiliervorgang verwendet werden sollen oder immer, wenn das betreffende Paket etwa ein Update erhält und deswegen neu kompiliert werden muss.

Als Beispiel sei das Paket vlc betrachtet: Es kann mit oder ohne USE-Flag X kompiliert werden. Wird es ohne kompiliert, kann es nur über seine Kommandozeilenschnittstelle aufgerufen werden. Hat man kein Bluray-Laufwerk oder keine Intention, Blurays mit VLC abzuspielen, kann das USE-Flag -bluray gesetzt werden, um auf Bluray-Unterstützung zu verzichten. Dies zeigt die Vielseitigkeit der Gentoo-Philosophie: Für jedes Paket kann das, was der Benutzer will oder braucht, gewählt werden. Das System bleibt so schlank.

Ein weiterer Aspekt, der Gentoo um wichtige Funktionalität erweitern kann, sind die sogenannten Overlays. Es handelt sich dabei um externe Paketquellen, die nicht von Gentoo selbst, sondern von privaten Nutzern und Entwicklern verwaltet werden. Mithilfe von Overlays kann z.B. auch proprietäre Software wie Steam in Gentoo installiert werden. Für proprietäre Software gibt es in der Regel binäre Pakete, da ihr Quellcode nicht offen liegt. Die Installation solcher Pakete funktioniert nach dem Hinzufügen eines Overlays etwas anders als die normaler Pakete, weil der »emerge«-Befehl nicht mit Overlay-Paketen umgehen kann. Es existieren Wrapper wie »eix«, die sowohl mit den Paketen im Hauptrepositorium als auch mit den externen Paketquellen umgehen können.

Gentoo ist eine extrem vielseitige Distribution. Man kann Gentoo für jeden denkbaren Zweck einsetzen: Als Server, als Desktopsystem, für dedizierte Lösungen. Gentoo wird durch seinen geringen Platzbedarf überzeugen können. Der Nachteil ist allerdings, dass Gentoo dadurch, dass jedes Paket kompiliert werden muss, sehr zeitintensiv ist. Stellt man beim Arbeiten fest, dass man ein etwas größeres Programm braucht, das noch nicht installiert ist, wird man es sich häufig zweimal überlegen, ob man das Programm wirklich braucht, weil man recht viel Arbeitszeit damit verliert, darauf zu warten, bis es fertig installiert ist. Auch Updates kosten deutlich mehr Zeit als bei anderen Distributionen: Ist auch nur ein einziges größeres Paket dabei, kann es mehrere Stunden dauern, bis der Update-Prozess abgeschlossen ist. Dies macht Gentoo zu einem System für Liebhaber und für solche, die so viel Kontrolle über die bei ihnen laufende Software wollen wie möglich.

Resümee

In diesem Artikel wurden verschiedene Linux-Distributionen vorgestellt, die in gewisser Weise Exoten sind, sei es weil sie auf eine sehr spezifische Zielgruppe zugeschnitten (Knoppix, Gentoo), auf ältere Hardware ausgerichtet (Puppy, Vector) oder weil sie einfach hierzulande weniger bekannt sind (Vector Linux stammt ursprünglich aus Kanada). Für den ein oder anderen Interessierten dürften hier ein paar spannende Alternativen zu den bekannteren »großen« Distributionen dabei sein.

Autoreninformation

Alexander Blesius nutzt seit 2011 nur noch Linux und testet gern unterschiedliche Distributionen. Meistens ist er auf Ubuntu oder Arch, fast immer mit XFCE unterwegs.

Dieser Artikel ist in freiesMagazin 06/2016 (ISSN 1867-7991) erschienen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.

  • Das Werk darf vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, Abwandlungen und Bearbeitungen des Werkes müssen unter den gleichen Bedingungen weitergegeben werden. Der Name des Autors/Rechteinhabers muss in der von ihm festgelegten Weise genannt werden.

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