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Do, 8. Februar 2018, 15:00

Die Geburtsstunde von Open Source

Die Freigabe des Netscape Communicator-Quellcodes

Am 22. Januar 1998 überraschte Netscape die Welt mit einer epochalen Ankündigung: Der Quellcode der nächsten Version des Communicator, des Webbrowsers des Unternehmens, sollte in den nächsten Monaten als freie Software veröffentlicht werden. Zu diesem Zeitpunkt existierte die Bezeichnung »Open Source« noch nicht. Freie Software, und insbesondere Linux, waren jedoch in einem steilen Aufstieg begriffen, der noch zu einigen ereignisreichen und turbulenten Jahren führen sollte - das alles hier zu erwähnen, würde aber zu weit führen. Der Öffentlichkeit war freie Software noch weitgehend unbekannt. Doch Linux (in Version 2.0) hatte begonnen, Unix-Server und zu einem geringen Teil auch Windows-Server zu verdrängen. Kritische Internet-Dienste wie BIND (DNS), Sendmail (E-Mail-Server) und Apache (Webserver) liefen geradezu perfekt auf dem freien System.

Das Jahr 1997 hatte den Höhepunkt der sogenannten Browser-Kriege erlebt. Das 1994 gegründete Netscape hatte mit dem gleichnamigen Browser, der für private Nutzer kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, Maßstäbe gesetzt und bis 1996 den Browser-Markt komplett dominiert. Doch 1995 war Microsoft aufgewacht und hatte den Internet Explorer entwickelt, wobei es, um Zeit zu sparen, den NCSA-Browser lizenziert und als Basis genommen hatte. Mit Version 3 war der Internet Explorer funktionell gleichauf mit Netscape 4. Seine Qualität war zweifelhaft, doch er kam kostenlos mit Windows 95, während Netscape 4.0 für die kommerzielle Nutzung 39 US-Dollar kostete. Außerdem kam Netscape, trotz seines spektakulären Börsengangs, der den Unternehmenswert auf 3 Mrd. US-Dollar hochschnellen ließ, mit der dringend benötigten nächsten Version des Browsers nicht aus dem Kreuz. Es gab Überlegungen und auch eine Pressemitteilung, den Browser komplett in Java neu zu schreiben und dieses Produkt Javagator zu nennen, und zweifellos wurde eine Menge Arbeit in diese Idee gesteckt, bis das Projekt eingestampft wurde. Ferner legt das Buch »Rebel Code« nahe, dass Netscape zunächst eine eigene Implementation von Java im Browser nutzte, bis aus Kostengründen auf Sun Java umgeschwenkt wurde.

Wie auch immer, 1997 nahm der Marktanteil von Netscape von Monat zu Monat ab, und Netscape-Gründer Marc Andreessen sah keine Chance, den Browser-Krieg gegen Microsoft zu gewinnen. Doch Eric Hahn, Gründer des Startups Collabra und mit der Übernahme von Collabra dem Netscape-Management angehörig, sah das anders und propagierte die Öffnung des Browser-Quellcodes, um Marktanteile zurückzugewinnen. Unterstützt wurde er dabei von anderen Managern wie Frank Hecker. Schließlich schwor sich das Unternehmen auf die Öffnung ein, und im Verborgenen wurde der Plan ausgearbeitet.

Zum Zeitpunkt der Ankündigung am 22. Januar war noch nicht einmal klar, welche Lizenz der Quellcode tragen sollte. Erst wenige Tage vorher wurde begonnen, sich um diese Frage zu kümmern, und Mitchell Baker, damals Netscapes rechtliche Beraterin, heute Präsidentin der Mozilla Foundation, wurde mit dieser Aufgabe betraut.

Die GPL wurde erwogen. Doch die GPL hätte bedeutet, dass jeder Code, der mit Mozilla gelinkt wurde, ebenfalls unter der GPL veröffentlicht werden müsste. Das war weder für Netscape noch für diverse Drittanbieter akzeptabel. Am Ende wurden zwei neue Lizenzen geschaffen, die Netscape Public License (NPL) und die Mozilla Public License (MPL). Die NPL war GPL-ähnlich mit der zusätzlichen Regelung, dass Netscape den Quellcode an Dritte unter einer proprietären Lizenz weitergeben konnte.

Die Ankündigung am 22. Januar schlug selbstverständlich wie eine Bombe ein und änderte die Welt für immer. Die eigentliche Freigabe des Quellcodes erfolgte jedoch erst am 31. März, begleitet von einer rauschenden, von Jamie Zawinski organisierten Party und kurz darauf gefolgt von der richtungweisenden Konferenz Open Source Summit am 7. April. Der freigegebene Quellcode war leider nur ein rudimentärer Browser, sofern er überhaupt lauffähig war. Netscape hatte allen Code entfernen müssen, für den es keine Freigabe von den Rechteinhabern erhalten hatte, sowie aufgrund der US-Exportbeschränkungen den kryptografischen Code. Binnen 24 Stunden nach der Freigabe hatte der Expat-Entwickler seinen freien XML-Parser zu Netscape beigetragen, australische Entwickler brachten kryptografische Funktionen zurück und erste Korrekturen wurden eingebracht.

Zwar wurde die Freigabe von einigen als Verzweiflungstat einer Firma angesehen, die Microsoft nichts mehr entgegenzusetzen hatte, doch es stellte sich im Verlauf des Jahres heraus, dass Netscape nicht die Einzigen waren, die freie Software auf dem Schirm hatten. Die Giganten IBM, Oracle und SAP begannen, Mitglieder der freien Gemeinschaft zu werden und ihre Software auf Linux zu portieren. Der Siegeszug freier Software war nicht mehr aufzuhalten.

Eine weitere, ganz unmittelbare Folge der Freigabe war, dass verschiedene Personen, darunter Eric Raymond, die sich unabhängig einen besseren Begriff für freie Software wünschten, miteinander in Kontakt kamen. Und damit kommen wir zum nächsten Kapitel, dem eigentlichen Hauptteil des Artikels.

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