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So, 9. Dezember 2001, 00:00

Tagebuch eines Linuxreisenden, Teil 3

Freitag, 30.11.2001

Nach dem Frühstück zahlen wir die Rechnungen, was sich erwartungsgemäß als zeitraubend und kompliziert herausstellt (nur gewisse Optimisten glauben natürlich wieder, daß das schnell gehen würde und wir schon rechtzeitig zu den Vorträgen kommen würden). Unser Gepäck deponieren wir im Hotel, und dann legen wir den inzwischen bekannten Weg zum Busbahnhof zurück.

Der zweite Kongreß-Tag

Vor etwa 150 Zuhörern referiert Ted Ts'o zu früher Stunde über die Zukunft von ext2 und ext3. Es gibt viele Ideen und Pläne, die meisten davon inkompatibel mit dem bisherigen Dateisystem-Layout. Zum Beispiel wird dringend eine Vergrößerung der Inodes nötig. Linux hat mit 128 Bytes die kleinsten Inodes der Welt, doch es wird mehr Platz für weitere Daten benötigt. Zum Beispiel reichen Zeitstempel mit Sekunden-Auflösung nicht mehr aus. Es wird Mikrosekunden-Auflösung benötigt, doch dafür ist in den 128 Bytes kein Platz mehr vorhanden.

Ted Ts'o

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Ted Ts'o

Mitten im Vortrag wird Ted für seine Teilnahme an allen acht bisherigen Linux-Kongressen geehrt. »Wir können gar nicht ohne ihn«, witzeln die Veranstalter.

Der nächste Vortrag ist nur von 40 Zuhörern besucht, die jedoch von UNIX-Veteran und Mitgründer der NLUUG Theo de Ridder eine Lehrstunde erteilt bekommen. De Ridder stellt ein neues Programm namens TimeWalker vor. Dieses innovative Tool visualisiert Logdateien auf eine Art und Weise, die Muster erkennen läßt, falls sie existieren (und in vielen Dateien ist das der Fall). Abnormalitäten lassen sich für geschulte Augen ebenfalls sofort erkennen. Auch der Zoom-Mechanismus ist sehr schön gelöst. Und die Geschwindigkeit ist ansehnlich, obwohl das Programm großteils in Python implementiert ist. Alle Systemverwalter sollten sich das Tool ansehen. Es steht unter der GPL.

Jonathan Corbet

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Jonathan Corbet

Nun lege ich eine längere Pause ein, da mich die restlichen Vorträge vor dem Mittagessen nicht interessieren. Danach ist Jonathan Corbet an der Reihe, die geplanten Features von Kernel 2.5 vorzustellen. Jonathan Corbet dürfte vielen als Mitgründer und Herausgeber von Linux Weekly News (LWN) ein Begriff sein; daß er aber auch exzellente Kernel-Kenntnisse hat, beweist er als Ko-Autor des Buchs »Linux Device Drivers« mit Alexandro Rubini. Dank Babelfisch ist er ein eifriger Leser von Pro-Linux. Etwa 100 Teilnehmer wollen den Vortrag hören. Es gibt vermutlich diverse Listen im Netz, die dies beschreiben, aber hier ist Jonathans Liste in aller Kürze:

  • Neue Implementierung von devfs
  • Neuer Block Layer Code: ermöglicht mehr Parallelisierung und höhere Performance
  • Neues Kernel Build-System: globales Makefile, man kann einen Build in einem Verzeichnis außerhalb des Kernel-Trees durchführen, man kann in jedem Unterverzeichnis make aufrufen usw.
  • Kernel-Konfiguration mit CML 2
  • Laden und Entladen von Modulen wird neu gestaltet, um die vorhandenen Race Conditions zu beseitigen
  • Ein allgemeines Linux Security Module als Rahmen für diverse Sicherheits-Lösungen
  • Neue Dateisysteme
  • Erweiterte Attribute in Dateisystemen
  • Verbessern/Aufräumen von /proc
  • Namespaces, eine Idee von Plan 9
  • initramfs, soll die Initial Ramdisk ersetzen
  • Globale Arrays im Kernel wie read_ahead[] werden verschwinden
  • Asynchrone Ein/Ausgabe
  • Geräteverwaltung: Devicenummern werden 32 Bit lang, das Benennen von Devices wird sich ändern müssen (devfs, Hotplug-Code)
  • Power Management
  • Neues Netzwerk-API (NAPI)
  • Kernel-Preemption

Nun heißt es für mich, auf die letzten beiden Vorträge, also auch die Abschlußrede von Jon "Maddog" Hall, zu verzichten und den Kongreß zu verlassen, um den letztmöglichen Zug nach Hause zu erwischen. Demon ist bereits früher in die Innenstadt zurück gefahren.

Abreise

Wir holen unser Gepäck von Hotel und wandern zum letzten Mal zum Bahnhof. Dort investieren wir unsere letzten Gulden in Eßbares, bis unser Zug kommt. Nächstes Jahr wird mit dem Euro sowieso alles anders...

Der Zug fährt uns wieder nach Münster. Von dort geht es mit dem IC weiter. Leider ist der IC extrem voll. Wir finden mit Mühe noch zwei Sitzplätze. Die Strecke ist eine andere als auf der Hinreise. Es geht über Dortmund, Essen, Duisburg und Düsseldorf nach Köln. Ab Köln ist der Zug dann recht leer. Doch wie es die Logistikkünstler der Bahn schaffen, eine Verspätung von wenigen Minuten in Münster auf 30 Minuten in Karlsruhe auszubauen, muß mir mal jemand erklären. Wahrscheinlich hatten alle fähigen Mitarbeiter schon Feierabend...

Fazit

Mit 270 Teilnehmern war dieser 8. Linux-Kongreß ein zwar eher kleines, aber dennoch lohnendes Ereignis. Die niedrige Teilnehmerzahl (Vorjahr: 385) läßt sich durch die momentane Wirtschaftslage sicher teilweise erklären. Ein anderer Grund könnte sein, daß einige Interessenten aus Deutschland vor der Reise ins Ausland zurückschreckten, was durch die höhere Zahl von holländischen Teilnehmern natürlich nicht wettgemacht werden konnte. Würde man das Wachstum von Linux an der Teilnehmerzahl messen, dann könnte man den Eindruck erhalten, es hätte seit Jahren keinen Fortschritt gegeben. Doch es ist klar, daß gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten der Kostenvorteil von Linux noch wichtiger wird als sonst, und der Einsatz von Linux weiter rasant zunimmt.

Die Webseite enthält eine Nachlese zu den bisherigen Kongressen. Für den diesjährigen Kongreß ist noch nichts vorhanden, aber vielleicht kommt ja noch etwas.

Es steht noch nicht fest, wo der Kongreß im nächsten Jahr stattfinden wird, doch es gibt Überlegungen, ihn zeitgleich mit dem LinuxTag in Karlsruhe stattfinden zu lassen. Das wäre in meinen Augen eine sehr gute Lösung, wenngleich damit die Abenteuer mit der Bahn und Hotels für mich ausfallen würden...

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