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Di, 8. Mai 2018, 08:16

Gemeinschaft::Organisationen

Streit um Scherz in glibc-Handbuch

Das Handbuch von glibc enthält einen Scherz bei der Beschreibung der Funktion abort(). Als ein Entwickler diesen jetzt entfernen wollte, führte das zu einem Streit mit Richard Stallman darüber, wer in dem Projekt das Sagen hat.

Richard Stallman, Gründer und Präsident von GNU und FSF

Richard Stallman

Richard Stallman, Gründer und Präsident von GNU und FSF

glibc ist die GNU-Implementation der Laufzeitbibliothek für Programme, die in der Programmiersprache C geschrieben sind. Alternative freie Implementationen existieren zwar, aber in den meisten Linux-Distributionen sind die meisten Programme direkt oder indirekt von dieser Bibliothek abhängig.

Irgendwann in den 1990er-Jahren fügte Richard Stallman, Gründer und Präsident von GNU und FSF und ursprünglicher Autor der glibc, in das Handbuch einen Scherz ein. Der Scherz, der an die Dokumentation der Funktion abort() angehängt wurde, bezieht sich auf die wörtliche Bedeutung »abtreiben« des Funktionsnamens. Er warnt davor, dass die (damalige) US-Regierung ein Zensurgesetz plane, das es verbieten würde, auf die Existenz der Funktion hinzuweisen, und dass GNU künftig verpflichtet sein könnte, darauf hinzuweisen, dass die »Abtreibung« eines Programms nicht akzeptabel sei.

Der Entwickler Raymond Nicholson wollte diesen Satz nun aus dem Handbuch streichen, da er nach seiner Meinung keine nützliche Information zu der Funktion gebe. Sein Kollege Zack Weinberg nahm die Änderung am Repositorium von glibc vor. Dagegen legte allerdings Richard Stallman sein Veto ein. Er meinte, dass der Scherz heute sogar relevanter sei als damals, und da GNU kein rein technisches Projekt ist, solche Dinge erhalten bleiben sollten.

Die aktiven glibc-Entwickler lehnten Stallmans Bitte mehrheitlich ab. Das wollte Stallman allerdings nicht akzeptieren und bestand darauf, dass er als GNU-Gründer die Entscheidungsbefugnis habe. Eine Einigung wurde nicht erzielt, dennoch nahm Alexandre Oliva am 7. Mai die Änderung zurück. Dieser Schritt wurde von seinen Kollegen heftig kritisiert. Er begründete die Rücknahme allerdings primär damit, dass es zuvor keine Absprache mit Stallman und keinen Konsens zu dem Thema gab.

Der Standpunkt der Mehrheit der Entwickler war und bleibt nämlich, dass Beschlüsse, die glibc betreffen, durch Konsens getroffen werden. Dies ist im Projekt-Wiki dokumentiert. Konsens bedeutet nicht einhellige Zustimmung, aber Gegenstimmen darf es jedenfalls nicht geben. Wer an diesem Konsens beteiligt ist, legt die Wiki-Seite allerdings nicht konkret fest. Laut der Formulierung sollen aber alle, die an einem Thema interessiert sind, beteiligt werden. Das würde Stallman einschließen, auch wenn er seit vielen Jahren nicht mehr an der glibc mitarbeitet hat. Einige Entwickler messen seiner Stimme sogar mehr Gewicht bei als anderen Personen. Andere wiederum sind der Meinung, dass nur die aktiven Entwickler in Entscheidungen eingebunden sein sollten. Die Diskussion ist noch nicht beendet. So ist es immer noch möglich, dass die Entwickler Stallmans Wunsch überstimmen und den Scherz endgültig entfernen. Alles, was es dazu braucht, ist ein Konsens, dass Stallman nicht mehr zu dem Personenkreis zählt, der in Entscheidungen über die glibc eingebunden wird.

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