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Mo, 22. Oktober 2018, 16:28

Software::Kernel

Code of Conduct von Linux entschärft

4.19 ist die erste Version des Linux-Kernels, die eine Verhaltensrichtlinie als Teil der Dokumentation mitbringt. Nach langen Diskussionen, besonders auch in privater Kommunikation, wurde die Richtlinie gegenüber der ursprünglichen Version entschärft und um ein Dokument zur Interpretation der Richtlinie ergänzt. Weitere Änderungen werden aber noch diskutiert.

Larry Ewing

Die Veröffentlichung von Linux 4.19-rc4 am 17. September wurde von einem Paukenschlag begleitet, als Linus Torvalds eine rund vierwöchige Auszeit vom Kernel ankündigte. Kurz zuvor hatte Torvalds noch ein neues Dokument mit Verhaltensrichtlinien in den Kernel eingebracht. Geschrieben wurde das Dokument, ebenso wie sein Vorgänger, der seit Linux 4.0 geltende »Code of Conflict«, von Greg Kroah-Hartman, unterstützt wurde es von einer Handvoll weiterer Entwickler und Mitgliedern des technischen Beirats der Linux Foundation (der Beirat wird aus dem Kreis der Kernel-Entwickler gewählt).

Beide Ereignisse stehen in Zusammenhang, denn Torvalds gehört nicht zu denjenigen, die freundlich bleiben, wenn sie von Entwicklern mit schlechtem Code oder schlechtem Verhalten belästigt werden. Besonders bei wiederholten Verfehlungen schlägt Torvalds, ebenso aber auch einige andere Entwickler, oft einen schärferen Ton an. Dies missfiel aber schon immer einem Teil der Gemeinschaft, zu dem durchaus auch renommierte Entwickler zählen. Sie sind der Meinung, dass diese Ausfälle unprofessionell, verletzend und letztlich ein Schaden für die Gemeinschaft sind. Um so mehr, wenn der betroffene Entwickler eigentlich in bester Absicht gehandelt hat.

Die Begründung für den neuen »Code of Conduct« war, dass der ursprüngliche Code of Conflict sein Ziel verfehlt habe. Der neue »Code of Conduct« soll nun für alle Kernel-Bereiche gelten und den Kernel zu einer freundlicheren Umgebung machen. Der Text beruht auf der Vorlage von www.contributor-covenant.org. Gleich nach Bekanntgabe der Änderung wurde zahlreich Kritik geäußert, nicht nur von Kernel-Entwicklern. Kritikpunkte waren, dass die Regeln sehr allgemein und an manchen Stellen unklar formuliert seien, und dass gleich mit Gegenmaßnahmen wie Ausschluss gedroht werde, was zu Zensur oder Selbstzensur führe. Wie schon im Vorgängertext sind die Mitglieder des technischen Beirats der Linux Foundation als Mediatoren vorgesehen, die Umsetzung von Maßnahmen liegt aber in den Händen von anderen. So gehen beispielsweise die Verwalter der Mailinglisten schon heute gegen Spammer, aber auch, in sehr seltenen Fällen, gegen Trolle vor.

Greg Kroah-Hartman nahm die Diskussionen zum Anlass, eine aktualisierte Version des Code of Conduct zu erstellen. Diese Version wurde hauptsächlich in privater Kommunikation erstellt, offiziell präsentierte sie Kroah-Hartman erst letzten Samstag. Im Gegensatz zur ursprünglichen Version, die kurzfristig und überraschend kam, hatten viel mehr Entwickler Gelegenheit, ihre Meinung einzubringen, und die Änderungen wurden entsprechend von zahlreichen Entwicklern befürwortet. Mit Linux 4.19 ist die geänderte Version des Code of Conduct nun offiziell. Sie ist in den Kernel-Quellen im Verzeichnis Documentation/process zu finden.

Die Änderungen in der Verhaltensrichtlinie selbst sind minimal. Es wurde lediglich ein Satz gestrichen, der den Kernel-Betreuern Strafmaßnahmen androhte, wenn sie der Richtlinie nicht folgen oder sie nicht durchsetzen. Eine Durchsetzung ist ohnehin nicht Bestandteil der Richtlinie. Im Wesentlichen ist ihr Inhalt, erwünschtes und unerwünschtes Verhalten zu beschreiben und die Ansprechpartner zu nennen, an die sich alle wenden können, die sich unangemessen behandelt fühlen. Laut Kroah-Hartman wurde die Richtlinie im Auftrag der Linux Foundation von Juristen begutachtet, so dass rechtliche Probleme, die von manchen Entwicklern befürchtet werden, erst gar nicht aufkommen sollten.

Die größere Änderung ist allerdings ein zusätzliches Dokument, das angibt, wie die Kernel-Gemeinschaft die Richtlinie interpretieren will. Demnach ist es das einzige Ziel der Richtlinie, einen freundlichen Umgang miteinander zu erzielen. Die Verantwortlichen können auch weiterhin jeglichen Code ablehnen, der beigetragen wird, sei es wegen Qualitätsmängeln oder aus anderen Gründen. Beschwerden über Verstöße gegen die Richtlinien werden erst im Richtlinien-Komitee, das aus Freiwilligen aus dem technischen Beirat (TAB) der Linux Foundation besteht, behandelt. Werden Maßnahmen beschlossen, werden diese dem gesamten technischen Beirat zur Abstimmung vorgelegt. Alle drei Monate soll ein Bericht über die Arbeit des Komitees veröffentlicht werden, der anonymisiert die Vorfälle und ihren Status nennt. Die Abstimmungsergebnisse des technischen Beirats sollen vollständig offengelegt werden.

Kroah-Hartman nahm die Ankündigung von Linux 4.19 zum Anlass, ausführlich das Zustandekommen des Code of Conduct zu erklären. Er halte bereits seit etlichen Jahren Vorträge zum Entwicklungsprozess von Linux und wundere sich jedesmal, dass die Vorgänge, die ihm so klar erscheinen, vielen Entwicklern nicht so klar sind. Der Grund dafür ist einfach, dass ständig neue Entwickler hinzukommen. Diese können noch nicht über das Hintergrundwissen verfügen, das langjährige Entwickler bereits haben. Dafür sollten sie auf keinen Fall getadelt oder angegriffen werden.

Was die Entwickler eint, ist das gemeinsame Ziel, den bestmöglichen Kernel zu schaffen. Die »Total World Domination«, die komplette Weltherrschaft, mag einst ein schnell dahingesagter Scherz gewesen sein, später wurde sie laut Kroah-Hartman zu einem realen Ziel, heute ist sie eine Tatsache. Linux dominiert alles außer dem Desktop. Es gibt keine ernstzunehmende Konkurrenz zu Linux, obwohl das gut wäre, weil das ein Anreiz wäre, noch besser zu werden. Das einzige, was Linux stoppen könne, sind die Entwickler selbst, wenn sie schwere Fehler begehen. Neue Entwickler nicht freundlich aufzunehmen, wäre ein solcher Fehler, so Kroah-Hartman.

Auch der aktuelle Stand der Verhaltensrichtlinie wird wohl kaum der letzte sein. Die Diskussion geht weiter und viele Entwickler haben Verbesserungsvorschläge oder Bedenken. Kritisiert wurde auch die weitgehend nichtöffentliche Ausarbeitung der Richtlinie. Die Richtlinie wird ohne Zweifel noch stärker an die Situation des Kernels angepasst werden, wohingegen eine vollständige Abschaffung wohl keine Mehrheit finden wird. James Bottomley pflegt eine geänderte Version der Richtlinien und hofft, die Änderungen in den Kernel einbringen zu können. Als Vorbilder nennt er die Richtlinien von Samba und Debian.

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