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Thema: Gimp 2020: Rück- und Ausblick

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Von klopskind am Mi, 8. Januar 2020 um 18:33 #

Der Gebrauch diskriminierender Sprache ist eine Grundfähigkeit freier Wesen, [...]
Ich behaupte, dass Sie mit dieser Aussage den Begriff der individuellen Freiheit indirekt so deuten, dass er inkompatibel zum Verständnis einer nicht unbedeutenden Menge an Menschen ist.

Denn nach der selben Auffassung wäre auch der Gebrauch von Gewalt (oder bspw. etwas spezieller das Betreiben von Sklavenhaltung & -handel) eine "Grundfähigkeit freier Wesen". Aber ob ein Wesen zu etwas fähig ist, oder nicht, rechtfertigt nicht, dass er diese Fähigkeit uneingeschränkt nutzt. (Oder was sind diese "Grundfähigkeiten"?)
Das ist im Tierreich zwar offenbar so (Gesetz des Stärkeren), aber da liegt eben der Unterschied zum zivilisatorisch entwickelten Maßstab des Menschen, nach welchem sich der Mensch durch Aneignung und Erlernung von immer mehr Fähigkeiten mittels seines Verstands, vom Tier abhebt.

Schon nach preußischem Rechtsgrundsatz von 1794 gehörte die individuelle Freiheit dort auf, wo die des Gegenübers beginnt - siehe § 83. Die Idee gab es also schon recht lange, nur wurde sie erst seit einigen Jahrzenten allen Bürgern zugesprochen, nicht nur einer privilegierten Klasse. Deswegen gibt es im Zusammenhang mit Sprache bspw. auch § 5 GG, der die Meinungsfreiheit auch einschränkt, u.A. auch durch den § 130 StGB, die den strafrechtlich Begriff (Straftatbestand) der Volksverhetzung definiert.

Im Laufe der Geschichte können sich Wortbedeutungen oder deren Konnotationen auf natürliche, aber auch unnatürliche Weise, ändern. So z.B. durch gezielte und beabsichtigte äußere Einflüsse, wie sie häufig in propagandistischen Regimen vorzufinden waren/sind.

Wer die Bedeutung eines Wortes letztlich festlegt, sind also entweder einflussreiche Wortführer oder die Mehrheit durch einen (un)veränderten aktiven Gebrauch (z.B. aufgrund sich drastisch wandelnder gesellschaftlicher Umstände). Eine spezielle "Umdeutung" kann durch einen kompletten Bedeutungsverlust im aktiven Wortschatz durch verschwindende Verwendung geschehen.

Ja, das Wort Diskriminierung hat laut Duden mehrere Bedeutungen. Es klingt gehobener als das Wort Unterscheidung, welches eine mögliche Bedeutung darstellt.

Vielleicht beruht die Umdeutungsentwicklungen des Wortes auf der Tendenz, es mit den anderen Bedeutungen zu assoziieren und vom Begriff der puren Unterscheidung zu distanzieren.
Zudem erfährt der Begriff inzwischen größere Relevanz im Sinne einer juristische Deutung in Form von Diskriminierungsverboten, siehe etwa Art. 14 MRK oder Art. 18-25 AEUV (inbes. Art. 18-19), wobei viele Gesetzgebung das mittes einer Gleichberechtigung von der anderen Seite her definieren, z.B. § 3 GG. Es schien offenbar nötig, Diskriminierung explizit zu untersagen, vermutlich weil diese Rechte lange Zeit nur bestimmten Gruppen vorbehalten worden ist.

Ich persönlich bin dem Begriff eigentlich nur im Zusammenhang von Benachteiligung, Herabwürdigung oder anderer Ausgrenzung(stendenzen) von Menschen(gruppen) mittels fragwürdiger (oder keiner) Rechtfertigungsgrundlage, wie etwa durch willkürliche Unterscheidung (So schließt sich dann der Kreis?), begegnet.
Nur der verwandte Begriff der Diskriminante wäre mit noch geläufig, den man vom Lösen quadratischer Gleichungen (oder Gleichungen höheren Grades) aus dem Mathematikunterricht kennen müsste. Ihr Wert bildet ein Unterscheidungskritierium für die qualitative Ausprägung der Lösungsmenge (zwei reelle, eine (doppelte) reelle oder zwei komplexe Lösungen).

Die Falschbedeutung wird durch immer wieder fälschlicherweise damit verknüpfte Schlagworte verfestigt - und noch mieser wird dieses ganze Spiel dadurch, daß es dem Verstand entrissen und mit angstbeladenen Begriffen an unserem Urteilsvermögen vorbei eingepflanzt werden soll.
Ja, soetwas ist natürlich gefährlich. Meist steht dahinter eine gezielte Agenda der Nutznießer der Äußerung jener Schlagwörter. Die betreiben das tatsächlich als ein "Spiel". Die Frage ist auch immer, von wem dieses "Spiel" gespielt wird.

Sie sprechen hier von "[...] werden soll", das wirkt für sich auch schon angsteinflößend, da dies suggeriert, dass hier eine verborgene Macht am Werk ist.

Man muss stets achtsam sein und jeweils sachlich darauf hinweisen. Dann ist geht es auch nicht allen am Urteilsvermögen vorbei. Eine solide Allgemeinbildung und die Vermittlung zur individuellen Kreation eines sicheren Textverständnisses hilft hier ungemein. Aber Lehrer zu sein, ist hierzulande derzeit äußerst unattraktiv und nicht besonders begehrenswert oder ansehnlich - leider. (Und ich meine damit nicht, dass den Leuten die Meinung eingetrichtert werden soll, sondern ein möglichst selbstbewusste und unvoreingenommene Herangehensweise des Lesens, Denkens und Verstehens gelehrt wird.)
Anders kann man der Massendynamik nichts entgegensetzen. Man kann und muss darüber reden, so oft es eben gewünscht wird und notwendig erscheint. Das braucht Sprache. Das muss Sprach können.

Jetzt sind Sie aber an einem Punkt, wo Sie die Verfestigung einer angeblich "falschen" Begriffsbedeutung, etwa durch beabsichtigte Manipuliation, kritisieren, aber auf der anderen Seite druch den Vorwurf der "Falschdeutung" eine andere feste Bedeutung zementieren.
Was Sie also zum Vorwurf erheben, scheinen Sie selbst nicht zu beachten. Das wirkt doppelmoralisch. Ja wie denn nun?

Hier haben wir schon wieder die „AfD“, wir haben „reaktionär“.
Sollen das Beispiele für diese erwähnten angstbeladene Begriffe, die an unserem Urteilsvermögen vorbei eingepflanzt werden sollen, sein? Da find ich Ihre Aussagen teils befremdlicher.

Ich möchte die Verwendung in diesem Zusammenhang allerdings auch nicht befürworten, da ich sie nicht für hinreichend sachlich halte. Aber darf man die Wörter jetzt nicht mehr in diesem Zusammenhang mit der (dort schon in Anführungszeichen stehenden) "Sterilisierung der Sprache" verwenden? Wieso? Und spielen Sie hier indirekt nicht selbst die Sprachpolizei, was Sie zuvor selbst kritisieren?

Und spätestens mit der Etablierung der AfD im Sinne einer Legitimierung durch demokratische Wahlen sind Debatten um das Thema Sprache und Sprachgebrauch doch an der Tagesordnung. Die Diskussionen gibt es aber auch schon länger im Zusammenhang von Denglisch, Jungendsprache, sich in gewissen Schichten zementierende und teils sogar darüber hinaus verbreitende Dialektik, Political Correctness. Bis auf Letzteres hatte das wenig Auswirkungen auf den öffentlichen Sprachgebrauch. Nun hatte es aber spätestens nach einem Bernd Lucke stetig wachsende Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs.
Ist die Präsenz dieser Themen, Debatten und Diskurse deshalb etwas Schlechtes? Man kann jetzt hier und da an konkreten Fällen diskutieren, ob/wie hier Grenzen oder Normen auch aus jurisitischer Sicht überschritten wurden und werden - und das wurden sie auch. Ich denke jedenfalls, dass der Verfassungsschutz nicht ohne Grund auf die Partei nahestehenden Organisationen und ihren Flügel aufmerksam wurde.

Wenn jemand kurz über „Diskriminierung“ nachdenkt, dann tut sich diesem automatisch auch das Rote Tuch „Rassismus“ auf... Und noch mehr dergleichen.
Naja, das liegt vielleicht daran, dass Rassismus eine für viele verständliche und besonders prägnante Form der Diskriminierung darstellt. Der menschliche Verstand assoziiert - auch vereinfachend und manchmal zu stark, aber die psychologischen Tendenzen der Vereinfachung sind nicht gerade von der Hand zu weisen. Es gibt sicherlich auch viele, die statt an Rassismus zuerst an Sklaverei, Kinderarbeit oder gesellschaftliche Ungleichheiten von Frauen denken.
Somit sagt diese verallgemeinernde Aussage vielleicht mehr über Sie als über diejenigen, über die Sie hier sprechen, aus.

Wer, wenn er oder sie nicht auf das eigene gesellschaftliche Ansehen pfeift, traut sich da noch verstandesgemäß ran?
Also mindestens Sie, der Verfasser des Vorkommentars und die der folgenden Kommentare kämen hierfür als Antwort infrage. Ich bin mir sicher, dass es noch viele andere Kandidaten gäbe.

Diskriminierung ist eine Tugend, welche der des Wahr-Sprechens vorgängig ist.
Aha, Diskriminierung ist also eine sittlich wertvolle Eigenschaft (eines Menschen)? Ich respektiere Ihre Meinung, aber ich bin nicht dieser Auffassung.

Was ist "Wahr-Sprechen"? Ganz schön nebulös auch im Kontext. Von Begriffe "schärfen", kann hier nicht die Rede sein.

Zu sagen, daß ein Löwenzahn keine Tulpe ist, ist diskriminierend - [...]
Wem gegenüber? Bevor Sie antworten, rate ich Ihnen, zunächst in den Duden zu schauen (diskriminierend - benachteiligend, zurücksetzend, verächtlich machend).

Oder daß ein Gouda anders schmeckt als ein Emmentaler (also, zumindest wenn man echten Käse hat und nicht das massenkompatible gefühlte Einheitsprodukt). Auch das ist diskriminierend, aber absolut richtig.
Wieder gilt die Frage: Wem gegenüber?

Ironischerweise könnte bestenfalls der in Klammern stehende Nachsatz als diskriminierend durchgehen.

Ebenso ist die Feststellung, daß der gemeine Mitteleuropäer eine andere Hautfarbe hat als der Aborigine natürlich diskriminierend - denn es wird ja eine Unterscheidung getroffen. Aber sie ist völlig richtig, sinnvoll und legitim.
Ich glaube, dass es beim Begriff Diskriminierung darum geht, ob aus der puren Unterscheidung noch andere Unterscheidungen suggeriert oder abgeleitet werden - und auf welche Art.

Außerdem bin ich mir fast sicher, dass es auch mal ein Albino unter den Aborigines gab oder gibt. Das sagt jedenfalls die wissenschaftliche Theorie und das starke Gesetz der großen Zahlen.

Es ist auch wichtig zu betonen, dass die biologischen Gemeinsamkeiten dieser Menschen (homo sapiens sapiens) den biologischen Unterschieden stark überwiegen.
Und auf anderen Vergleichsebenen können die individuellen Unterschiede zwischen zwei Aborigines (oder zwei Mitteleuropäern) größer sein als Sie denken. Zum Beispiel gibt es Aborigines, die nicht die traditionelle Lebensweise verfolgen. Insofern haben diese möglicherweise mehr mit vielen anderen Einwohnern Australiens, die von zugezogenen Einsiedlern abstammen, gemeinsam als mit traditionell lebenenden Aborigines.

Sinnvoll, legitim? Von mir hören Sie da ein definitives Jein! Was nützt eine solche Vergleichsaussage außerhalb der menschlichen Biologie? Nicht so viel, vor Allem in einer öffentlichen Debatte, oder? Können Sie Ihren Standpunkt rechtfertigen?

Was ziemlich erbärmlich ist, ist die Behauptung, die hellere Haut mache einen zu einem besseren Menschen. Das ist aber nicht diskriminierend, sondern plump und anmaßend.
Aus der Behauptung würde folgen, dass Menschen ohne "hellere Haut" schlechter wären. Ein Äußerung dieser Behauptung wäre demnach abwertend, herablassend, herbwürdigend und verächtlich. Und das soll nicht diskriminierend sein?
Da bin ich anderer Meinung. Das ist kein Unterschied im Sinne eines Vergleichs, sondern ein ungerechtfertigte indirekte Abwertung einer ganzen Gruppe. Ich verweise auf obige Bedeutungen des Wortes diskriminierend laut Duden.

[...], aber ich behaupte, daß sie insgesamt (auch wenn ich jetzt wieder Einzelfälle angetragen bekomme, die belegen sollen, daß dies insgesamt „mörderisch“ sei) weniger schädlich ist als die verstandesvernichtende Wirkung des entgegengesetzten Extrems.
Wen Sie hier zitieren, weiß ich nicht. Aber einerseits implizieren Sie hiermit, dass Sie am anderen Extrem stehen. Und andererseits: Was ist dieses entgegengesetzte Extrem und auf welcher (hoffentlich objektiven) Grundlage bemessen und vergleich Sie die Schädlichkeit (schädlich wofür?) dieser beiden Extreme?

Außerdem könnte man Ihnen hier vorwerden "angstbeladener Begriffe" ("weniger schädlich [...] als die verstandesvernichtende Wirkung") zu verwenden, was Sie weiter oben selbst noch kritisierten. Ist das nicht doppelmoralisch?

Zudem ist das ein schwarz-weiß-malerisches (no pun intended!) Scheinargument: Der Ansichts- und Handlungsspielraum ist weder diskret im Sinne zweier schwierig vertretbarer Extreme, welche im Übrigen suggerieren, dass ein ganzes Spektrum existiert, noch ist er eindimensional. Warum nicht einen Standpunkt vertreten, der nicht am Rand liegt? Würden Sie sich als Extremist bezeichnen?

Wir müssen kein „aufgeräumtes“ Neusprech schaffen, in dem Rebellion gegen das herrschende System nicht einmal mehr gedacht werden kann.
Wer ist "wir? Wer schafft denn dieses „aufgeräumtes“ Neusprech Ihrer Meinung nach? Und wer verhindert damit eine Rebellion? Zugegen ist die Antwort darauf eine komplizierte Angelegenheit, denn: Welcher Staat und welche Regierung trifft keine Maßnahmen, die einer Rebellion vorbeugen? Welche Maßnahmen wären/sind verfassungskonform, welche moralisch vertretbar? Und welche Alternative zu diesem „aufgeräumtes“ Neusprech suggerieren Sie hier? Sprechen sich etwa dafür aus, Sprache selbst, d.h. gegensätzlich künstlich, verändern zu wollen? Oben haben Sie sich noch gegen die Umdeutung oder Andersdeutung von Begriffen wie Diskriminierung im Sinne der bloßen Unterscheidung ausgesprochen...

Und wir müssen von Nebenkriegsschauplätzen wie der Frage, ob man nun Neger „sagen darf“ oder nicht, wegkommen und darüber sprechen, wo wir gesellschaftlich eigentlich hinwollen.
Ernsthaft: Wer ist "wir"?

Man könnte Ihnen jetzt entgegnen, dass die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit genau jener Frage ein Puzzleteil dafür ist, herauszufinden, welche Ziele diese Gesellschaft für erstrebenswert hält und verfolgt. Man könnte sogar argumentieren, dass diese Frage innerhalb der BRD geklärt wäre, aber darum geht es hier scheinbar gar nicht.

(Selbst die Diskussionen über die Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin halte ich nicht für besonders zielführend. Dass der Straßenname allein diskriminierend wirkt, kann ich nur schwer nachvollziehen. Aber ich bin auch nicht betroffen, d.h. dass das kein Argument sein kann. Von mir aus können sie die Umbenennung durchziehen, wenn es den Betroffenen so wichtig ist. Ich finde an der Debatte nur äußerst merkwürdig, dass der von mir wahrgenommene Anteil an Personen, die nicht zum Kreis der von dieser Situationen Betroffenenen zählen, in stark überwiegt, und die genauere Namensherkunft ungeklärt bleibt.)

Dazu hilft es ungemein, Begrifflichkeiten wieder zu schärfen anstatt sie weiter zu vernebeln.
Wie wollen Sie das anstellen? Schärfen kann man Begriffe nur, wenn man sachlich und fortwährend über die Deutung(en) spricht.

Zudem ist das eine wertende Aussage (schärfen vs vernebeln). Zählt zur sogenannten Schärfung auch die Ihre oben ausgeführte Deutung des Diskriminierungsbegriffs?
Ich jedenfalls denke, dass Sie hier eher "vernebeln" als "schärfen".

Auch Einfühlungsvermögen in andere - Empathie - kann man nicht verordnen oder durch „geschönte“ Sprache herbeizaubern.
Stimmt! Aber haben Sie sich vielleicht in etwas hineingesteigert, was hier niemand behauptet hat? Das ist ein klassisches Strohmann-Argument.

Ein vernünftiges Miteinander muß aus freien Stücken geschehen und kann nur der Einsicht erwachsen, niemals aber dem Zwang.
Da ist sie wieder - die Frage des Freiheitsbegriffs. Er wird in politischen Kreisen äußerst unterschiedlich definiert und verwendet.

Wer zwingt Sie denn, die Wörter umgedeutet verwenden zu müssen? Es gibt einen Unterschied (=Diskriminierung?) dazu, sich schlicht nicht verstanden zu fühlen, wenn man Begriffe unterschiedlich (=diskriminierend?) deutet. Wenn das der Fall ist, kann man entweder hinterfragen, sich präziser erklären, einen anderen Begriff wählen, einen neuen erfinden und verbreiten oder die Diskussion beenden und ggf. schäumend und schreiend davon laufen.

Und um mal zum ursprünglichen Thema zurückzukehren: Ich finde die Umbennungsdebatte im Zusammenhang der Vorgehensweise ("sonst forken wir") nicht gerade zielführend. Durch die Großschreibung ist relativ klar, dass es sich um ein Akronym handelt und das Projekt mit der dem Wort zugeschriebenen Bedeutung nichts am Hut hat.
Ich hätte auch nichts dagegen, wenn die Umbenennung umgesetzt würde. Allerdings glaube ich, dass es dem Projekt eher schadet als nutzt.
Ein wenn auch schwaches Argument gegen die Umbenennung wäre: Wohin soll das führen? Ich bin mir sicher, dass es ein dutzend anderer Abkürzungen oder Markennamen gibt, die auf gleicher Weise als Beleidigung interpretiert werden könnten.
Dazu käme dann noch, ob man nach der selben Auffassung nur noch Begriffe/Namen wählen darf, die in jeder Sprache nicht provozierend aufgefasst werden kann. Ich sag nur "Fotze", was im bairischen (und moselfränkischen) Dialekt etwa einer Ohrfeige gleichkäme, sonst aber durchaus provozierende Wirkung entfaltet. Oder "Ass", hier ist es die höchste Karte in gängigen Kartenspielen, im Englischen der "Arsch/Hintern".

p.s.: Ihre Editierung/Löschung ist während oder nach dem Verfassen meines Kommentars geschehen.

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    Von kraileth am Fr, 10. Januar 2020 um 07:15 #

    Vielen herzlichen Dank erstmal für die Arbeit, die Sie insbesondere in diesen, aber auch die anderen Kommentare gesteckt haben! Davor ziehe ich uneingeschränkt meinen Hut. Leider bin ich gestern Abend mit Schreiben nicht ganz fertiggeworden, so daß ich den Beitrag erst jetzt abschicken kann.

    Zum Inhalt: Die eine oder andere Formulierung meines Kommentars mag wenig hilfreich gewesen sein, dem stimme ich zu - das Thema geistige Freiheit ist mir relativ wichtig und ich war gestern etwas weniger entspannt, als ich es gewöhnlich bin. Die Kernaussagen kann ich aber selbstverstänlich weiter vertreten.

    1. Man müßte in der Tat zuerst über die Freiheit reden. Hier weise ich meist darauf hin, daß man sinnvollerweise zwischen positiver und negativer Freiheit spricht (also der Freiheit, etwas zu tun und der Abwesenheit von Zwang, z.B. Steuern zu zahlen), denn ich habe festgestellt, daß doch einige Leute einen recht schwammigen Freiheitsbegriff haben. Die erste Frage, die ich meinem Gegenüber dann üblicherweise stelle, ist die nach einer Einschätzung der Freiheit innerhalb des derzeit herrschenden Systems. An der Antwort kann man ganz gut erkennen, wo der- oder diejenige gedanklich steht. Um selbst die Hosen runterzulassen: Aus meiner Sicht haben wir eine sehr weitgehende theoretische Freiheit - um die praktische kann es aber, je nach Haltung, ziemlich schlecht bestellt sein. Die Mechanismen, welche gegen diese wirken, sind zumeist „soft“, aber dadurch nicht weniger wirksam.

    Wer mit dem Strom schwimmt, der kann innerhalb ziemlich weiter Grenzen nahezu machen, was er oder sie will. Wer andere Überzeugungen hat, der muß scharf aufpassen. Wenn du mit abweichenden Ansichten politisch in Erscheinung trittst, dann fällt irgendeinem CDUler ein, daß du vor 20 Jahren einen Artikel in der Konkret des kürzlich verstorbenen Herrn Gremliza veröffentlicht hast. Damit bist du eine Rote Socke, ganz egal, was du inzwischen für eine Entwicklung durchgemacht hast. Oder umgekehrt erinnert sich ein inzwischen in die SPD eingetretener ehemaliger Saufkumpane daran, daß du mal, als 15-Jähriger nach einer langen Nacht geäußert hast, der Reichsadler „sähe schon irgendwie geil aus“ - und wieder hast du einen Stempel weg.

    Ich habe während meines Studiums eine Arbeit über den Ersten Weltkrieg eingereicht, und weil ich Spaß am Quellenstudium hatte, konnte ich da einiges ausgraben. Mir wurde damals mitgeteilt, das sei soweit alles richtig und ordentlich gearbeitet, aber ich möge mir doch überlegen, ob es vorteilhaft sei, es so zu schreiben. Daß dies ein wohlmeinender Ratschlag war, macht die Sache in Bezug auf die Akademische Freiheit nicht eben besser. Gut, manchmal brauchen Dinge ihre Zeit. Seit der Veröffentlichung von Clark wäre mein damaliger Schrieb kein Problem mehr. Zu seiner Zeit verstieß er aber gegen die vorgegebene Linie und wäre potentiell ein „Karrierehindernis“ gewesen.

    Abschließend (um nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, auch wenn man das eigentlich müßte), noch meine Einschätzung zu des Deutschen liebstem Kind, der „Meinungsfreiheit“. Selbstverständlich gilt sie hier vollumfänglich. Meinen kann jeder, was er oder sie will, solange dabei die Klappe gehalten wird. Im Englischen hat man einen viel besseren Begriff dafür: Denn die „Freedom of speech“, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen steht, ist eine Meinungsäußerungsfreiheit. Dieses Wort müßte man Politikern, Journalisten und allen anderen, welche die gepriesene „Meinungsfreiheit“ so demonstrativ hochhalten, immer wieder unter die Nase reiben.

    2. Diskriminierung als Unterscheidung und gleichzeitig Herabwürdigung akzeptiere ich nicht und bin bereit, dafür auch immer wieder gegen Mauern zu rennen. Es sind dies zwei ganz verschiedene Dinge und während ich letzteres ablehne, befürworte ich ersteres stark. Da ich mich für mehr Unterscheidungsvermögen einsetze und die Wortbedeutung nicht allein in die Richtung abgleiten lassen möchte, in der es derzeit Schlagseite hat, spreche ich positiv von Diskriminierung.

    Mit Gewalt hat das wenig zu tun. Ich kann diverse anarchistische Ansätze verstehen, teile aber deren Schlussfolgerungen nicht. Mir ist die individuelle Entfaltung ziemlich wichtig, aber der Fortschritt der Einzelwesens prägt natürlich die Gesellschaft und es wäre Unsinn, letztere als Möglichkeit ausschließen zu wollen, ihrerseits dem Einzelwesen beim geistigen, aber auch sittlich-moralischen Wachstum zu helfen. Insofern bin ich mehr als dafür, daß es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen und die ihren Niederschlag im Strafrecht finden. Was ich ablehne, sind Gesetze, die eine Einstellung unter Strafe stellen. Aus Sicht erzkonservativer Spießer (ja, es gibt Leute, für die sich meine Achtung in Grenzen hält - aber ich gebe mir Mühe!) ist es verstänlich, „die Roten“ aus dem Bildungssektor fernhalten zu wollen und etwa Berufsverbote für linke Lehrer durchzudrücken. Das lehne ich entschieden ab. Auf der anderen Seite halte ich es für falsch, wenn „Haßverbrechen” oder „Menschenfeindlichkeit“ rechtlich eine Rolle spielen sollen. Das sind ideologische Winkelzüge, die über die Frage der Deutungshoheit über diese Begrifflichkeiten hinaus ein Zeichen politischer Willkür darstellen.

    Natürlich ändert sich Sprache und vieles davon geschieht ohne irgendeine Lenkung. Wenn heute der Nachbarsjunge erzählt, daß er einen „ganz tollen Hund“ zum Geburtstag bekommen hat, würde sich der Deutsche vor hundert Jahren gefragt haben, wie um Gottes Willen man so ein Tier in die Nähe eines Kindes lassen kann. Denn zwischen „großartig“ und „tollwütig“ ist eben doch ein gewisser Unterschied! Dagegen ist auch nichts einzuwenden (außer vielleicht, daß viel zu viele Menschen heute schon für Texte, die noch gar nicht so alt sind, kein Verständnis mehr haben). Aber dann gibt es da die anderen Fälle, in denen aus politischen Motiven und Erwägungen etwas umgedeutet wird. Beglückwünschen zu ihrem Erfolg kann man hier z.B. die Menschen, die es geschafft haben, durch beharrliche Selbstbezeichnung schwul von einem Schimpf zu einer neutralen Beschreibung zu machen. Das war ein offensiv geführter Kampf, dem ich meine Achtung nicht versagen will. Etwas anderes sind unterschwellige Veränderungen durch Framing, psychologische Tricks oder dem versuchten Bann. Da widersetze ich mich aus Prinzip. Stellvertretend für die Menschen, die nicht die Zeit haben, über Sprache nachzudenken und darum den Umfälschern auf den Leim gehen und auch stellvertretend für jene, welche aus beruflichen Erwägungen heraus Kröten schlucken müssen, um die Zukunft ihrer Familien nicht zu gefährden.

    3. Teilnehmer und Vortänzer in dem angesprochenen Spiel zu benennen ist grob für die erste Menge Menschen (wir alle) recht einfach und für die zweite vielleicht auch noch machbar (Medienleute, Berühmtheiten, Autoren, Politiker, ...). Wenn es um die Strippenzieher geht, wird des natürlich erheblich schwieriger. Von Gesprächen mit Menschen aus der zweiten Kategorie weiß ich, daß es ganz überwiegend keine direkten Anweisungen gibt (die „Springer“-Klauseln, nach denen sich ein Mitarbeiter u.a. zur Israelfreundschaft verpflichtet, dürften eher die Ausnahme als die Regel sein). Trotzdem weiß jeder grundsätzlich, „was von ihm erwartet wird“ und „wie weit man gehen darf“. Was das genau heißt, unterscheidet sich in der Tendenz je nach Arbeitgeber - wer für SPON berichtet, stellt die Sache anders dar, als der Mitarbeiter von RT-Deutsch. Dennoch wissen beide, wo sie im Zweifel ihren Strich zu ziehen haben, da sie sonst gesellschaftlich „weg-vom-Fenster“ wären - Wahrheit hin oder her.

    Entsprechend gehe ich nicht davon aus, daß irgendwo ein Hochgradfreimaurer vom Thron herab diktiert, was erlaubt ist, und was nicht. Auch glaube ich nicht, daß es die offizielle Politik ist, welche hier „bestimmt“. Sie setzt sicherlich wichtige Eckpunkte, hat aber keinen absoluten Einfluß. Mir sieht es eher so aus, als ob die Sache durch das Geld geregelt würde. Wer genug davon hat, der kann auch mal Breitbart unterstützen und ist deswegen noch nicht erledigt. Die Agenda, welche die Reichsten der Reichen haben, wird nach unten hin vertreten. Dafür spricht geschichtlich, daß die deutschen Wirtschaftsmagnaten nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich deutlich auf den Füßen gelandet sind, ungeachtet ihrer teilweise ziemlich tiefen Verstrickungen in Zwangsarbeit, Enteignungen, usw. Dafür spricht aus meiner Sicht auch, daß die prinzipiell amerikahörige Bundesrepublik (trotz unserer vorgeblichen Werte sind wir nicht für den Bann von Atomwaffen, weil es der große Bruder nicht will) bei Wirtschaftsthemen (North Stream II, Entwicklungsbank, ...) dann doch ganz schnell man im Lager von Rußland oder China ist. Kurz: Verborgene Macht - ja. Aber „verborgen“ in der Offensichtlichkeit: Das Geld.

    Hinsichtlich der Lehrer: Da bin ich voll und ganz bei Ihnen. Ich bin selbst in die freie Wirtschaft geflüchtet, weil ich mich an der Formung von Kindern zu verwendbarem Menschenmaterial für die Wirtschaft nicht schuldig machen wollte.

    4. Falschbedeutung und Doppelmoral: Hier kann ich nicht folgen. Die Wortherkunft von „Diskriminieren“ ist, denke ich, unstrittig („ein-” oder „aufteilen“ - also eine Unterscheidung vornehmen). Wann sich das „abwertend“ eingeschlichen hat, kann ich nicht sagen. Aber es ist nicht nur nicht die Ursprungsbedeutung, sondern läßt durch Überblendung eine Notwendigkeit des freien Denkens, schlecht dastehen. Wenn ich sage: „Ein Esel ist kein Pferd.“, dann diskriminiere ich, denn ich treffe eine Unterscheidung. Ich kann auch nicht „jemanden“ diskriminieren, denn zum Unterscheiden gehören zwei Gegenstände. Eine der ärgerlichsten Nebenwirkungen der Gegenstandsverringerung auf einen, ist, daß das Verhältnis, die gesellschaftliche Hierarchie ausgeblendet wird. So, wie es heute Gang und Gäbe ist, kann sich jeder einfach „diskriminiert“ fühlen. Das finden dann alle ganz ärgerlich und den „Diskriminierenden“ irgendwie blöd. Und dann? Dann bekommt letzterer vielleicht einige Unannehmlichkeiten und die Sache ist erledigt.

    Ich könnte mich auch furchtbar angefaßt fühlen, wenn jemand über Deutsche mit Migrationshintergrund lästert. Hilfe, ich werde diskriminiert! Oder vielleicht glauben Sie nicht an Christus und thematisieren die Blutspur, welche die Christenheit durch die Geschichte hinterlassen hat? Skandal, Diskriminierung! Ich wurde immerhin katholisch erzogen. Solche Aufregorgien haben keinen praktischen Nutzen. Aus meiner Sicht schaden sie im Gegenteil sogar. Man könnte so interessant miteinander ins Gespräch kommen, wenn da nicht diese „ich arme, diskriminierte Minderheit, ich“-Haltung wäre! Ich bin durch die als Kind erfolgte unverlierbare Taufe Teil der Katholischen Kirche (anders als manche denken, kann man nicht „austreten“ - das gilt nur für die durch den Staat besorgte Kirchensteuer. Ein Apostat lebt nur im Stand der Sünde, ist aber weiterhin Glied der Kirche). Der Gott der Bibel verheißt Homosexuellen die Hölle. Wenn ich diese Glaubenslehre vertrete (und als religiöser Mensch eine geschützte Minderheit bin), was passiert, wenn ich deswegen eine andere geschützte Minderheit (sexuelle Orientierung) „diskriminieren“ muß? Der Homosexuelle wird finden, daß sein Lebensweg wichtiger ist, als zweitausendjähriger Muff. Der Christ macht geltend, daß stets Gottes Wort mehr zu gehorchen sei, als der Menschen Wort. Auflösung des Konfliktfalles? Ich weiß keine. Aber über solche Dinge spricht man ja auch nicht, sondern man kaschiert Probleme, indem man einfach die „Diskriminierung“ untersagt...

    „AfD“ und „reaktionär“ sind zwei Begriffe, mit denen unzweifelhaft eine Stigmatisierung verbunden ist und durch deren Verwendung man vermintes Gelände schafft, auf das sich dann gar nicht so wenige Menschen entweder nicht mehr trauen oder mit einer wegwerfenden Handbewegung das Interesse verlieren. Was nicht heißt, daß man die Worte nicht verwenden darf! Ich halte sie für unangebracht und stelle dar, was dadurch, daß sie immer wieder so benutzt werden, passiert. Die Urheber sind frei, damit fortzufahren (denn ihnen drängt sich die Verbindung offenbar auf). Was die genannte Partei angeht, bewerte ich sie hinsichtlich des von Ihnen angesprochenen Sachverhaltes sogar positiv: Sie sorgt für einigen Wirbel, bricht einen vormals ziemlich eingerosteten Politikbetrieb wieder auf und hat tatsächlich bereits die Grenzen des „Sagbaren“ verschoben. Ich würde gutfinden, wenn dazu noch eine linke Kraft deutlich mehr Gewicht bekäme. Der MLPD etwa traue ich zu, mit ihren Positionen den Betrieb in ähnlicher Weise aufzumischen (und die Debatten würden vielleicht sogar spannender, da hier das aufgebaute Feindbild „Rechts“, mit dem man viel schon von vornherein abschmettert, nicht greift und das Feindbild „Links“ gesellschaftlich nicht mehr so präsent ist und erst wieder aufpoliert werden müßte). Das Reden darüber, ob die gegenwärtige Form denn wirklich das Höchste ist, was wir als Menschen erreichen können, muß wahrlich nicht von Rechts kommen. Durch Wählerentscheid ist das aber zur Zeit so und ich versuche, dem des Beste abzugewinnen.

    Sklaverei, Kinderarbeit, Benachteiligung von Frauen, usw. sind ja nur weitere Beispiele, welche negativen Auswüchse man mit der Diskriminierung verbindet. Ich stehe aber auf dem Punkt, daß diese damit wenig zu tun haben (ja, man muß unterscheiden können, um abwerten zu können, aber aus ersterem folgt nicht Letzteres).

    5. Tatsächlich gehöre ich zu den Menschen, die sich nicht sehr daran stören, wenn andere über sie die Nase rümpfen. Neben einer „treulosen Roten Socke“, einem „üblen Trotzkisten“, „antideutschen Schmutzfinken“ und so weiter bin ich (jeweils in Teilzeit) auch „Krypto-Nazi“, „Klerikalfaschist“, „verkappter Monarchist“ und der gleichen mehr. Andere Stimmen bescheinigten mir „aufklärerischen Willen“ und „aufrechten Humanismus“, „Ideologiefreiheit“ oder eine „libertäre Grundhaltung“. Über die Jahre kommt da was zusammen, wenn man bemüht ist, immer mal wieder Gegenpositionen einzuwerfen.

    Das geht, weil ich bereits eine Partnerin gefunden habe, die damit kann, wirtschaftlich unabhängig bin und eine Familie hinter mir weiß, die - neben einem gelegentlichen Seufzen oder Kopfschütteln - zu mir hält. Eine solche Situation ist jedoch Luxus. Es mit Marx zu halten (de omnibus dubitandum) und an allem erstmal zu zweifeln, ist - je nachdem, was man mit seinem Leben vorhat - nichts, was ich pauschal weiterempfehlen würde.

    Warum nun aber Wahr-Sprechen, also „die Wahrheit sagen“, irgendwie nebulös ist, verstehe ich nicht ganz. Ich hätte eher gesagt, daß es nicht viel konkreter geht. Worum es mir aber ging: Um die Wahrheit erfassen zu können, ist bereits Unterscheidungsvermögen notwendig - eben um sie von Unwahrheit zu scheiden. Kinder eines gewissen Alters etwa können noch gar nicht lügen. Wenn sie eine Antwort geben, die aus Erwachsenensicht „gelogen“ ist, liegt das daran, daß sie nicht eigentlich Auskunft geben, sondern überlegen, was der Erwachsene wohl hören möchte. Und zu dieser früher Stufe entwickeln sich, fürchte ich, manche Menschen teilweise zurück. Es ist in der Schule „besser“ (weil: Wird belohnt), die Antwort zu geben, die der Lehrer hören möchte. Es ist aus dem gleichen Grund „besser“, dem Chef nach dem Mund zu reden, dem „Beitragsservice“ seine Schweinereien durchgehen zu lassen, ohne sich zu wehren, usw.

    Aber auch aus anderen Richtungen ist unser Verstand in Gefahr. Einfachstes Beispiel, das ich immer wieder bringe: Man frage eine beliebige Person, ob „alle Menschen gleich“ seien. Die Wahrscheinlichkeit, dies bejaht zu bekommen, ist recht hoch. Nun fragt man die selbe Person, ob es stimmt, daß „alle Menschen verschieden“ seien - und erntet wahrscheinlich wieder Zustimmung. Hier ist durch sprachliche Ungenauigkeit völlig unnötig eine logische Widersinnigkeit entstanden. Ja, natürlich ist gemeint, alle Menschen sein (in irgendeinem Kontext) gleichwertig. Aber dann kann man das doch auch sagen!

    Mit Schrecken denke ich noch heute an ein Einführungsseminar zurück, in dem die Grundlagen der Philosophie vermittelt werden sollten. Da hat man nur Menschen mit allgemeiner Hochschulreife um sich herum, und dann sind darunter so viele, die gefühlt gar nicht wissen, wie man logisch denkt, wie man die einfachsten Schlüsse zieht! Offenbar, weil sie so weit gekommen sind, indem sie geistig immer nur auf ausgetretenen Pfaden gewandelt sind, nur nach-gedacht haben, was andere vordachten. Das ist dermaßen bitter, wenn man daran denkt, welche Anlagen wir Menschen einfach haben, wie hoch staunenswert manche schon in frühesten Zeiten gedacht haben - und was wir heute allzuoft leisten... Ich möchte heute noch schreiend rauslaufen, wenn ich daran denke, wie diese Leute sich dann noch mit dem Dozenten gestritten haben, während alle anderen, die es entweder trivial fanden oder bei denen es dann dock „klick“ gemacht hatte, die Augen verdrehten.

    Das ist es, worauf ich hinaus will: Mir ist relativ gleich, wo jemand weltanschaulich steht oder ob diese Person mit mir einer Meinung ist. Aber das geistige Elend, in das wir uns in unserem Bildungsbetrieb hineingewurstelt haben, stinkt zum Himmel! Und mit ideologisch motivierten Sprachdeuteleien kommen wir aus meiner Sicht nur immer tiefer in den Misthaufen, aber sicher nicht hinaus.

    6. Hautfarbe usw. tun eigentlich nichts zur Sache, sind aber ein so offensichtliches Unterscheidungsmerkmal von Menschengruppen, daß sie sich irgendwie aufdrängen. Außerdem ist mir daran gelegen, daß über solche „aufgeladenen“ Themen ganz normal und ruhig gesprochen werden kann. Hier wäre es meiner Ansicht nach gut, etwas „Druck“ aus der Nummer zu nehmen.

    Der Einwand mit den Albinos ist absolut berechtigt, aber ich denke, es ist klar, womit ich mit meiner Vereinfachung hinauswollte. Ob ich meinen Standpunkt rechtfertigen kann? Natürlich. Ich bin Verfechter einer möglichst bewußten Wahrnehmung unserer Umwelt (zu der auch andere Wesen gehören). Um aber ein Gegenüber erfassen zu können, muß ich sein Äußeres, seine Handlungen, usw. in den Blick nehmen. Da wir relativ denkende Wesen sind und mit absoluten Werten nicht gut umgehen können (was nützt mir die Aussage, eine Sache koste 5.000 Kruflar, wenn ich weder den Umrechnungskurs kenne noch wüßte, was so ein Ding in einer mir vertrauten Währung üblicherweise kostet?), kann ich erst aus dem Vergleich Schlüsse ziehen. Und für einen solchen die die Unterscheidungsfähigkeit schon wieder unabdingbar, da ich nicht vergleichen kann, was ich nicht zu unterscheiden vermag.

    Über die Duden-Definition müssen wir uns nicht steiten. Das Wort steht dort so, es wird allzuhäufig so gebraucht und ist, wie Sie richtig geschrieben haben, auch rechtlich inzwischen so verankert. Das heißt aber nicht, daß ich diese Tatsachen nicht falsch finden (und wie ich meine, mit vertretbaren Gründen) darf.

    Es gibt Personen, welche „diskriminierende“ (im Sinne von herabwürdigend) Einstellungen sofort mit Rassismus verbinden und dann pauschal als „mörderisch“ verunglimpfen (das wäre z.B. die Richtung der Truppe um Frau Kahane). Diese Leute argumentieren unredlich, indem sie u.a. Listen mit ihrer Ansicht nach rassistisch motivierten Morden präsentieren und damit den „mörderischen“ Charakter belegen wollen. Gleichzeitig warnen sie davor, wie weit verbreitet der Rassismus in der Gesellschaft noch immer sei und blenden dabei aus, daß dann offenbar der absolute Großteil der Leute, die Gruppe XY nicht leiden können, es bei diesem Nicht-Mögen beläßt und niemanden umbringt.

    Für mich ist eine rassistische Haltung eine Form der Unreife. Da ist sich eine Person des eigenen Selbst noch nicht sicher und hat noch nicht ausreichend Erfahrung mit dem Anderen gehabt. Nichts, worauf man irgendwie stolz sein könnte, aber etwas, das sich überwiegend im Laufe des Lebens verliert. Extreme Vertreter gibt es, aber die scheiden sich in der Regel einfach selbst von der geistigen Weiterentwicklung ab oder gehen als Dumpfbacke dem einen oder anderen auf den Geist. Die andere Richtung, die ich als gefährlicher brandmarke, hat hingegen das Potential, einen bereits entwickelten Verstand zu verbiegen und wieder zu verschütten. Wir kennen solche geistigen Gewalttaten z.B. aus den Untiefen des Jesuitismus. Von Loyola forderte beispielsweise die selektive Verstandesvernichtung.

    Der Jesuit beispielsweise, um ein krasses Beispiel zu bemühen, sollte einerseits einen klaren Verstand besitzen, um die Gegner überflügeln zu können, gleichzeitig solle er sich selbst als Werkzeug, als Toten ohne eigenen Willen begreifen, als das perfekte Werkzeug, geführt von seinem Oberen („Wenn du etwas siehst und es ist schwarz, aber dein Oberer sagt dir, es ist weiß, dann sei es dir weiß!“). Mit weiteren Mitteln wie der „Mental-Restriktion“ (ich darf als Christ nicht lügen, aber wenn ich gewisse Dinge ausblende und weglasse oder einen Satz, den ich sage, abbreche und nur in Gedanken vervollständige, dann lüge ich nicht!) dreht sich einem als halbwegs normaler Mensch der Magen um. Solche Formen der Niedertracht sind alles andere als neu. Die meisten Leute haben damals nicht verstanden, womit sie es zu tun hatten und die meisten verstehen heute wieder nicht, was da passiert. Es mag einigen alarmistisch vorkommen, aber ich wende mich aus guten Gründen gegen solche verstandesverbiegenden Tendenzen. Denn wer sich einmal damit befaßt hat, wie viele Sekten funktionieren, der wird erschrecken, wie viel von den ausgeklügelten Mechanismen wir heute in Ansätzen oder leicht verändert in der Gesamtgesellschaft wirksam vorfinden...

    7. Aus meiner Sicht gibt es ein Spektrum hinsichtlich der Haltung zu diesem Thema, und ja, der einfachheit halber würde ich es eindimensional zeichnen - wobei es dann viele Personen gibt, die auf dieser Achse gar nicht vertreten sind (also weder selbst rassistische Positionen in welcher Abstufung auch immer vertreten, noch die Sprache umkrempeln wollen, damit solche Dinge vermeintlich verschwänden).

    Zur Frage, ob ich mich als Extremist sehe: Nein. Dieses Wort ist ebenfalls schwierig; Wahrheit und Lüge/Irrtum wären auf den ersten Blick zwei Extrempunkte, womit man einen strikten Wahrheitssucher als Extremisten verstehen müßte. Hier zeigt sich aber das Problem, wenn man nach der Spannweite dazwischen fragt. Was ist diese? „Teilwahrheit“? Dieser Pleonasmus bringt uns nicht weiter, da eine mit Lüge/Irrtum vermengte Wahrheit nicht länger Wahrheit sein kann. Wir haben also einen reinen Dualismus, zwei ausschließliche Punkte ohne Raum dazwischen. Damit würde ich auch nicht mehr von Extrempunkten sprechen wollen, da sie ja nicht mehr „zu äußerst“ sind, sondern einzig.

    Hier hilft aus meiner Sicht, wenn man ein häufig gleichbedeutend verwendetes Wort hinzuzieht: „Radikal“. Dieses läßt sich, wenn man möchte, als „verwurzelt“ übersetzen und trifft die Sache durch das Wurzelbild eigentlich ganz schön. Ein Mensch mit „radikalen“ Positionen ist nicht oberflächlich mit einer Sache befaßt gewesen, sondern tiefer eingedrungen. Ich würde daher sagen, daß ein „Extremist“ ein Mensch ist, der „bis zum Äußersten“ gehen würde, also im Zweifel zum Gewehr greift. Der Extremist ist wahrscheinlich ein Radikaler, muß es aber nicht. Hingegen gibt es nicht wenige Radikale, die nicht extremistisch sind.

    8. Mir „wir“ meine ich zumeist die Gesellschaft, als deren Teil ich mich sehe. Das von mir angesprochene Neusprech entsteht, wenn politische Leitlinien zum Sprachgebrauch aufgestellt werden. Man mag es erstmal kaum glauben, aber bei der letzten Rechtschreibreform spielten tatsächlich Erwägungen eine Rolle, nach denen die alten Regeln „Herrschaftsinstrument“ bestimmter Gruppen gewesen seien. Wenn man sich damit ein wenig beschäftigt, fällt man aber ganz schnell ins Bodenlose.

    Wenn man sich Mechanismen wie z.B. das „Unwort des Jahres“ ansieht, dann liegt es nicht fern, daß diese genutzt werden, um Debatten in unangenehme Richtungen zu ersticken oder zumindest zu erschweren. Das als ein Beispiel der Sprachlenkung ohne direkte Tabuisierung. Man kann solche Worte schon weiterhin benutzen - aber wer ein Unwort gebraucht, der ist doch nicht ernstzunehmen, oder?

    Ich behaupte jetzt mal rotzfrech: Es gibt in der Bundesrepublik gar keinen öffentlichen Diskurs darüber, wo wir als Gesellschaft hinwollen. Das entscheiden vermeinliche oder tastächliche Eliten. Die Menschen auf der Straße gefragt, ob Deutschland Soldaten am Hindukusch haben sollte? Sie wären längst wieder zuhause. Die Frage, ob Deutschland Atomwaffen haben sollte (!) können wirklich nur Politiker und Journalisten stellen, dafür gäbe es in der Bevölkerung höchstens einen minimalen Rückhalt. Und wirklich geklärt ist hier auch noch nichts. Klar, als Privilegierter läßt es sich aushalten. Aber es leben noch immer Menschen aus dem einen oder anderen Grund auf der Straße. Es müssen ältere Damen aus ihrem Haus ausziehen, weil sie es mit ihrer Rente nur so eben halten können und kein Geld haben, im Winter die Gehwegräumung zu veranlassen. Kinder alleinerziehender Eltern stehen, was die gesellschaftliche Teilhabe angeht, mitunter weit abseits. Die Rate der Alphabetisierung geht zurück... Wir haben als Gesellschaft eine ganze Menge Probleme, die nicht davon verschwinden, daß es „uns so gut geht, wie noch nie“ und daß wir an der Sprache herumdeuteln. Da müßte mehr passieren... Die Umbenennung der Mohrenstraße ist mir dabei relativ wurst, auch wenn ich nochmal betonen würde, daß wir, wenn solche Kinkerlitzchen auf die Tagesordnung kommen, ja wohl keine wirklich wichtigen Probleme haben. Wie schön!

    9. Doch, ich behaupte, daß es zur Schärfung beiträgt, wenn ich bewußt auf eine Bedeutung von Diskriminierung hinweise, welche für viele Leute aus dem Blick geraten zu sein scheint und welche überdies die ursprüngliche ist. Wie es vernebelnd wirken kann, wenn man sich bemüht, genau diesen wegzupusten, verstehe ich zugegebenermaßen nicht.

    Den Vorwurf des Strohmann-Argumentes möchte ich so auch nicht stehenlassen. Es ist richtig, daß niemand hier etwas anderes behauptet hat. Meine Aussage zielte auch nicht auf eine hier geäußerte Behauptung ab, sondern sollte anreißen, aus welcher Richtung ich eine Verbesserung erwarte, bzw. was ich als Voraussetzung dafür sehe. Dazu habe ich erwähnt, wie nutzlos dafür der von mir kritisierte Ansatz wäre. Das sollte zulässig sein.

    Wer mich zwingt, umgedeutete Wörter zu verwenden? Niemand, denn ich tue es nicht. Es gibt aber Menschen, die mich dazu nötigen wollen. Auch Sie legen es mir z.B. mit Verweis auf den Duden nahe. Das ist aber im Falle Diskriminierung gar nicht der Punkt. Mir geht es darum, daß hier ein Wort, das etwas Gutes, Nützliches und sehr Wesentliches beschreibt, umgedeutet wird - nicht etwa in etwas anderes Gutes, in etwas Neutrales oder in etwas Schlechtes, sondern gar in etwas Strafbewährtes. Es gab mal vor über einem Jahrzehnt, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, sogar ein im Netz verkündetes „Diskriminierungsgebot“. Als ich darauf stieß, freute ich mich und dachte „Mensch, die haben es genau begriffen“. Ich gestehe, daß dies aber vermutlich nicht nur nicht hilfreich war, sondern (so irgendjemand die einflußlose Truppe überhaupt wahrgenommen hat) eher geschadet haben wird. Denn es handelte sich dabei um das „Deutsche Kolleg”, damals mit Oberlärcher und Mahler... Aber man kann sich seine „Freunde“ nicht immer aussuchen.

    10. International ist die Frage nach Namen nochmal deutlich schwieriger. Es gibt ein Auto mit dem vermeintlichen Kunstwort „Pajero“. Daß man damit ins Klo gegriffen hatte, wurde den Verantwortlichen erst bewußt, als die Statistik zeigte, daß es sich ganz ordentlich verkaufte - außer in Spanien. Denn dort wollte kaum jemand den „Mitsubishi Wichser” fahren... Auto für diesen Markt umbenannt - und gut.

    Tatsächlich gibt es viele solcher Fälle. Um wieder ins Deutsche zu finden: Ich würde „a Fotz'n“ eher als Maulschelle wiedergeben, da die Fotze eigentlich den Mund bezeichnet(e). Aber ja, es sind viele soche Dinge, die „problematisch“ werden - einfach aus Unkenntnis. Der Nachname „Ficker“ wird von vielen als anstößig wahrgenommen, „Schwertfeger“ hingegen nicht. Dabei ist ursprünglich beides das Gleiche - Ficken ist das Ausführen einer stoßartigen Bewegung, was der Ficker/Schwertfeger teilweise tat, indem er neue Klingen drehte und in den Sand stieß, um sie zu reinigen. Als Kind hätte ich mir den Mund auswaschen dürfen, wenn ich „solche Wörter“ gesagt hätte. Heute weiß ich, daß sie als solche wenig problematisch sind und ihnen nur eine andere Bedeutung beigelegt wurde, die eben als zweifelhaft gilt.

    Mir ist es tatsächlich auch selbst schon passiert, daß mir ein Probleleser eines Textes die Empfehlung gab, ich solle die Zeile „Seine Sorgen waren wie weggeblasen“ am besten ändern. Zugegebenermaßen dauerte es eine ganze, stirnrunzelnde Weile, bis mir der Grund dämmerte. In einer Fantasy- (!) Geschichte sah ich schlicht und einfach nicht den Kontext gegeben, um mir darum irgendwie Gedanken zu machen. Schließlich schreibe ich keine Erotica, und zwischen Orks und Zwergen - dachte ich - denkt man an andere Dinge. Aber nun ja, der Mensch ist ja lernfähig und die Formulierung nicht in Sein gemeißelt.

    Insofern kann ich mir schon vorstellen, daß es tatsächlich Menschen gibt, die GIMP sehen und Schlechtes vor Augen haben. Ich behaupte aber, daß ist zum größeren Teil deren schlechtes Denken und nicht die Böswilligkeit der Entwickler freier Software. Entsprechend müßten sie etwas in ihrem Kopf ändern, nicht der Rest der Welt den Programmnamen.

    Ich wünsche einen schönen Freitag!

    (Die Editierung ist unwesentlich - ich habe nur einen Buchstaben geändert, da mir zufällig beim Zurückwechseln des Fensters ein Vertipper ins Auge stach.)

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