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Thema: Google gibt Chrome 80 frei

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Von klopskind am Mi, 5. Februar 2020 um 17:12 #

[...]. Dafür braucht es aber eine gewisse Wachheit.
Bis dorthin stimme ich Ihnen zu. Neben einer Wachheit braucht er allerdings auch die nötige Transparenz.

Die heutigen marktwirtschaftlichen Prinzipien, welche in ihren wesentlichsten Zügen auf den Theorien von Adam Smith beruhen, enthalten zwei Annahmen, die in ökonimischen Diskussionen häufig unterschlagen werden.
Da wäre erstens die Logistik, welche man natürlich selbst als Produkt/Ware werten könnte, was sich oftmals aufgrund der global unterschiedlichen Lohnniveaus aber nicht effektiv im Preis ggü. regionalen Produkten widerspiegelt.
Und an zweiter Stelle steht die stillschweigende Annahme über die Vernunft und Rationalität der Marktteilnehmer, also insbesondere der Konsumenten. Diese ist nämlich unerlässlich dafür, dass das Konzept der unsichtbaren Hand des Marktes selbstregulierend zum Vorteil aller Marktteilnehmer greift. Denn wenn die Konsumenten eine signifikante Zahl irrationale Kaufentscheidungen ausüben würden, könnte das "schlechtere" Produkt und somit der "schlechtere" Marktkonkurrent gewinnen.

Das ist aber nur ein Aspekt dieser Annahme. Eine Unterannahme ist, dass allen Marktteilnehmern prinzipiell die selben Informationen zur Verfügung stünden, insbesondere aber die Produktinformationen. Deswegen gibt es ja auch Behörden, die sich mit der Verfolgung von Insiderhandel beschäftigen.
Wenn nun aber die Produkte immer komplexer werden, die Produktionsketten immer länger und gleichzeitig fast nur noch Imagewerbung statt direkter Produktwerbung betrieben wird, sind für die allermeisten Marktteilnehmer nicht hinreichend Information verfügbar, um rationale Kaufentscheidungen zu fällen.

Die Interna eines iPhones und der Software werden höchstens anhand einer kleiner Zahl teils unwesentlicher Kenndaten bekannt gegeben. Ein wesentlicher Teil der nötigen Informationen ist breit gestreut und in Unterstützungsgarantien, Nutzungslizenzverträgen, Datenschutzvereinbarungen, ToS und in Quelltexten proprietärer Software verankert, die sich zudem noch nach einem Kauf relativ beliebig ändern können und teils auch tun. Damit wird nicht geworben. Es wird auch nicht damit geworben, unter welchen Bedingungen die Produkte teils gefertigt werden. Apple hat hier (nach großer Kritik) die Möglichkeit gesehen, ggü. der Konkurrenz davonzuziehen. Das ist größtenteils aber auch nur PR. Einige Fabrikarbeiter arbeiten nun unter attraktiveren Bedingungen, sodass diese sich nicht mehr umbringen müssen. Aber was ist bitteschön mit den Minenarbeitern für die seltenen Erden etc.?
Da ist ein Fairphone schon eine andere Hausnummer, aber letztlich auch ein Blendung von Konsumenten der ersten Welt zum Wohlfühlen. Unabhängig davon läuft darauf die selbe zugenagelte Software Googles. Immerhin lässt der Hersteller das rooten zu. Aber will das der Verbraucher? Eigentlich nicht, das ist in der Regel nur eine gefrickelte Krücke, um die schon per Entwurf vorgesehenen Produktmängel Inkaufnahme anderer Nachteile irgendwie zum umschiffen.

Ein Adam Smith hat diese Dinge im Veröffentlichungsjahr 1776 seines "Der Wohlstand der Nationen" vermutlich nicht aus dieser Sicht betrachtet. Waren und Produkte waren zu dieser Zeit des vorherrschenden Merkantilismus zu großen Teilen regional. Die globale Logistik per Schifffahrt, auf welchem der damalige Kolonialismus und Imperialismus fußte, war hatte sich etabliert und war bereits nicht mehr wegzudenken. Da wurden aber primär Rohstoffe zur Weiterverarbeitung zur Schaffung von Produkten mit Mehrwert verschifft, wie für den Merkantilismus wichtig. In jedem Fall waren die Produktionsketten wesentlich kürzer im Sinne der Anzahl an Arbeitsstätten und -schritten (nicht zeitlich) und die Produkte zum allergrößten Teil aus technischer Sicht wesentlich simpler.
Das heißt, rationale Entscheidung waren für Marktteilnehmer tatsächlich möglich, da die nötige Transparenz einer Informationsgrundlage gegeben oder offensichtlich war. Ob das heute noch der Fall ist, bleibt mMn fraglich.

Was ich sagen möchte, ist, dass ein "Wachheit" nicht hinreichend ist. Wer soll heutzutage die Produkte bis ins letzte Detail studieren, um eine Entscheidung zu Fällen? Und können Langzeittests heutzutage überhaupt noch sinnvoll durchgeführt werden? Welches Produkt hält überhaupt noch so lang und welche Produktserien werden überhaupt noch länger ohne interne Veränderungen gefertigt und verkauft? Die schiere Anzahl an ähnlichen Produktmodellen, welche sich teilweise nur in unerkennbaren Nuancen unterscheiden, mit denen der Markt geschwemmt wird, trägt auch nicht zur Transparenz bei. Sind Produkte denn überhaupt noch sinnvoll testbar, d.h. mit guter Aussagekraft? Ist Stiftung Warentest zu trauen? Autobatterien, Autoreifen oder Haushaltsgeräte wie etwa Weißware sind laut Expertenaussagen quasi nicht mehr testbar. Man kann dem Qualitätsversprechen einer Marke als Konsument nicht mehr trauen. Das sind teilweise die selben Produkte nur umgelabelt (Marke vs Offbrand). Weißware hält gar nicht mehr lang genug, um sichere Empfehlungen auf langjährigen Erfahrungswerten aussprechen zu können. Wird die Marke in der Zwischenzeit aufgekauft oder fusioniert, wird neu gewürfelt. Prinzipiell kann man davon ausgehen, dass die Qualität danach sinkt. Bei Produkten von alten Familienunternehmen wie etwa Miele geht das teilweise schon besser. Die wissen auch nach 20 Jahren noch, was sie damals gebaut haben/hatten und produzieren/lagern die Ersatzteile entsprechend lange.

Ergo: Es braucht mehr Transparenz im Sinne einer soliden Grundlage für Kaufentscheidungen und weniger Käuferverwirrung. Verbraucherschutz wirkt derzeit wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Markt ist zu mächtig. Folglich sind auch die Produzenten, Anbieter und Unternehmen in der Pflicht hier hinreichende Grundlagen zu schaffen, damit die stillen Annahmen eines Adam Smith überhaupt erst erfüllt sein können. Denn erst dann kann die Theorie tatsächlich funktionieren. Ob sie es dann auch tut, ist eine andere Frage.
Damit bleibt es aus meiner Sicht eine gesellschaftliche und vor Allem politische Aufgabe, um hier signifikante Fortschritte zu erzielen. Keiner möchte die Welt in Grund und Boden regulieren. Aber ich glaube, dass es proaktive Regeln gibt, die gesellschaftlich unerwünschte Auswüchse unserer bisherigen Systeme eindämmen und vorbeugen.

Noam Chomsky hat sicherlich besser als ich und viele andere schon mehrfach über den freien Markt, Werbung bzw. die Werbebranche, informierte Konsumenten und das Zusammenspiel von Unternehmen und Staat, sowie Gesellschaft und Politik betrachtet, und kommt zu ähnlichen Schlüssen.

Die hat er aber nicht (mehr?!), und wird sie auf absehbare Zeit nicht wiedererlangen.
Diese Aussage ist mMn diskussionswürdig. Ich glaube viel eher daran, dass die nötigen Grundlagen fehlen, als Marktteilnehmer - aber insbesondere als Verbraucher - rationale (Kauf-)Entscheidungen zu fällen, als an der (allgemeinen) "Wachheit" der Menschen. Vielleicht liegt es auch an beidem. Aber ohne Grundlagen nützt auch die "Wachheit" nichts (siehe oben), außer natürlich es ist die "Wachheit" ggü. der derzeit nicht hinreichenden Grundlagen.

Und natürlich steuern diese Zombies, welche Angebote überhaupt gemacht werden, und welche nicht.
Das sind sehr dynamisch gekoppelte Prozesse die hier ablaufen. Im Idealfall bestimmt die Nachfrage das Angebot, ja. Da geht es aber eher um das Marktvolumen, nicht um die Art des Produkts. Nicht jedes Produkt, was nachgefragt wird, kann überhaupt gefertigt werden, rein physikalisch oder ökonomisch gesehen. Die Verbraucher beeinflussen das Angebot indirekt. Die Kontrolle haben die Fertiger und Produzenten. Die haben letztlich den längeren Hebel, spätestens wenn sie stark zentralisiert sind, sprich Oligopole oder Kartelle bilden.

Und wenn der lokale Elektronikmarkt oder Lebensmittelmarkt nicht die Sorte von Produkt anbietet, die ich gerne kaufen würde, weil ich unter den Verbrauchern einer Minderheit angehöre, die nicht einmal unbedingt unsignifikant sein muss, wird die Nachfrage gar nicht erst erfasst. Also auch der Handel trägt hier eine Verantwortung. Gerade Lebensmittelmärkte sind in der BRD stark zentralisiert und hat massiven Einfluss auf die Produktion der verkauften Waren, d.h. bei den Bauern. Die Elektronikmärkte haben Exklusivverträge, wie es hierzulande etwa jahrelang mit Intel getrieben wurde.

Die Verantwortung (oder "Schuld") liegt also verteilt. Das nur einer gewissen Verbraucherschaft zuzuschieben, halte ich für zu einfach.
Wir können gern darüber streiten, wie die Verantwortung verteilt sein mag. Von unnötigen Begriffen wie Zombies würde ich an dieser Stelle allerdings bitten abzusehen.

Wem das nicht passt, muss sich Ausweichstrategien überlegen. Was immer das ist, hängt sehr vom Fall ab.
Das Leben ist schön. Niemand hat gesagt, dass es einfach wäre. Man hat auch immer die Option, bei einem Großteil des Krams gar nicht erst mitzumachen. Not macht erfinderisch und ich mag die Kreativität des Erfindergeistes, insbesondere wenn es um Erfindungen abseits großer Absatzvolumen geht.

Ich bin mal _sehr_ gespannt, wie viele Pointlessreleases Mozilla jetzt noch abwartet, bis sie "aus Gründen" nachziehen.
Abwarten und Teetrinken. Irgendetwas machen die ja immer. Geht ja primär um das Image, nicht ums Produkt (siehe oben). Aber wenn es dann soweit ist, können Sie ja sagen: "Ich hab's doch gesagt." :)
Aber aufpassen, dass es sich technisch wirklich um das Gleiche handelt.

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    Von Josef Hahn xh am Do, 6. Februar 2020 um 00:32 #

    >> Dafür braucht es aber eine gewisse Wachheit.
    > Bis dorthin stimme ich Ihnen zu.

    Das ist schonmal ein entscheidender Teil meiner Aussage. Und dein Wissen über Volkswirtschaftslehre ist beeindruckend - ich hätte mich bestenfalls an ein paar Namen erinnert, und eben an die Aussage, dass der Konsument bei dem Spiel durchaus auch "Pflichten" hat. Und alles was du sagst, über Transparenz, über "Wohlfühl-Angebote" für den Westen, über die komplizierter gewordene Welt, Vetrauenswürdigkeit von Stiftung Warentest/ADAC/whatever, usw, spricht mir aus der Seele, trotz meiner Ahnungslosigkeit auf dem Gebiet. Was ich mich aber frage: Hat der Konsument dennoch - zu einem etwas früheren Zeitpunkt - verpasst, irgendeine Entscheidung zu treffen, die ihm durchaus zumutbar gewesen wäre, die das verhindert hätte? Er hat's nicht verhindert, und der Mensch ist wie er ist, soviel ist klar. Meine Annahme falsifiziert sich dadurch von selbst. Aber: Warum? Was ist genau schiefgelaufen? Hätte es so laufen müssen? Was war genau die Fehlannahme der Ökonomen wie Smith? Hat der Konsument, der ja auch Wähler ist, seine Fehlentscheidungen auf dem Stimmzettel getroffen? Wie können wir das heute fixen?

    >> Die hat er aber nicht (mehr?!), und wird sie auf absehbare Zeit nicht wiedererlangen.
    > Diese Aussage ist mMn diskussionswürdig.

    Diskussionswürdig ist immer alles, aber unsere beiden Sichten liegen eig. recht nah beieinander. Unsere gemeinsame Frage ist dann: Wo ist dem Konsumenten seine Fähigkeit abhanden gekommen, den Markt auf diese Weise zu steuern? Ich glaube auch nicht, dass die Leute biologisch heute mit weniger Hirn zur Welt kommen. Es hat selbstverständlich etwas mit Wissen zu tun, mit den Grundlagen, und mit der Komplexität. Aber wo war der Punkt, wo er sich hat abhängen lassen, und durch welchen Mechanismus? Hat er das zu einem früheren Zeitpunkt selbst verschuldet? Naja, meine Fragen von oben wiederholen sich hier inhaltlich...

    > Die Verbraucher beeinflussen das Angebot indirekt. Die Kontrolle haben die Fertiger und Produzenten. Die haben letztlich den längeren Hebel, spätestens wenn sie stark zentralisiert sind, sprich Oligopole oder Kartelle bilden. [...] Gerade Lebensmittelmärkte sind in der BRD stark zentralisiert [...].

    Wenn der Konsument sich aber einmal in diese Situation hat drängen lassen, hat er doch nach Smith irgendwo versagt, oder? Ob wir das jetzt Zombie nennen wollen oder nicht, nunja, da sind wir wieder an einer Nebensächlichkeit, über die wir uns ja nicht einig sein müssen...

    > Man hat auch immer die Option, bei einem Großteil des Krams gar nicht erst mitzumachen.

    Das ist ja klar; ärgerlich wird es imho dann, wenn bestimmte (Ersatz-)Angebote garnicht mehr gemacht werden - darüber waren wir uns ja scheinbar einig. Ich kann die Menschen um mich herum nicht ändern, und muss es hinnehmen. Aber ich muss es ja nicht toll finden.

    >> Ich bin mal _sehr_ gespannt, wie viele Pointlessreleases Mozilla jetzt noch abwartet, bis sie "aus Gründen" nachziehen.
    > Aber wenn es dann soweit ist, können Sie ja sagen: "Ich hab's doch gesagt." :)

    Hm, ich weiß schon, was du meinst, aber daran kann ich nichts ändern. Ich habe erschreckend oft das Gefühl, mit solchen bösen Vorahnungen am Ende richtig gelegen zu haben (es muss nicht immer in der Folgewoche geschehen), und ich bin durchaus selbstkritisch genug, auch den Gegenfall zu erkennen, den es auch durchaus schonmal gibt. Das musst du mir nicht abkaufen; das wäre vermessen. Wir werden sehen, was kommt; nur die Zeit wird es zeigen. Ob es sich dann "technisch wirklich um das Gleiche handelt" wäre mir hingegen einerlei, wenn es auf ein ähnliches Resultat hinausläuft.

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