Login
Newsletter
Werbung

Thema: »Windows Subsystem for Linux 2« unterstützt GUI-Anwendungen

109 Kommentar(e) || Alle anzeigen ||  RSS || Kommentieren
Kommentare von Lesern spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.
0
Von kraileth am Mi, 20. Mai 2020 um 11:12 #

Diese ganze Entwicklung folgt einer „imperialen Logik“, die man nicht nur bei Staaten vorfindet, sondern die sich auch auf Konzerne übertragen läßt. Wenn die eigenen Kräfte schwinden - sei es, weil man Fehlentscheidungen getroffen hat, weil unerwartete andere Mächte auftreten oder einfach, weil man ein paar mal zu oft Pech hatte -, dann muß man auf Hilfsvölker zurückgreifen, um den eigenen Status zu erhalten.

Schon zu Zeiten, als es für Microsoft so aussah, als könne es immer nur steil nach oben gehen, sind interessante strategische Fehler passiert. Z.B. hat Microsoft sich hinsichtlich Netzwerken verschätzt und mußte relativ schnell den Kurs korrigieren, um den neuen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. Da war es gut, daß ein permissiv lizenzierter TCP/IP-Stack zur Verfügung stand, auf dem man aufbauen konnte. Hätte man den von der Pike ab selbst entwickeln müssen - wer kann schon sagen, was dann passiert wäre...

Seitdem hat sich die Welt aber ordentlich weitergedreht und häufig nicht in die von Microsoft gewünschte oder erwartete Richtung. Sie sind mit Windows Phone trotz anerkennenswerter Kampfeslust krachend gescheitert, weil sie zu spät am Start waren. Auf dem Server spielen sie eine untergeordnete Rolle - und auch das nur, weil Windows-Admins eben da sind und es bestehende Infrastruktur in den Firmen gibt. Auf Supercomputern und modern angelegten Großprojekten mußten sie das Feld räumen (wer würde schon Azure nachbauen und dafür Windows-Lizenzen kaufen, wenn er mit OpenSource-Betriebssystemen das gleiche um Welten günstiger aufbauen kann, volle Einsicht in den Quellcode hat und diesen weiterentwickeln kann, bessere Stabilität und Planungssicherheit hat, usw., usf.?).

Die letzte Bastion ist der Desktop-Rechner - und der verschwindet vielleicht nicht komplett in der Bedeutungslosigkeit, hat aber ohne Zweifel längst nicht mehr das Gewicht von einst. Microsoft hat den Kampf gegen OpenSource verloren, Linux & Co. haben sich so fest etabliert, daß es vollkommen illusorisch ist, zu denken, man könne das irgendwie mit Stumpf und Stiel wieder ausreißen. Entsprechend bleibt Microsoft nichts anderes übrig, als um Frieden zu bitten und das Ganze so darzustellen, als würde man eigentlich gerne schon immer Freundschaft geschlossen haben.

Dazu kommt, daß Microsoft technisch extrem ins Hintertreffen geraten ist. WindowsNT sah zu seiner Zeit so aus, als könne MS damit alle Konkurrenten wegfegen und hätte die Zukunftstechnologie überhaupt in Händen. Allein der Schein trog. Der NT-Kernel war bestimmt gut, aber das gesamte Grundgerüst von Windows war viel schwächer als gedacht. Mein Lieblingsbeispiel ist der Fluch der „Laufwerksbuchstaben“ - als man das Konzept damals von CP/M für MS-DOS geklau... entliehen hat, war natürlich noch nicht abzusehen, wie sich das Thema Datenspeicher mal weiterentwickeln würde. Wen hätte wissen können, daß A: - Z: nicht ausreichen würden? Heute ist das eine problematische Begrenzung. Dazu kommt, daß MS selbst kein auch nur annähernd zeitgemäßes Dateisystem hat. NTFS erscheint bereits ziemlich antik, das angekündigte WinFS kam nie, ReFS ist wenig hilfreich (und zurecht bedeutungslos), ...

Da MS nicht die Kraft hat, den unerbitterlichen Kampf um die Dominanz fortzusetzen, versucht man nun natürlich, den langfristig absehbaren Sieger einzuspannen, solange man selbst noch relativ gut dasteht. Gleichzeitig spart man damit Kosten, hat eine gewisse Aussicht darauf, daß vielleicht das eine oder andere „verirrte Schäfchen“ zurückkommt und kann den notwendigen Umbau des eigenen Ökosystems weiter umbauen. Das klassische Windows-Modell hat sich auch innerhalb des Konzerns überlebt und die Umstrukturierungen lassen das ja auch glasklar erkennen.

Daß man nun schon teilweise auf den Linux-Kernel setzt, ist der nächste radikale aber nachvollziehbare Schritt hin zu einem moderneren System. Ich werde gewiß nichts Gutes über Windows 10 sagen oder gar dessen Einsatz empfehlen, aber strategisch hat MS damit vieles absolut richtig gemacht, das muß man anerkennen. Man wird sehen, wie es weitergeht.

Betrachtet man die ganze Szenerie mit genügend Abstand, fallen insbesondere innerhalb der letzten zwei Jahre Entwicklungen auf, die andeuten, daß auch Linux seine besten Tage bereits hinter sich hat. Wen die Götter vernichten wollen, den strafen sie mit Blindheit. Die Arroganz einiger maßgeblicher Personen ist schon beachtlich, krasse Fehlentscheidungen wie bezüglich ZFS und allgemein der Öffnung für eine massive Kommerzialisierung sind mehr als Ungesund. In jedem Fall: Spannende Zeiten. Vielleicht erlauben diese Verwerfung den Aufsieg eines unerwarteten Dritten. Ich wäre dabei.

Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert. Zuletzt am 20. Mai 2020 um 11:15.
Pro-Linux
Pro-Linux @Facebook
Neue Nachrichten
Werbung