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Thema: Welche ist Ihre Desktop-Standardsprache?

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Von msi am So, 21. Juli 2019 um 14:11 #

Warum es aber Quark sei, wenn ich die Praxis des Wasser-Predigens-und-Wein-Trinkens aufgreife, erschließt sich mir ganz und gar nicht. Warum sollte es legitim sein, daß ich mit einem bequemen Lebenswandel das fördere, was ich kritisiere? Bin ich wirklich schon dadurch ein guter Mensch, daß ich so tue?

Das grundlegende Problem mit solchen Argumentationen ist, dass in ihnen von Einzelnen, die Kritik an einem gesellschaftlichen Verhältnis äußern, dem sie selbst einigermaßen ohnmächtig gegenüberstehen, sozusagen gefordert wird, sie sollten erst einmal selbst vorleben, wie es anders geht – ganz nach Mahatma Gandhis Mantra: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Da wird so getan, als seien die Einzelnen je unmittelbar Schuld am Weltzustand. Die ziemlich unübersichtliche Vermittlung all ihrer Handlungen und Beziehungen durch ein globales soziales Verhältnis, in dem sich keinerlei übergreifende Vernunft geltend macht und das Forderungen nach einer vernünftigen Einrichtung der Welt permanent Hohn spricht, wird einfach übergangen.

Wenn nun die jungen Leute, statt bei „Fridays for Future“ mitzulaufen und Forderungen zu stellen, ihre smarten Phones in die Tonne hauen und sich mit Hacke und Spaten an die Gartenarbeit machen würden, kämen dabei möglicherweise ein paar nette Stunden an der frischen Luft mit angenehmen Gesprächen und einem Resultat, an dem man sich freuen kann, heraus. Schön und gut. Was aber ändert das daran, auf welcher Grundlage die Exportnation Deutschland ihr Wirtschafts- und Staatswesen betreibt? Was ändert es an der weltweit stattfindenden Kapitalakkumulation mit all ihren ungeheuer zerstörerischen Begleiterscheinungen? Richtig: Nichts. Und wer sich einbildet, mit Hacke und Spaten im eigenen Garten daran zu rütteln, und das auch anderen als Rezept ausstellt, betreibt reaktionäre Kleingärtnerei.

Das Problem ist, dass die natürlichen Lebensgrundlagen von einer Produktionsweise, die ihrem Wesen nach maßlos ist, rapide zerstört werden, und nicht, dass die Leute zum Urlaub ins Ausland fahren. Wo die allermeisten Menschen durchs gesellschaftliche Verhältnis schon um ein selbstbestimmtes Leben betrogen sind (ihre Lebenszeit gehört ihnen nicht), noch Verzichtsethik als Ideologie eines besseren Lebens draufzupacken, ist schlichtweg grotesk und geht komplett am Gegenstand vorbei.

Kurzum und im Bild geblieben: Wenn nur Wein da ist, kann man, so energisch man es auch vorher gepredigt haben mag, kein Wasser saufen. Davon bleibt im Übrigen sicherlich auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Predigten nicht unberührt.

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert. Zuletzt am 21. Jul 2019 um 16:09.
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    Von kraileth am So, 21. Juli 2019 um 19:18 #

    Wir reden - bzw. schreiben - aneinander vorbei, glaube ich. Ich behaupte keine Alleinschuld irgendeiner Person, erstrecht keine unmittelbare. Du läßt es so klingen, als ginge es um ein Entweder-Oder, obwohl ich ein Sowohl-Als-Auch vertrete.

    Du sprichst - völlig richtig - die größeren Dinge an, woran man letztlich auch nicht vorbeikommt, da praktisch alles mit allem zusammenhängt. Der Wachstumszwang und Vermehrungswahn sind nicht länger ein langfristiges Problem, sondern haben längst ganz konkrete schlimme Auswirkungen praktisch auf jeden Einzelnen. Es müßte mithin die Systemfrage gestellt werden - und wenn es nach mir geht, sollte damit bald begonnen werden, da die Diskussion darüber ihre Zeit brauchen wird und wir derzeit Zuständen entgegensteuern, welche einen relariv gewaltlosen Übergang verunmöglichen könnten. Vermutlich liegen unsere Positionen bei diesen Themen nicht unüberbrückbar weit auseinander, man müßte nur miteinander sprechen.

    Man kann von jungen Menschen kein umfassendes Verständnis aller brennenden Fragen unserer Zeit erwarten: Vom „Framing” in den Medien über NATO-Mitgliedschaft, Aufrüstung, Rußlandfrage, Wirtschaftsform, usw. Insofern könnte man sagen: Ist doch schön, wenn sie sich wenigstens schon mal fürs Klima interessieren! Ja, könnte man. Wäre da nicht ein Haken.

    Ein anderes bekanntes Beispiel zur Veranschaulichung: Den nicht unerheblichen Haß, welcher der Flüchtlingshilfe entgegenschlägt, wurde ganz überwiegend nicht von den Menschen ausgelöst, die mit hohem eigenen Einsatz helfen, sondern von jenen, die lauthals ihre Forderungen auf die Straße trugen, „wir” sollten unbedingt mehr helfen, die aber persönlich den Teufel tun würden und mit „wir“ tatsächlich „irgendjemand, aber nicht ich!“ meinten. Wer selbst hilft hat auf jeden Fall meinen Respekt und die Gegenseite ringt mir Respekt ab, wo sie konsequent ist - etwa die identitäre AHA („Alternative Help Association”), die nicht einfach nur gegen Zuwanderung ist und fordert, den Menschen müsse in deren Heimatländern geholfen werden, sondern die tatsächlich in Syrien vor Ort hilft, um Krankenhäuser und Schulen wiederaufzubauen. Aber die Selbstgerechten „Forderer”? Wenn man nur auf die reinen Zahlen schielt und deswegen auch die Halben mitnehmen möchte, läuft man Gefahr, sich faule Eier ins Nest zu legen. Auf diese Art ist es möglich, eine an sich berechtigte Bewegung zu vergiften und irreparabel zu beschädigen. Ich frage mal rhetorisch: Willst Du das?

    Deswegen: Revolutionärer Kleingarten (denn es ist wahrlich nicht irgendwie reaktionäres daran, sich so weit aus einem kritisierten System zurückzuziehen, wie man es aus eigener Kraft kann, im Gegenteil!) UND politischer Protest. Das eine mag ohne das andere ganz überwiegend wirkungslos bleiben. Das andere aber ohne das eine ist hochgradig heuchlerisch und triefend von Doppelmoral.

    Es gibt in unserem konkreten Fall übrigens mehr als genügend „Wasser”; zu unterstellen, man würde ja quasi zum Weintrinken gezwungen, ist - mit Verlaub - ziemlich daneben. „Wasch mich aber mach mich nicht naß!” ist keine irgendwie rechtfertigbare Einstellung. Wer nicht selbst bereit ist, sich im Kleinen einzuschränken, der soll nicht die ganz große Klappe führen, weil er oder sie selbst nicht nur nichts Gutes bewirkt, sondern im Gegenteil noch viele anständige Menschen verunglimpft. Ich halte Menschen, die keine großen Ansprüche haben für anständiger, als solche, welche die Rettung des Planeten fordern und dann trotzdem im Winter Erdbeeren essen müssen. Einen gewissen Anspruch muß man aufrechterhalten, was die Menschen angeht, mit denen man sich gemeinmacht.

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      Von msi am So, 21. Juli 2019 um 21:01 #

      Der Wachstumszwang und Vermehrungswahn sind nicht länger ein langfristiges Problem, sondern haben längst ganz konkrete schlimme Auswirkungen praktisch auf jeden Einzelnen.

      Das war auch vor 100 Jahren schon so. Das Problem an den meisten Kritikern dieses Wachstumszwangs ist leider, dass sie keinen Begriff davon haben, was da zwanghaft wachsen und sich unablässig vermehren muss und sich auch um eine weitere Spezifizierung nicht kümmern. Und weil sie davon keinen Begriff haben, werden sie zu Schrumpfungs-, Verzichts- und Postwachstumsideologen, die den Leuten zureden, sie sollen ihren Urlaub im eigenen Land verbringen und ihren Flug nach New York sein lassen.

      Wer selbst hilft hat auf jeden Fall meinen Respekt und die Gegenseite ringt mir Respekt ab, wo sie konsequent ist - etwa die identitäre AHA („Alternative Help Association”), die nicht einfach nur gegen Zuwanderung ist und fordert, den Menschen müsse in deren Heimatländern geholfen werden, sondern die tatsächlich in Syrien vor Ort hilft, um Krankenhäuser und Schulen wiederaufzubauen.

      Mir ringt das keinen Respekt ab, denn diese Faschisten machen das – wenn sie da, was arg zu bezweifeln ist, überhaupt wirklich was machen – aus einem einzigen Grund: Sie wollen ihr „ethnopluralistisches“ Weltbild verwirklicht sehen, also einen transformierten Rassismus umsetzen helfen, der sagt: gerne jede „Ethnie“ wie sie will, aber bitte bei sich daheim, im artgerechten Habitat. Der Grundtenor heißt also: Menschen sind biologisch auf ein bestimmtes Sozialverhalten festgelegt und wie das aussieht, kümmert uns nicht, solange es nicht „bei uns“ stattfindet. Das ist Aufklärungsverrat par excellence.

      Solange das Regime des Schlächters Assad noch ‚gut funktioniert‘ hat, hat sich mit Sicherheit kein Identitärer um das geschert, was in diesem Land passiert. Denn die Leute, die unter diesem Regime zu leiden hatten, das u. a. von Deutschland mit Zutaten für sein Chemiewaffenprogramm beliefert wurde, strömten nicht massenhaft nach Europa. Es gab also ‚kein Problem‘.

      (denn es ist wahrlich nicht irgendwie reaktionäres daran, sich so weit aus einem kritisierten System zurückzuziehen, wie man es aus eigener Kraft kann, im Gegenteil!)

      Wenn sich Nischen finden lassen, die zumindest in einem kleineren Wirkungskreis ein etwas besseres Leben ermöglichen, soll man die nutzen, ja. Darüber sollte man aber nie den Grund dafür vergessen, dass diese Nische überhaupt attraktiv ist.

      Zudem hätte eine einigermaßen durchgeführte Kritik dieser Gesellschaft immer auch den eben keineswegs individuell aufzulösenden Widerspruch anzuerkennen, dass das, was da als „System“ vorgestellt wird, neben all der Kaputtmacherei auch Errungenschaften vorzuweisen hat, auf die zu verzichten vollkommen idiotisch und ggf. lebensgefährlich wäre.

      Wer nicht selbst bereit ist, sich im Kleinen einzuschränken, der soll nicht die ganz große Klappe führen, weil er oder sie selbst nicht nur nichts Gutes bewirkt, sondern im Gegenteil noch viele anständige Menschen verunglimpft.

      Die meisten Menschen werden schon jeden Tag von vorne bis hinten und oben bis unten in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt, und zwar durch eine Produktionsweise, die alles aus einem vollkommen sinnlosen Grund unaufhörlich in sich hineinfrisst und als Müll wieder ausspuckt und eine politische Struktur, die diese prozessierende Katastrophe im Allgemeinen konformistisch reguliert.

      Vernünftig sind Leute, die die Klappe genau deswegen aufmachen, weil sie sich mit dieser Einschränkung nicht abfinden wollen, sondern sich eine Gesellschaft wünschen, in der sich jeder nach seinen Fähigkeiten entwickeln kann und jedem nach seinem Bedürfnis gegeben wird.

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        Von kraileth am Mo, 22. Juli 2019 um 00:00 #

        Deinen Einstieg finde ich noch durchaus interessant. Um einmal anzunehmen, daß Du den Durchblick hast, der so ziemlich allen anderen fehlt (was immerhin als Möglichkeit nicht auszuschließen ist) und nicht einfach überheblich auftrittst: Du verweist auf einen Kernpunkt, den Du dann vollständig im Nebel läßt. Warum? Ist Dir der Hauch des Besonderen, der dem Besitz von behauptetem Geheimwissen innewohnt, irgendwie nützlich (außer um Kleingeister zu beeindrucken)? Konstruktives Handeln in einem Dialog wie dem unseren sieht anders aus. So wie die Dinge gerade stehen, kann ich ad rem nichts erwidern und kann mithin nur daran erinnern, daß zumindest eine gewisse Grundbescheidenheit und Reflektiertheit auch der eigenen Sache zuträglich ist, da man sich ansonsten allzuleicht verrennt. Es ist nämlich nicht ganz unwahrscheinlich, daß Du die Erwägungen, die zu den von Dir verworfenen Positionen geführt haben, entweder gar nicht kennst oder aber Vorbildung oder Auffassungsgabe bei Dir nicht in ausreichendem Maße vorhanden waren, um die Schlußfolgerungen, welche zu derlei Einsichten führen, nachvollziehen zu kommen. Daher: Butter bei die Fische!

        Dem nächsten Absatz muß ich energisch widersprechen. Zum ersten gebrauchst Du einen völlig deformierten Faschismusbegriff und beteiligst Dich somit an der gefährlichen Glattschleifung desselben, bis er eines Tages auf wirklich alles „paßt”. Die Identitären sind viel, aber keine Faschisten. Es mag ja sein, daß der eine oder andere Evola wieder ausgegraben hat; aber das ist neurechter Chick einer nach eigenem Selbstverständnis geistigen Elite - Pluspunkte gibt's wahrscheinlich, wenn man die Werke im italienitschen Original gelesen hat. Es gibt sicher Schnittpunkte zwischen deren Ideen und den faschistischen. Vor allem aber sind die von ihnen Methoden nicht unbedingt als faschistisch anzusprechen - erheblich weniger zumindest als z.B. jene der Antifa.

        Das, was Du geißelst, ist, wenn man es sich näher anschaut, nicht so dumm, daß man es sofort verwerfen könnte. Man hat sich auf der Rechten durchaus auch seine Gedanken gemacht und nicht wenig davon läßt sich durchaus begründet vertreten - wenn man anderen Ansichten aufgeschlossen gegenübertritt, natürlich. Wer bereits seine Rettung in der einen oder anderen Orthodoxie gefunden hat, muß natürlich blind bleiben für alles, was außerhalb seines gewählten Gedankensystems steht. Diese Menschen verlegen sich dann meist auf eine agressive Ablehnung und Herabsetzung der anderen (gerne als „Faschisten“).

        Isolationismus ist eine nicht per se unvernünftige Haltung, wenn man sich ansieht, was wir auf der Welt mit Idealen wie der „verchristlichung aller Völker”, dem Kolonialwesen (also dem noblen Bringen der „Zivilisation” zu den „Wilden“ und sicher nur notgedrungen deren Unterwerfung...) und dergleichen mehr geschaffen haben. Chinas Gesellschaftsumbau ist schlechterdings nur noch als absolut bedrohlich anzusprechen. Trotzdem ist es nicht unvernünftig, sich herauszuhalten, wenn man jemals über die Konsequenzen einer Intervention nachgedacht hat (wenigstens einer Intervention mit der nötigen Wucht, um Aussicht auf erwünschte Folgen zu haben). Man kann die als häßlich wahrgenommene rechte Verpackung auch gegen eine vielen Zeitgenossen angenehmere linke austauschen und von Antiimperialismus sprechen, wenn man das Heraushalten aus den Belangen anderer Völker und Konzentrieren auf die eigenen Angelegenheiten meint. Du magst mir ankreiden, daß ich, was zwischenmenschliches Handeln angeht, relativ liberal geworden bin. Tatsache bleibt aber, daß es meist mehr als eine vertretbare Position gibt und der Brustton, in dem Du andere abqualifizierst, weil sie Deine Ansichten nicht teilen, hat für mich etwas erschreckend Totalitäres (was ich Dir zugestehe, mir aber herausnehme, es erklärtermaßen für falsch zu halten).

        Über Assad brauchen wir nicht zu reden - er ist so wenig ein Weisenknabe wie es Putin ist oder wie die Hände von Deutschlands geliebtester Kanzlerin frei von Blut sind. Aber dann machst Du das nächste Faß auf (kein Wortspiel wegen der kürzlicher Erwähnung eines gewissen Machthabers): Das „Gute Leben“, respektive das davon abhängige bessere. Hier wären wegen sehr großer Unschärfe unbedingt zunächst der Begriff (und seine Verwendung) zu klären, bevor dazu viel ausgesagt werden kann.

        Zum Absatz danach: Konsens. Die Verbreitete Totalablehnung ist entweder nicht durchdacht, kaum konsequent durchführbar oder hechlerisch (z.B. diverse „Selbstverwalter“, welche natürlich die bestehende Infrastruktur weiterhin nutzen).

        Hinsichtlich der stark eingeschränkten Lebensmöglichkeiten gehe ich mit Dir mit, wir haben aber vermutlich unterschiedliche Vorstellungen, wie davon wieder wegzukommen wäre. Zum Schluß erklärst Du Leute für vernünftig, welche durchaus vertretbare Ziele haben, läßt aber wieder offen, ob es aus Deiner Sicht mit blödem Revoluzzertum getan ist, oder ob doch ein wirkliches Leben der eigenen Ziele erforderlich wäre.

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          Von msi am Mo, 22. Juli 2019 um 08:16 #

          Um einmal anzunehmen, daß Du den Durchblick hast, der so ziemlich allen anderen fehlt (was immerhin als Möglichkeit nicht auszuschließen ist) und nicht einfach überheblich auftrittst: Du verweist auf einen Kernpunkt, den Du dann vollständig im Nebel läßt. Warum? Ist Dir der Hauch des Besonderen, der dem Besitz von behauptetem Geheimwissen innewohnt, irgendwie nützlich (außer um Kleingeister zu beeindrucken)?

          Es wäre natürlich, statt auf derart albernes Gefasel zurückzufallen, auch möglich gewesen, eine konkrete Nachfrage zu stellen. Mir ging's schlicht darum, dass Postwachstumsideologen und zeitgenössische Verzichtsethiker sich durchweg dadurch auszeichnen, keinen Begriff davon zu haben, was der Wert ist. Was man dazu wissen muss, lässt sich bei Marx nachlesen.

          Konstruktives Handeln in einem Dialog wie dem unseren sieht anders aus.

          Ich hatte es hier keineswegs auf Konstruktivität angelegt. Wozu sollte das auch gut sein? Konstruktiv kritisieren kann man ohnehin nur Dinge, mit denen man grundsätzlich einverstanden ist.

          Dem nächsten Absatz muß ich energisch widersprechen. Zum ersten gebrauchst Du einen völlig deformierten Faschismusbegriff und beteiligst Dich somit an der gefährlichen Glattschleifung desselben, bis er eines Tages auf wirklich alles „paßt”. Die Identitären sind viel, aber keine Faschisten.

          Darüber, ob die IB nun als faschistisch zu bezeichnen ist oder nicht, mag sich streiten lassen. Ich gehöre jedenfalls nicht zu denjenigen, die mit diesem Begriff wahllos um sich werfen.

          Das, was Du geißelst, ist, wenn man es sich näher anschaut, nicht so dumm, daß man es sofort verwerfen könnte. Man hat sich auf der Rechten durchaus auch seine Gedanken gemacht und nicht wenig davon läßt sich durchaus begründet vertreten - wenn man anderen Ansichten aufgeschlossen gegenübertritt, natürlich.

          Einer Ansicht, die statt auf die freie Entfaltung von Individuen in einer befreiten Weltgesellschaft, darauf abzielt, diesen Planeten in ein nach homogenen Volksgemeinschaften gegliedertes globales Drecksnest zu verwandeln, werde ich mit Sicherheit niemals aufgeschlossen gegenübertreten. Dafür liegt mir schon meine eigene Lebensqualität viel zu sehr am Herzen.

          Isolationismus ist eine nicht per se unvernünftige Haltung, wenn man sich ansieht, was wir auf der Welt mit Idealen wie der „verchristlichung aller Völker”, dem Kolonialwesen (also dem noblen Bringen der „Zivilisation” zu den „Wilden“ und sicher nur notgedrungen deren Unterwerfung...) und dergleichen mehr geschaffen haben.

          Andererseits bietet das Gegenteil von Isolationismus auch so seine Vorteile. Man kann dann beispielsweise daran mitwirken, ein bis auf die Knochen antisemitisches, islamistisches Terrorregime, das an der Herstellung von Atomwaffen arbeitet, deren prospektiver Einsatzzweck ziemlich absehbar ist, mit Waffengewalt vom Platz zu räumen und auf seinem ehemaligen Territorium einen Mindeststandard an „freedom and democracy“ zu etablieren, dem die Bevölkerung in großen Teilen nicht abgeneigt sein dürfte.

          Hinsichtlich der stark eingeschränkten Lebensmöglichkeiten gehe ich mit Dir mit, wir haben aber vermutlich unterschiedliche Vorstellungen, wie davon wieder wegzukommen wäre.

          Was heißt da „wieder“? Es würde vielmehr darum gehen, überhaupt erstmals einen Zustand zu etablieren, in dem so etwas wie ein wirklich selbstbestimmtes individuelles und gesellschaftliches Leben möglich ist.

          Zum Schluß erklärst Du Leute für vernünftig, welche durchaus vertretbare Ziele haben, läßt aber wieder offen, ob es aus Deiner Sicht mit blödem Revoluzzertum getan ist, oder ob doch ein wirkliches Leben der eigenen Ziele erforderlich wäre.

          Eine Gesellschaft zu fordern, in der, wie ich oben geschrieben habe, „sich jeder nach seinen Fähigkeiten entwickeln kann und jedem nach seinem Bedürfnis gegeben wird“, gilt dir also als ein durchaus vertretbares Ziel. Mit anderen Worten: Das kann man ruhig vertreten, dass die Menschen nicht mehr Insassen einer sozialen Struktur sein sollen, in der ihr Erhalt und die Befriedigung ihrer Bedürfnisse lediglich Abfallprodukte des gesellschaftlichen Produktionsprozesses sind. Darauf muss man mal sagen: Das ist eine Gedankenkonstruktion, die jemandem, der sich auf Menschenverachtung schlicht nicht versteht, niemals in den Sinn kommen würde. Denn wer sich auf Menschenverachtung nicht versteht, für den kann dieses „durchaus vertretbare“ Ziel nur eines sein: alternativlos.

          Dass ich von blödem Revoluzzertum nichts halte, ist, denke ich, offensichtlich. Ebenso halte ich es für weitgehend unangebracht, Menschen, die ein grundlegendes Problem mit den aktuellen gesellschaftlichen Zuständen angreifen – unter deren Zwängen sie selber leiden und die sie gerade dazu zwingen, sich oft in einer Art und Weise zu verhalten, die ihnen unerträglich ist – mit der Forderung nach dem „wirklichen Leben der eigenen Ziele“ zu begegnen. Dass man nicht einfach individuell durchweg das komplette Gegenteil von dem veranstalten kann, was man im Rahmen einer politischen Bewegung fordert, wenn es einem mit diesen Forderungen erst ist, stimmt natürlich. Es ist aber eine Banalität, die am Kern des Problems vorbeigeht, das heißt: vorbeigeht an den krassen Widersprüchen, in die das soziale Verhältnis die Einzelnen da notwendig verwickelt.

          Für mich ist an dieser Stelle das Ende der Sendezeit erreicht.

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            Von kraileth am Di, 23. Juli 2019 um 07:20 #

            Deinen Wunsch, es dann dabei zu belassen, respektiere ich und spreche nicht weiter unsere Themen an, auf wegen derer Du DIch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit genötigt fühlen würdest, nochmals zu reagieren - auch wenn es mir beim angesprochenen iranischen Unterdrückungsregime in den Fingern juckt, die eine oder andere Ergänzung dazu zu stellen, um es einzuordnen, und ich eigentlich gerne zumindest den sich mir aufdrängenden Verdacht klären würde, daß Deine Weltsicht der Beschränktheit strinkt materialistischen Denkens unterworfen ist.

            Deshalb nur so viel: Ich halte Deine Einstellung, wie sie aus Deinen Texten hervorscheint, für vertretbar, aber ganz bestimmt nicht für zwingend. Wer vermeintliche Alternativlosigkeiten propagiert, der landet ganz schnell im Fahrwasser einer Doktrin und kann nicht mehr halbwegs frei und unvoreingenommen über die Welt nachdenken. Bitte bedenke, daß nur ein verschwindend kleiner Teil der Menschen mit völlig verdrehten Hirnen ein - wie auch immer definiertes - Böses für erstrebenswert hält. Der absolute Großteil hält sich selbst für gut. Der Identitäte strebt mitnichten ein „globales Drecksnest“ an (das ist nur Dein Urteil dafüber!), sondern würde wahrscheinlich von einem „wunderschönen Mosaik unterschiedlicher Völkerschaften auf der Erde“ sprechen und dürfte davon eher ein sehr sauberes als ein dreckiges Bild haben. Warum man diese Vision nicht vertreten dürfen sollte, erschließt sich mir nicht. Dein Ziel ist in Deinem Kopf sicher das schönere. Aber vielleicht solltest Du Dir bewußt machen, daß kein Einzelwesen auf der Welt auch nur annähernd allein maßgeblich ist. Deine Idee konkurriert mit anderen und der unvoreingenommene (oder sogar wohlmeinende) Beobachter kann an beiden Gedankenbildern eine Art Schönheit erkennen, auch wenn sie ganz unterschiedlich geartet ist. Du scheinst zu glauben, daß Deine Forderung (einer Variante des alten „suum cuique“) schließlich alle Menschen einschließt und mithin das beste für alle wäre. Das gleiche glaubt der Identitäre, der überzeugt ist, mit seiner Vision das Harmoniemodell umzusetzen, wo letztlich dann sogar „linke Spinner“, die seiner Meinung nach die Ordnung unter und den Frieden zwischen den Völkern bedrohen, ihren Platz finden und glücklich im Volkskörper aufgehen werden. Er wird daher Deine Art der Zwangsbeglückung energisch zurückweisen - und da gehe ich mit ihm mit. Denn wie gesagt: Dein zum Ausdruck gebrachter Totalitarismus ist nichts für mich. Und ich glaube, daß ich nicht der einzige Querkopf bin, der, selbst wenn er ein Ziel teilt, die Gefolgschaft verweigern würde, wollte mich jemand zwingen, einen fragwürdig-„alternativlosen“ Weg zu bestreiten.

            Ich wünsche Dir mit diesen paar Denkanstößen noch eine schöne Woche.

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