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Mo, 14. August 2017, 08:18

Gemeinschaft::Konferenzen

Matthew Garrett über Debians Zukunft

Matthew Garrett hat als Gastredner auf der am Wochenende zu Ende gegangenen DebConf einen kritischen Vortrag über den Zustand von Debian als Projekt in einer sich wandelnden Software-Welt gehalten.

Matthew Garrett, Preisträger des FSF Award 2013

FSF

Matthew Garrett, Preisträger des FSF Award 2013

Der Sicherheitsexperte und Open-Source-Aktivist Matthew Garrett, der sich nie scheut, provokante Thesen zu vertreten, hat auf Debians Jahreskonferenz Debconf 17 in Montreal einen Gastvortrag mit dem Titel »Heresies in Free Software - What do the next 20 years look like« gehalten. Als Aufhänger seines Ausblicks auf die nächsten 20 Jahre freie Software dienten ihm die Debian Free Software Guidelines (DFSG), die sich Debian im Rahmen des Debian Gesellschaftsvertrags vor 20 Jahren ins Stammbuch geschrieben hatte.

Garrett sieht dies als die Geburtsstunde von Debian als sozialem Projekt, dass über seine Bedeutung als technisches Projekt hinausragt. Hier setzt auch Garretts Kritik an. Dieser Vertrag werde schon langer nicht mehr mit Leben gefüllt. Würde er heute geschrieben, würde er völlig anders aussehen. Das sollte laut Garrett zu denken geben. Debian sei nicht mehr sichtbar innovativ und nehme seine Rolle als eine verlässliche Instanz in Sachen freier Software weder technisch noch sozial an. Dabei sagte er nicht, dass Innovation nicht in vielen Teilbereichen diskutiert werde, es fehle jedoch an der kritischen Masse, um innovative Ideen auch umzusetzen.

Dabei bezieht sich Garrett auf Bereiche wie Sicherheit, wo er provokant in den Raum stellt, Windows 10 sei heute sicherer als Debian. Weitere Bereiche sind Patente und Markenrecht. Debian dürfe das Spielfeld nicht multinationalen Konzernen überlassen, die freie Software nur als Lippenbekenntnis schätzen, ansonsten aber lediglich den Anforderungen ihrer Kunden gerecht werden und dann auch freie Software einsetzen, wenn dies opportun ist.

Unterschwellig klang durch, es fehle Debian an Führung, an einer Instanz, die Entwicklungen und Entscheidungen bündelt und nach vorne bringt. Ohne eine solche Führung dauern Dinge länger, als es für die Entwickler im Upstream und die Nutzer an der Basis zuträglich ist. Debian hat hier eine Rolle in der Mitte, der es laut Garrett nicht gerecht wird. Der Sozialvertrag stelle den Nutzer in den Fokus, dieser erhalte aber zu alte Software, die teils schon längst behobene Fehler enthalte. Das wiederum verursache unnötige Verschwendung von Lebenszeit auf beiden Seiten, da Entwickler wie Anwender nachbessern müssten.

Während Debian stagniere, entwickelten sich in der weiteren Open-Source-Szene innovative Projekte, die die Herausforderungen der Gegenwart annähmen. Auch die riesige Zahl der Derivate, die auf Debian setzen, zeigt einerseits, das Debian als ultrastabile Basis geschätzt wird, andererseits zeigen sie in ihrer Anzahl auch die Defizite auf, die den Derivaten Anwender zutreiben. So hatte etwa auf einer DebConf vor drei Jahren Debians Urgestein Bdale Garbee die künftige Rolle von Debian bereits als Basis und Paketarchiv für Derivate vorausgesehen.

Garretts Fazit am Ende des Vortrags geht dahin, dass Debian in 20 Jahren völlig irrelevant sei, wenn nicht wieder Innovation nach außen getragen und eine Führungsrolle bei den drängenden heutigen und künftigen Themen angenommen werde. Garrett sagt klar, er habe nicht alle Antworten auf die angesprochenen Probleme, versprach jedoch in der anschließenden Fragerunde, die Antworten, die er glaube zu haben, in seinem Blog zu veröffentlichen.

Dieser und viele weitere Vorträge von DebConf 17 sind als Video verfügbar.

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