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Mo, 11. August 2003, 00:00

Die Diktatur des schönen Scheins

Das Buch

Cover von »Die Diktatur des schönen Scheins«

Bruno Hopp

Cover von »Die Diktatur des schönen Scheins«

Dieses kleine Taschenbuch von Neal Stephenson, der schon das vielgelesene "Cryptonomicon" schrieb, zeichnet Geschichte und Wirkung von grafischen Nutzeroberflächen von Computersystemen nach. Ganz im Stil eines Essays, mit einer sehr persönlichen Sicht eines Journalisten auf den Problemkreis Computerleid und Nutzung der ach so modernen grafischen Oberflächen, stellt Stephenson gleich auf den ersten Seiten klar, dass er für viele Jahre ein begeisterter Anhänger dieser Oberflächen war: Apples MacOS ist ihm noch heute vertraut, Millionen Menschen arbeiten täglich mit Microsoft Windows. (Computer-) Fenster und deren Technologie, wie der englische Begriff "windows" nahelegt, wurden nie von Apple und erst recht nicht von Microsoft erfunden: Unixsysteme haben eine glasklare Trennung von Betriebssystem und darauf aufsetzendem Fenstersystem plus auswechselbarem Fenstermanager. Was für jeden Linuxer eine ziemlich langweilige Binsenweisheit darstellt, war für Stephenson eine relativ schockierende Erfahrung: dass Betriebssystem und die grafische Oberfläche durchaus getrennt sein können und im Prinzip die GUIs aller Art reichlich beliebig austauschbar sind, etwa nach persönlichem Geschmack.

Mit zahlreichen Rückblicken auf seine persönlichen Erfahrungen als freischaffender schreibender Journalist und vielen bildhaften Vergleichen stellt Stephenson dar, wie emotional und irrational manche Computernutzer sein können. Diese ganzen Reihen von Icons, von Symbolen und Menüleisten in Programmfenstern verleiten natürlich die Computernutzer, sich erstmal nur auf dieses grafische Angebot zu konzentrieren. Stephenson ist überzeugt, dass diese reichlich aufdringliche Art (der grafischen Computerschnittstelle) die Computernutzer auf Dauer entmündigt und sie davon abhält, die wirklich interessanten Dinge auf den Maschinen überhaupt kennenzulernen.

Manchmal provokant, aber immer mit Überlegung und einem ansteckenden Humor plädiert Stephenson gegen diese Gefahr der Verdummung, die er für ein ausgemachtes Kennzeichen der verbreiteten Microsoft- aber auch Apple-basierten Softwareprodukte hält. Anstatt wie tausend andere aber in Kulturpessimismus steckenzubleiben, argumentiert Stephenson aus persönlicher Erfahrung: er hat in Linux und auch im gegenwärtig kaum noch diskutierten BeOS frei verfügbare, nicht kommerzielle Betriebssysteme höchster Qualität gefunden, die er als hervorragende Alternativen ernsthaft schätzen gelernt hat. Inzwischen überzeugter jahrelanger Nutzer von Debian Linux, stellt die systematische Trennung von X-Windows-System und dem darunterliegenden "puren" Betriebssystem eine qualitativ hochstehende Lösung dar, die zudem durch den Open-Source-Gedanken zahlreiche kommerzielle Angebote mit Qualität und Stabilität übertrifft. Stephenson schwärmt natürlich von manchen Eigenschaften seiner Linuxrechner, die manch einer heute womöglich belächelt: seit der Drucklegung des Originals hat die Technik rasante Fortschritte gemacht, Videos mit Xine, DVDs brennen und Multimedia insgesamt, Serversoftware als auch Desktoplösungen wie XFce, GNOME und KDE zeigen, das Linux "ready for the desktop" ist.

Fazit

Kurz: spannend geschriebenes Essay, überzeugend und mit spritzigem Humor. Klare Gedanken zu Computerthemen, nicht nur für Dummies. Deshalb: eine klare Leseempfehlung für alle Computeranwender, die gern auch mal was "nicht Technisches" lesen mögen.

Fakten

Autor: Neal Stephenson
Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
Preis: 6,90 EUR
Umfang: 189 Seiten
Verlag: Wilhelm Goldmann Verlag, München
ISBN: 3-442-15177-5

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