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Mo, 1. Januar 2001, 00:00

Editorial: Das Jahr der Open Source

Prinzipiell könnte man jeden Monat die Frage stellen: Was hat sich in den letzten 12 Monaten ereignet? Was werden die nächsten 12 Monate bringen? Der Januar ist also dafür genauso geeignet wie jeder andere Monat. Nett ist aber, daß man "die letzten 12 Monate" durch "2000" und die nächsten 12 Monate durch "2001" ersetzen kann :-)

Schauen wir also einmal zurück auf 2000. Ich will hier nicht auf Einzelheiten eingehen, mich interessiert das Gesamtbild. Und hier sind die größten Auffälligkeiten in diesem Bild:

  • Open-Source-Firmen, die rechtzeitig an die Börse gingen, erlebten einen spektakulären Höhenflug, gefolgt von einem ebenso drastischen Absturz. Dieser Absturz, eigentlich nur eine notwendige Kurskorrektur, betraf aber die meisten IT-Firmen allgemein und die "New Economy" im Besonderen. In der Folge haben viele Linux-Firmen ihren geplanten Börsengang abgeblasen oder erst gar nicht in Angriff genommen.
  • Regierungen weltweit nehmen Open Source zur Kenntnis, fördern sie und planen ihren Einsatz. Deutschland, Frankreich, Norwegen, USA, China sind hier die bekanntesten Vertreter.
  • Die Firmenunterstützung für Open Source nahm massiv zu. Prominentestes Beispiel ist hier natürlich IBM, doch gab es letztes Jahr zahllose weitere Beispiele.
  • Mit XFree864.0, Gnome 1.2 bzw. Helix Gnome und KDE 2.0 steht eine neue Generation von Linux-Desktops zur Verfügung. Kernel 2.4 schaffte es zwar nicht mehr, doch der Kernel ist ohnehin für die Applikationen ohne Bedeutung. Dafür konnten die Entwickler auf einen sehr stabilen und gereiften Kernel 2.2 aufbauen, was der Entwicklung sicher nicht geschadet hat.
  • Corel kam und ging und hinterließ Corel Linux, das durchaus als netter Versuch durchgehen kann und vielleicht bald noch einmal eine Renaissance erleben wird. Der Office Suite und Corel Draw dagegen wird kaum einer eine Träne nachweinen, sie waren einfach zu buggy.
  • Linux hat mehr Benutzer als MacOS, ein proprietäres, instabiles und limitiertes Betriebssystem für die proprietäre Apple-Hardware. Apple-Benutzer rühmen zwar die Benutzerfreundlichkeit des Systems, seine Stabilität und Leistungsfähigkeit werden jedoch nie erwähnt... Auch FreeBSD, NetBSD und OpenBSD sind stark im Aufwind.
  • Weitere Annehmlichkeiten: SourceForge nahm den Betrieb auf und stellt eine komfortable Infrastruktur für Open Source Entwicklung zur Verfügung. Die USA geben Kryptografie weitgehend frei, was ihrer Verwendung weltweit zugute kommt.

Es gab auch Schattenseiten:

  • Erstmals mußten Linux-Firmen Personal entlassen. LinuxCare, Red Hat (Wide Open News) und Innominate wollten oder mußten sich von zu kostspieligen Teilen trennen, zum Teil auch als Folge der Börsenschwäche. ID-Pro mußte gar Konkurs anmelden, nachdem ein Geldgeber absprang und kein Ersatz zu finden war.
  • Teile der Industrie, besonders der Unterhaltungsindustrie und der kommerziellen Softwareindustrie, bekämpfen die Freiheit (nicht die Kostenfreiheit, sondern die Freiheit der Information und die Freiheit, Software zu entwickeln) mit Ländercodes, Patenten und juristischen Schritten.
  • Es gibt Bestrebungen, vor allem in den USA, die Lizenzbestimmungen für kommerzielle Software zu verschärfen, so daß der Benutzer weniger Rechte und der Autor weniger Pflichten hat. In wenigstens zwei Bundesstaaten ist das Gesetz bereits beschlossen. Für den Benutzer ist das schlecht, für Open Source, das solche Knebelbestimmungen nicht kennt, ist es allerdings gut. Denn die Benutzer werden sich verstärkt fragen: "Warum sollte ich eine solche Lizenz akzeptieren?"

So, und was werden wir dieses Jahr erleben? Auf jeden Fall Kernel 2.4. Linus hat am Silvestertag einen "Pre-Release" von Kernel 2.4 veröffentlicht, und die nächste Version, die wohl noch im Januar erscheinen wird, wird 2.4.0 sein. Es sei denn, Linus ist weiterhin erfinderisch mit den Kernel-Versionsbenennungen: 2.4.0-almost1 oder so...

Auch Alan Cox und Andre Hedrick hatten offenbar keine gute Silvesterparty :-), denn wenige Stunden nach dem Pre-Release hatten sie bereits neue Patches erstellt.

Open Source Software ist weiterhin stark im Kommen, während kommerzielle Software, vor allem von Microsoft, Rückschläge erleiden mußte. Zu groß sind auf mittlere Sicht die Vorteile von Open Source. Open Source Software ist generell von höherer Qualität als proprietäre. Letztere wird gerade so weit entwickelt, daß sie vermarktet werden kann. Da dies immer mit einem Veröffentlichungstermin verbunden ist, bleiben Flexibilität und Qualität meist auf der Strecke. Open Source ist dagegen sehr modular und flexibel, wie Alan Cox in seinem Vortrag auf dem LinuxTag 2000 erläuterte. Durch die Modularität können viele Entwickler gleichzeitig an einem Projekt arbeiten. Man braucht nicht lange zu suchen, um Beispiele zu finden:

  • XFree86 4 hat sich von den monolithischen X-Servern verabschiedet und lädt jetzt so gut wie jedes Feature als Modul
  • Für Perl und Python gibt es Tausende von Modulen
  • GIMP kommt mit eine großen Zahl von Plugins
  • Der Linux-Kernel ist zwar monolithisch, doch ist der eigentliche Kernel überschaubar. Der Großteil des Codes besteht aus Treibern, deren Bindung zum Kernel eher lose ist

Linux auf dem Desktop ist ebenfalls im Kommen, doch nicht allzu schnell. Es gibt allerdings Faktoren, die dies beschleunigen könnten. Ein Punkt sind die steigenden Lizenzkosten und restriktiveren Lizenzen von kommerzieller Software, besonders Windows. Man könnte sich ja fragen, warum man ein komplett neues System erwerben muß, um die Oberfläche etwas aufzupolieren (von NT auf Windows 2000, dessen Haltbarkeitsdatum nebenbei abgelaufen ist - bitte schnell verbrauchen). Unter Linux erledigt man das Gleiche mit ein paar RPMs oder DEBs und muß nicht einmal neu booten. Und keine 800 DM oder mehr pro Rechner für den Update hinlegen.

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