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So, 20. August 2006, 00:00

Jacklab ein Jahr später

Kommentare eines Insiders zu AudioLinux

Einführung

Schon vor über einem Jahr hatte ich das viel beachtete Resümee zu AudioLinux geschrieben. Damals war mir schon klar, was geht und was nicht, und was passieren muss.

Nur - zu dem Zeitpunkt war ich noch kein »Insider« - sondern nur ein begeisterter Musiker, der seine Freude darüber zum Ausdruck bringen wollte, was er gefunden hatte, wie man das anderen zugänglich macht und verbessern könnte. Inzwischen sind viele Kernels kompiliert und einiges hat sich verwirklicht, wenn auch die Wirklichkeit dazu zwingt, Abstriche zu machen. Der folgende Bericht ist sehr subjektiv, zum Teil etwas zynisch, aber spiegelt meine direkten Erfahrungen mit AudioLinux und seinem Umfeld wider.

Ich bitte darum, den folgenden Text als Ganzes zu betrachten. Ich will weder jemanden diskreditieren noch hochjubeln, wie der Eindruck enstehen könnte, wenn man einzelne Abschnitte aus dem Zusammenhang reißt. Es geht hier nicht um Für oder Wider und es steckt auch keine abschließende Bewertung dahinter.

Geschichte

Greife ich also ein wenig in der Geschichte zurück und erzähle erstmal chronologisch, was so passiert ist.

Ich hatte Anfang 2005 das Projekt JackLab gegründet, das sich darum kümmert, dass es mit einem SUSE Linux möglich ist, Musik zu produzieren - Pro-Linux berichtete.

In Zusammenarbeit mit freien »Susern« (Freiwillige, die RPMs für SUSE Linux erstellen, z.B. PackMan) wurden so die ersten erweiterten Audioprogramme für SUSE Linux per APT4RPM angeboten, die auch von mir und anderen Usern auf Funktion getestet wurden, bevor sie veröffentlicht wurden. Hatte SUSE Linux in der Vergangenheit doch oft zwar solche Programme enthalten, doch wurden diese anscheinend niemals vorher getestet, so dass z.B. der Midi/Audiosequenzer MusE sich nicht starten ließ.

Für ProAudio ist auch ein Audiosystem mit niedriger Latenz nötig, um virtuelle Instrumente mit echtem Gefühl ohne Verzögerung spielen oder nativ berechnete Effekte in Echtzeit benutzen zu können - auf unoptimierten Systemen nur mit ALSA ist die Latenz aber etwa 250ms. Dafür wurde der auf ALSA aufsetzende Audio-Server JACK (JACK Audio Connection Kit) von Paul Davis entwickelt. Doch muss auch der Kernel dies unterstützen, und zwar mit den von Ingo Molnar entwickelten Realtime-Preempt-Patches für die 2.6.x-Kernel. Dieser Patch fügt dem Nicht-Echtzeit-Betriebssystem-Kernel Linux drei mögliche Echtzeitstufen hinzu: Voluntary Kernel Preemption (Desktop), Preemptible Kernel (Low-Latency Desktop) und Complete (Real-Time).

Mit Hilfe eines Kernelhackers wurde ein Tutorial veröffentlicht, wie man sich einen Kernel selber kompiliert, der die erforderliche Real-Time Preemption bereitstellt, um seine volle Audio-Performance mit niedriger Latenz bis zu 1 ms ausspielen zu können. Auf Windows-Systemen wird die niedrige Latenz einfach mittels Kernelstreaming der Audiotreiber bereitgestellt, ASIO genannt.

Außerdem richtete ich später ein Supportforum für ProAudio-Belange mit SUSE Linux ein.

Es wurde ein CD-Image als eine mögliche Distributionsform angedacht, das aber bisher nur intern getestet und nie veröffentlicht wurde. Als Name für dieses auf openSUSE basierende Multimedia-Linux hat bisher JackLab Audio Distribution oder kurz JAD Verwendung gefunden.

Inzwischen sind die JackLab-Repositorien wohlgefüllt mit aktueller Audiosoftware für SUSE Linux 10.0 und 10.1, mit einem leicht zu installierenden Audio-Echtzeit JAD-Kernel.

Trägt man JackLab in seinen YaST, Smart- oder APT-Paketmanager ein, so kann man mit Hilfe des im Wiki veröffentlichten Tutorials (Nerd 3 Steps to JAD) leicht sein SUSE zu einer Digital Audio Workstation aufbohren - entsprechende Linuxskills natürlich vorausgesetzt.

Verwandlung openSUSE

In der gleichen Zeit ging auch bei SUSE Linux eine Verwandlung ab, der heutige Besitzer Novell hat ja einige großartige Pläne und krempelte erstmal alles um. Im Oktober 2005 ging opensuse.org in Betrieb, SUSE Linux sollte hier nun eine neue freie Entwicklungsbasis bekommen. Die Perlen der Entwicklung sollten dann in die SUSE-Enterprise-Produkte einfließen. Auch JackLab wurde ein openSUSE-Projekt. Ich telefonierte mit verschiedenen SUSE-Mitarbeitern, um aktive und ideelle Hilfe zu bekommen. Ich war ganz begeistert vom Community-Gedanken und der Möglichkeit, dass die Erfahrung der SUSE-Entwickler mit den Bedürfnissen der User in eine SUSE-basierte Musikproduktions-Distribution (JackLab Audio Distribution) einfließen.

Doch die Firmenpolitik des Besitzers Novell machte dem einen Strich durch die Rechnung. Wertvolle SUSE-Mitarbeiter wurden entlassen oder gingen freiwillig. Novell braucht SUSE im Kampf um Marktanteile, die Microsoft und Red Hat innehaben. Da ist wenig Platz für ein nur eine Minderheit betreffendes Projekt, das auch noch etwas vertritt, was der unbedarfte Außenstehende leicht in eine Spieleecke drängen kann.

Um mal mit einem Bild zu sprechen: Das SUSE-Chamäleon wurde von einem amerikanischen Straßenkreuzer überrollt mit dem Kommentar »war nur irgendein sich in Superlativen äußert.

Fast sämtliche früheren Entscheidungsträger bei SUSE sind heute durch amerikanische Manager ersetzt, denen die gewachsene deutsche Benutzerbasis wenig bedeutet. Dabei nimmt die Qualität des Produktes SUSE Linux Schaden und erlebt in Deutschland einen herben Image- und Vertrauensverlust.

Ich werde den Eindruck nicht los, dass die openSUSE-Community heutzutage mehr Alibifunktion hat, um auf Modelle von Überfliegern wie Ubuntu zu reagieren. Doch ist die Zusammenarbeit zwischen Usern und Entwicklern heute schlechter denn je. Bei SUSE regieren heutzutage nur noch Marktanteil und Gewinnprognosen, für Experimente ist wenig bis kein Platz mehr - außer es geht darum, das Produkt amerikanischer zu machen. Und diese Entwicklung erscheint mir sehr oberflächlich.

Ubuntu vs. SUSE

Auch andere Linux-Communitys, wie User von Ubuntu, haben das Bedürfnis geäußert, dass mit ihrer Linux-Distribution Musikproduktion möglich wird. Es bildete sich das Projekt ubuntustudio.com, das eine ähnliche Ausrichtung hatte wie JackLab.

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